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Kölsch drinke un schwade - Festrede

von Dr. Heribert A. Hilgers

Als die Kölner Brauer im Zeichen des Petrus von Mailand im Jahre 1396 zusammen mit den anderen Gaffeln den Verbundbrief aushandelten und besiegelten, war die Sprache der Gelehrten in Köln Latein. An der Universität, die acht Jahre zuvor 1388 gegründet worden war, sprachen Latein nicht nur die Theologen, sondern auch die Juristen und Mediziner, nicht nur zuweilen, sondern grundsätzlich. Wer kein Latein konnte, konnte nicht studieren, er hätte kein Wort verstanden, er hätte erst recht nicht mitreden können. Wer aber Latein sprach, konnte von der Universität Köln nach Heidelberg, Wien oder Prag, auch nach Paris oder Montpellier, Bologna oder Salerno oder Salamanca wechseln, überall war er sprachlich zu Hause, überall verstand er, was gelehrt wurde, und konnte sich selbst verständlich machen. Latein war die Wissenschaftssprache des Abendlandes, ermöglichte den Transfer von Denken und Wissen über alle Grenzen hinweg.

Wer kein Latein sprach, sprach irgendeine lingua vulgaris, eine Volkssprache. Da mußte man es, wie die Gelehrten meinten, nicht so genau nehmen. In Köln sprach man eine Sprache, die mancherlei Gemeinsamkeiten hatte mit den Idiomen, die man in Bayern oder Schwaben oder Sachsen sprach, aber die ein Bayer, ein Schwabe, ein Sachse keineswegs ohne weiteres und ohne Hilfe verstanden hätte. Es gab noch kein Hochdeutsch. Und weil es noch kein Hochdeutsch gab, gab es eigentlich auch keine Mundarten. Das Bier, das 1396 in Köln gebraut wurde, war noch nicht das, was wir heute unter Kölsch verstehen, und die Sprache, die 1396 in Köln gesprochen wurde, war noch kein Kölsch im heutigen Sinne.

Durch sechs Jahrhunderte hindurch entwickelte sich die Kölner Braukunst, so wie die Kölsche Sprache. Und beide trugen ihren Teil zur kölnischen Lebenskunst bei, beide haben ihren Anteil an der kölschen Eigenart, beide haben ihre Funktion, wenn es darum geht, daß und wie man in Köln zu leben versteht. Diejenigen, die Kölsch sprechen, als ihre Sprache sprechen, haben sich immer auch dem Produkt der Kölner Braukunst in besonderer Weise zugehörig gefühlt. Aus den Werken der Kölner Mundartautoren könnte man leicht eine kleine Blütenlese von Texten zusammenstellen, die dem altkölschen Bräues, seinem Personal und seinem Produkt gewidmet sind. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit hat seinen Grund: Ich kenne eine Reihe anderer Getränke, die ihren Namen nach der Stadt oder der Region tragen, in der sie hergestellt werden, aber ich kenne keine andere Stadt, in der das für sie typische Getränk denselben Namen hat wie ihre Sprache. Kölsch braue un dringe - Kölsch schwade un schrieve, beides ist eine Kunst, auf die man sich nur in Köln versteht. Das eine wie das andere ist eine heitere Kunst. Das eine wie das andere ist eine Kunst, in der es, schon immer und heute ganz besonders, auf Einigkeit und Selbstbewußtsein ankommt.

Kölsche Braukunst und Kölsche Sprachkunst tun das Ihre, um so etwas wie Kölsche Identität zu schaffen und zu erhalten. Die eine feiern heißt also auch die andere preisen. Die Antwort darauf, warum Kölsch als Sprache allen Grund hat, auf seine Fähigkeiten stolz zu sein, ist auch eine Antwort darauf, warum wir Kölsch als Bier lieben. Es ist ein und dieselbe Kölsche Kreativität, die in beiden wirksam ist. Es ist ein und derselbe Sinn für die Verbindung von Solidität und Vielfalt, der für beide charakteristisch ist. Beide, Kölsch als Bier und Kölsch als Sprache, prägen auf ihre Weise unsere Stadt, das immer zugleich alte und moderne, heilige und unheilige Köln, diese, wie jeder Kölner weiß, Stadt wie keine andere.

Weil ich vom kölschen Brauen nichts, aber etwas von der kölschen Sprache verstehe, will ich jetzt über deren Vermögen etwas sagen, um so zugleich die Kölsche Lebensart zu preisen und die Kölsche Braukunst, die, wie ich meine, ein Teil von ihr ist.

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Die Kölsche Sprache ist längst eine Sprache der Zweisprachigen. Wer Kölsch kann, kann auch Hochdeutsch. Das wirkt sich aus. So wird es möglich, den Bereich des Amtlichen und der Ämter, jedenfalls das Finanzamt , auch das Einwohnermeldeamt und das Bauaufsichtsamt und so weiter, ferner den Bereich der Politik, zumindest der sogenannten großen, sicher auch den Bereich der Wissenschaft, einschließlich der offiziellen Gesundheitspflege und der förmlichen Rechtspflege, und schließlich den Bereich, in dem es um Soll und Haben - oder Haben und Nicht-Haben - im großen Maßstab geht, ganz oder ganz überwiegend dem Hochdeutschen zu überlassen. Kölsch dagegen ist die Sprache des "unger uns", die Sprache fürs Private und für die Zeiten der Entspannung, die Sprache für Feste und Feiern und die Sprache, in der man miteinander über die wichtigen, über die ersten und letzten Dinge reden kann. Kölsch spricht man da, wo man auch Kölsch trinken kann, und wo man Kölsch trinkt, kann man auch Kölsch reden.

Für Situationen und Themen wie die genannten ist der Kölsche Wortschatz reichhaltig, elaboriert, wie man so sagt. Das gilt für den Bereich der Gemütsbewegunqen und der emotional bestimmten Tätigkeiten. Es gilt vor allem für den Bereich der emotional geprägten zwischenmenschlichen Beziehungen. Es gibt im Kölschen zum Beispiel rund drei Dutzend Wörter für Kinder. Ich meine damit nicht Wörter, die man beiläufig oder metaphorisch auch einmal auf ein Kind anwenden kann, wie "mie Hätzje", sondern richtige Synonyme und Teilsynonyme:

et jitt e Babaditzje un e Schnüggelche, nen Botzendresser un ne Stinkadores, e Buselche un e Stubbeditzje, e Pannestätzje un e Föttche-aan-der-Äd, ne Fitzemann un ne Futzemann, e klei Stümpche, ne Knaggedotz un ne Knaggewarijes, ne Botzemann un ne Lotterbov, Junge und Weechter, Pänz un Puute, Bälch un Blaje, Krött un Köttele, Pööschjer un Kälcher, i-Dötzjer un i-a-Köttel, Fetze, Quös un Ströpp, Fante, Quante un Trabante. Diese Wörter haben alle etwas Gemeinsames, aber unterscheiden sich doch deutlich voneinander. Man kann einen besonderen Sympathieträger unter ihnen haben. Das haben sie mit den Kölsch-Marken gemeinsam.

Vielleicht gibt es aber auch etwas Trennendes. Nicht alle kölschen Kinderwörter sind mit einem positiven Vorzeichen versehen, sind Ausdruck von Zärtlichkeit, einige enthalten auch Konnotationen des Ärgers und des notgedrungenen Abfindens mit einem notwendigen Übel. Die Kölner lieben ihre Kinder. Aber sie kennen die alte, in der Bibel und bei den alten Griechen beglaubigte Lebenserfahrung, daß Liebe und Zucht, Zuneigung und Züchtigung in einem direkten, geradezu kausalen Zusammenhang miteinander stehen. Also ist es nicht mehr als logisch, daß es, gemäß der Vielzahl der Kinderwörter, im Kölschen auch eine entsprechende Vielzahl von Wörtern und Ausdrücken gibt für die Tätigkeit der 1iebvollen Züchtigung und ihren Inbegriff, das verhauen, und für all das, was man dabei austeilen und empfangen, jevve un krijje oder enfange kann: en Juv, en Jing, en Schnaf, en Fimm, en Tachtel, ne Firmbängel, ne Balch Wax, Schwades, Schores, Knuuze, Schluffezupp, en Knallzijar un e Wamännche, Ress, Klöpp un Knüpp, Schröm un Schrüpp, Haumichblau un Aska met Schohnäl. Und wie generell im Kölschen die verbale Ausdrucksweise gegenüber der substantivischen dominiert, so ist es auch hier. Mer kann se jebimsch krijje un jeresse, se jetupp un jezopp, se jeschnaf un jeprinz, es jebrannt un eine jetachtelt, ere eine jeklääv un e paar jetrocke, ere eine op en Uhr un se op et Driehbrett, er e paar en der Nacke un se op et Maseräng odder op et Schemisettche. Zum Passiv gehört, nicht nur in der Grammatik , das Aktiv. Mer kann einer verkamesöle, verbimsche, verdresche, zerschwade, durchbleue, einer öm der Balch un öm de Lappe schlage, einem de Jack voll un einer schwatz un blau haue, einer knidderenenein un einer zom Schänzje schlonn; mer kann einem eine klevve, eine trecke, eine knalle, Mores enbleue, eine op et Daach jevve un zeije, wat et jeschlage hät. Und weil keine Sache ohne Ursache, aber auch keine Ursache ohne Folge ist, hat auch die Tätigkeit, von der hier mit allen ihren Varianten die Rede ist, ihre in Konsekutivsätzen ausgedrückten Folgen: dat de Fetze fleje, dat hä Plattföß kritt, dat hä sich tirvelt, dat hä de Jick, de Tummeleut odder der Kuckelenbaum schleit, dat im Höre un Sinn verjeit, dat hä nit mih weiß, ov hä e Männche odder e Wievje ess un dat hä sing Knöchelcher em Sackdoch heimdrage kann.

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Nun heißt es ja: Jung gewohnt ist alt getan. Weil nun das helle, blonde Kölsch in besonderer Weise Hellsicht zu vermitteln imstande ist, mag auch nach dem Genuß einer Reihe von Stangen einmal der Eindruck entstehen, daß bei einem Trinkpartner die seinerzeitigen elterlichen Züchtigungsakte keinen hinlänglich großen Schub auf dem Weg zur Weisheit bewirkt haben. Sollte in einer solchen Erkenntnissituation das Bestreben übermächtig werden, einen entsprechenden Nachhilfeunterricht liebevoll nachzuholen, steht auch dem Erwachsenen der genannte Wortschatz, Ergebnis eines sich über viele Generationen im wahrsten Sinne des Wortes niederschlagenden Kölschen Einfallsreichtums, frei zur Verfügung. Wer einmal in der Situation gewesen ist, nach Worten suchen, um Ausdruck ringen zu müssen, weiß, daß ein solcher Vorrat ein beträchtliches Stück Lebensqualität darstellt.

Von Qualität muß ohnehin jetzt die Rede sein. Denn zunächst haben die Aufzählungen ja nur den Eindruck vermitteln können, daß die kölsche Sprache da, wo es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, über eine Vielzahl, eine große Quantität von Wörtern und Ausdrücken verfügt. Aber warum ist das so? - Die Frage ist leicht zu beantworten. kö1sche Lebenskunst und Lebenserfahrung weiß, daß gerade in diesem Bereich Unterscheidungen nötig sind. Kinder und ihre Lebensäußerungen sind so vielfältig, das Verhauen ist eine so entscheidende, aber im jeweiligen Lebenszusammenhang auch so unterschiedliche kulturelle Tätigkeit, daß da das Scheren über einen Kamm, das Schlagen über einen Leisten barbarisch wäre: Eine gepflegte, kultivierte Sprache wie die kölsche ermöglicht es mit ihrem reichhaltigen Repertoire ihren Sprechern, sachgerechte feine Unterschiede zu machen.

Weil das so ist, können wir an die kölsche Sprache, wie an den Kölner überhaupt, auch höhere Anforderungen stellen. Gehen wir also Philosophisch medias in res und fragen: Was eigentlich ist das kölsche Wort für Mensch? Genauer: Was sagt man auf kölsch, wenn man den Menschen als homo sapiens meint?

Sicher könnte man zunächst an das Wort denken, das dem hochdeutschen "Mensch" lautlich am nächsten steht und ihm ja auch sprachgeschichtlich entspricht: "Minsch". Aber da macht schon die Tatsache stutzig, daß dieses kölsche "Minsk" keineswegs, wie sein hochdeutsches Gegenstück, selbstverständlich männlichen Geschlechts ist: Im kölschen Lexikon gibt es neben "dä Minsch" auch "dat Minsch". Und zwar hat dieses Neutrum nicht nur, wie man bei flüchtiger Durchsicht des Wrede meinen könnte, die Bedeutung "Frauensperson": "su e staats Minsch", "su en ärm Minsch", "su e verlaufe Minsch". Dann würde das Kölsche sich noch nicht von anderen Mundartsprachen unterscheiden. Aber es gibt auch Sätze wie: "Dat jläuv doch kei Minsch", "Mer ess bal kei Minsch mih". Das kann zweifellos auch ein Mann sagen oder von einem Mann gesagt werden. Überwiegend allerdings kommt "Minsch" im Kölschen in der Mehrzahl vor: "Mer verdeit sich nit mih wie en de Minsche", "Dat ess vör Jott un alle Minsche nit wohr", "Jangk ens widder unger Minsche". Und wenn man im Hochdeutschen sagt: "Mensch, habe ich mich erschreckt", heißt es im Kölschen: "Jung, wat hann ich mich verschrocke!"

Der langen Rede kurzer Sinn: In keinem einzigen der Belege könnte man "Minsch" mit 'homo sapiens' übersetzen. Kann es sein, daß das Kölsche doch überfordert ist, wenn wir solche Anforderungen an es stellen? Aber wie sollte eine Sprache, die so konkret ist wie das Kölsche, so handfest am Wesentlichen interessiert, eine Lücke haben, wenn es um den Begriff 'homo sapiens' geht!

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Ich will hier eine These wagen: Das kölsche Wort für 'homo sapiens' ist "Jeck". Deswegen kann der Kölner wichtige Grundsätze seiner Philosophie mit dem Wort "Jeck" verbinden. Er sagt: "Jede Jeck ess anders, ävver jet jeck si'mer all." Das ist, was man bisher nicht erkannt hat, ein Satz von hoher ontologischer Relevanz. Er bedeutet: Menschen, auch Biertrinker, sind unterschiedlich, aber sie haben einen gemeinsamen Wesenskern. "Jede Jeck ess anders, ävver jet jeck si'mer all heißt, auf seinen philosophischen Gehalt gebracht: Menschen sind menschlich. Schon daraus ergibt sich eine klare Folgerung für den Umgang miteinander: Weil wir alle unsere kleinen und großen Sonderlichkeiten haben, weil wir alle, wie die Kölner das verbildlichen, "en Eck av hann", "en Ääz am wandere hann", "nen Hau met der Pann hann", sollen wir aufeinander Rücksicht nehmen. Das wird dann noch einmal ausdrücklich imperativisch formuliert: "Jeck, loß Jeck elans". Wörtlich übersetzt heißt das, wie wir jetzt wissen: Homo sapiens, laß deinen Mitmenschen, den anderen homo sapiens, an dir vorbei. Das ist ein Appell zugleich an die Selbsterkenntnis und an die Friedfertigkeit: Weil du selbst den Raum für deine Individualität beanspruchst, laß auch dem anderen die Möglichkeit, sich zu entfalten. Dann wird die Welt bunter, freundlicher, toleranter. ein Stück Lebenskunst verwirklicht sich. "Jeck, loß Jeck elans" - das ist, Kant in allen Ehren, der kategorische Imperativ auf kölsch. Ihn anzuwenden gibt es immer wieder Gelegenheit.

Ich sage nur ein Wort: Antwerpes.

Die Denkweise des Kölners ist dialektisch. Deswegen ist sie auf den Dialog angelegt. Nicht nur im Fastelovend spielt der Kölner gerne eine Rolle. Wenn man mit einem kölschen Kölner zu tun hat, heißt es aufpassen: Ist er so oder "deit hä bloß esu"? Gibt er sich, wie er - mehr oder weniger - ist, oder spielt er eine Rolle? Seit Schiller wissen wir: Wenn der Mensch spielt, beweist er sich, daß er frei ist. In diesem Sinne hat der Kö1ner einen besonderen Sinn für Freiheit. Zwei Rollen, die im freien Rollenspiel der K”1ner immer wiederkehren, sind Antonius und der Schielende, bekannter unter den Namen Tünnes und Schäl.

Verwechseln kann man sie nicht. Jeder von ihnen ist ein eigener Charakter.

Der Schäl ist durchtrieben. Er zieht seinen Vorteil daraus, daß er imstande ist, mit dem rechten Auge in die linke Westentasche zu schauen. Er weiß stets, wie die Aktien stehen ("wat de Botter koss"), wo die Entscheidungen fallen ("wo der Has höpp") und was aktuell ist ("wat jekoch weed"). Der Schäl hat keine Skrupel, Hinterlist anzuwenden, um sein Ziel zu erreichen. Er macht sich kein Gewissen daraus, einen Konkurrenten mit unfairen Methoden aus dem Weg zu räumen. Werden seine Machenschaften aufgedeckt, nimmt er das bußfertig, aber ansonsten unerschüttert und unverändert in Kauf.

Der Tünnes hat nichts lieber, als daß man ihm seine Ruhe läßt. Auf seiner Werteskala ganz oben steht eine reichhaltige Mahlzeit, ein unerschöpflicher Kölsch-Vorrat und ein hochprozentiger Schnaps ("ne jode Schabau"). Sein moralischer Ehrgeiz ist gering ausgeprägt ("hä liet der leeve Jott ene jode Mann sin"). Er wehrt sich nicht, wenn er beim Verteilen der Arbeit leer ausgeht ("hä hät nix derjäje, datäe dutjedeilt weed, wann et öm de Arbeit jeit"). Er weiß ja: "Vum Arbeide jonn de beste Pääd kapott!" Und er weiß ebenso: "Vum Arbeide allein ess noch keiner rich jewoode!" Er kennt überhaupt eine Fülle solcher Lebensweisheiten, vor allem diejenigen, die bestätigen, was er gerne glauben möchte. Es muß ein kölscher Tünnes gewesen sein, der, weil es ihm paßte, sogar ein Sprichwort aus Haiti übersetzt hat: "Wann de Arbeit schön wör, däten de Riche se nit de Ärme üvverloße". Der Tünnes zerschlagt mit dem, was er sagt, manchmal einen Gordischen Knoten, aber im Unterschied zu Alexander dem Großen ohne Absicht und ohne es zu merken. Sagt man es ihm, so staunt er über das, was er angerichtet hat.

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Es trifft wohl zu, daß in jedem Kö1ner ein Stück Tünnes und ein Stück Schäl steckt. Sie sind die beiden Extreme, zwischen denen er schwanken kann. Und er schwankt gerne. Weil sie in diesem Sinne miteinander verwandt sind, haben Tünnes und Schäl in den Geschichten, die von ihnen erzählt werden und in denen ihr Zusammenspiel kölsche Lebenskunst kündet, nie Kommunikationsschwierigkeiten.

Der Schäl ist rhetorisch gewandter als der Tünnes. Er ist auch der schnellere Denker - wenn es sich bezahlt macht. Er läßt sich nicht übervorteilen. Er ist nicht begriffsstutzig und schon gar nicht mundfaul ("hä ess nit op der Kopp jefa1le un eesch rääch nit op de Mul"). Steht auf der Schwelle eines Gasthauses das Wort SALVE und fragt ihn der Tünnes, was das heiße, dann sagt er spontan, auch ohne zu wissen, was ein Akrostichon ist: "Das ist doch einfach: Säufer Aller Länder Vereinigt Euch!" Man sieht: Er läßt sich nicht in Verlegenheit bringen. Er kann sehr bösartig sein. Mit einem Wort: Er ist ein Intellektueller.

Der Tünnes geht zielstrebig den geraden Weg und kann daher, trotz seiner Langsamkeit, auch einmal zuerst ankommen. Er steckt sich nicht so hohe Ziele, deshalb kann er sie auch erreichen. Er ist ein heiterer Weiser. Wenn er, nachts auf dem Heimweg aus dem Gasthaus, einen Zehnmarkschein auf einem dunklen Stück Straße verloren hat, dann sucht er den lieber unter der nächsten Laterne, weil man dort besser sehen kann. Wenn er einmal, was kaum vorstellbar ist, verzweifeln würde und sich erhängen wollte, dann würde er sich den Strick um den Bauch legen, nicht um den Hals, und, wenn man ihn nach dem Grund fragen würde, entrüstet antworten: "Söns krijjen ich jo kein Luff mih!" Mit einem Wort. Er ist ein Philosoph.

Sie sind nur selten einig. Aber sie halten zusammen. Sie sind, auch wenn sie das nicht zugeben, aufeinander angewiesen. Ihre komplementären Unvollkommenheiten lassen die mögliche menschlich-kölsche Vollkommenheit ahnen.

Die Kölner sind davon überzeugt, daß jeder von beiden ein bißchen recht hat. Daher kann man nie vorhersagen, wer, wenn sie einmal wieder in Streit geraten, Recht behält. Die Welt ist nicht so beschaffen, daß zwei Augen allein sie richtig sehen könnten, daß ein Verstand allein ihre Probleme bewältigen könnte. Und der Mensch ist nicht so beschaffen, daß nur eine Seele in seiner Brust wohnte. Die Wahrheit wird - vielleicht - gefunden, wenn zwei gemeinsam nach ihr suchen, jeder auf seine Art und immer wieder von neuem. Schon die Denker im alten Griechenland kannten als einen besonders geeigneten Ort der Wahrheitssuche das Symposion. Tünnes und Schäl tragen dem Rechnung. Sie nennen das nur anders: "Se jonn sich eine suffe". Dann wissen sie beide, woran sie sich zu halten haben: Jeder hält sich an seinem Glas fest. Und wenn die beiden auf diese Weise in ihrem Element sind, dann kann man etwas erwarten. Dann darf man ein bedeutendes Ergebnis erhoffen. Bedeutend freilich ist ein Ergebnis dann, wenn es auf seine Deutung ankommt. Es liegt also an den seriöseren Mitmenschen, also an uns, mit angemessenen Kategorien den eigentlichen Gehalt zu erschließen.

Es werden viele Geschichten von Tünnes und Schäl erzählt. Jede gute ist ein kleines Theaterstück. Es gibt gar nicht sehr viele gute. Diese guten haben Köln, die Eigenart der Kölner, die kölnische Lebenskunst, als Hintergrund. Andere, die weniger guten, könnten überall spielen, ließen sich auch von Graf Bobby und seinem Freund Poldi erzählen. Bei wieder anderen sind die Rollen falsch besetzt. Aber der Tünnes kann keine Schäl-Rolle spielen. Man kann das an einem "Stöckelche" zeigen, das davon handelt, wie Tünnes und Schäl beim Militär sind. Der Schäl, ehrgeizig, intellektuell, wie er ist, hat sich zuletzt bis zum Hauptmann hinaufgedient. Als solcher kommt er an dem Schilderhaus vorbei, in dem der Tünnes, immer noch als Gemeiner, Wache steht. Der rührt und regt sich nicht. Empört stellt ihn der Schäl zur Rede: "Aber, Tünnes, warum präsentierst du denn nicht"? - Die Antwort: "Dat jeit nit, Haupmann!" Die Rückfrage: "Aber warum denn nicht?" Die erschöpfende Erklärung: "Ich hann doch de Häng en der Täsch!"

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Nicht, als wenn ich wegen der Brauer-Innung oder der KÖLSCH-Konvention darauf käme: Die Philosophie der kölnischen Lebenskunst, wie sie sich in der kölschen Sprache ausdrückt, wäre nicht vollständig, wenn hier nicht das Wort Klüngel fiele. Das freilich eröffnet ein schwieriges Feld, auf dem eigentlich nur Insider mitreden können. Die wissen: Der Klüngel ist das illegitime Kind eines preußischen Vaters und einer rheinischen Mutter. Ihm ist die Gabe in die Wiege gelegt, bei pingeliger Wahrung formaler Vorschriften doch eine zufriedenstellende Sachentscheidung zustandezubringen. Die Kunst des Klüngels ist, wenn sie richtig praktiziert wird, die Kunst, den Dienstweg zu vermeiden, indem man eine unkonventionelle Abkürzung wählt, die Kunst, dem Amtsschimmel ein Schnippchen zu schlagen, indem man ihn vom Schwanze her aufzäumt. Richtiger Klüngel verlangt ein veritables Maß an Kreativität. Die Kunst des Klüngels ist eine menschenfreundliche Kunst, wenn sie den Menschen höher stellt als die papierenen Vorschriften. Fehlt diese Menschenfreundlichkeit, dann handelt es sich nicht um kölschen Klüngel, sondern um ganz gewöhnlichen Allerwelts-Filz.

Ich will noch einmal die drei Grundsätze nennen, in denen sich für mich die Lebenskunst dieser Stadt zusammenfassen läßt, in der Kölsch gebraut und getrunken und Kölsch gesprochen und geschrieben wird: Das kölsche Synonym für 'homo sapiens' ist "Jeck". Das bewirkt eine Grundstimmung skeptischer Heiterkeit. Der kölsche kategorische Imperativ lautet: "Jeck, loß Jeck elans!" Das bewirkt eine Grundstimmung heiterer Toleranz. Und der kölsche Weg zur Wahrheit ist der dialektische, wie er enthalten ist in den Dialogen von Tünnes und Schäl. Das bewahrt vor jeder fundamentalistischen oder ideologie-fixierten Allein- und Besserwisserei.

Man ahnt, was das heißen könnte: Kölsch-Kultur.

Aber eine Feier, die im Zeichen eines heiligen Patrons, unter dem Patronat eines Märtyrers steht, darf sich zum Schluß ins Bewußtsein rufen, daß jede Lebenskunst, auch die kölnische, am Ende angesichts des Todes scheitert oder sich bewährt in der Kunst zu sterben.

Auch Tünnes und Schäl, so wie sie in jedem Kölner stecken, wissen, daß der Mensch sterblich ist. Allerdings sind sie der Meinung, daß es keinen Sinn hat, unaufhörlich daran zu denken oder gar davon zu reden. Darum sagt auch der Tünnes, als der Schäl ihm vom plötzlichen Tod eines gemeinsamen Freundes berichtet, nach einem Moment des Nachdenkens: "Jo ävver, wor dat dann nüdich? Aber wenn dann die Notwendigkeit unausweichlich und endgültig ist, dann kommt es darauf an, ob man imstande ist, ein Stückchen Trost zu finden. Eine der besten und hintergründigsten Geschichten von Tünnes und Schäl, die ich kenne, ist die folgende: Sie hatten (sagen wir bei der Dombaulotterie) den ersten Preis gewonnen, eine Schiffsreise für zwei Personen nach Amerika. Unterwegs stößt das Schiff mit einem Eisberg zusammen und beginnt zu sinken. Hilfe ist nicht mehr zu erwarten. Der Schäl läuft wie unsinnig herum und ruft ständig. Wat maache mer bloß, wat maache mer bloß?" Auf einmal sagt der Tünnes zu ihm: "Woröm rähchs do dich dann eijentlich esu op?" Darauf fragt der Schäl: Jo weißde dann nit, dat dat Scheff ungerjeit? Und der Tünnes antwortet: "Doch, secher, ävver ess dat dann di Scheff?"

Und für "danach" gilt die Überzeugung. "Der Herrjott liet doch ne echte Kölsche nit em Stech!" Denn irgendwie sind die Kölner davon überzeugt, daß auch im Himmel Fastelovend gefeiert wird, mit "Alaaf" statt "Hosianna" und "Ajuja" statt "Alleluja" . Deswegen beginnt eines der schönsten kölschen Fastelovendslieder mit dem Vers "Em Himmel ess der Düvel loss....!ä So hält die dialektische Lebenskunst der Kölner auch der Anfechtung des Todes stand. Zumindest weiß sie sprachlich mit ihm umzugehen. So etwas ist nicht selbstverständlich. In einer Verlautbarung eines nordrhein-westfälischen Ministeriums, Sitz Düsseldorf, war vor einiger Zeit der Satz zu lesen: "Der Tod ist ein finales Ereignis und begrenzt die Lebensdauer." Angesichts dieser Formulierung lobe ich mir den Tünnes, wenn er sagt: "Eijentlich hann ich jar kein Angs vörm Sterve. Ich mööch bloß nit unbedingk derbei sin, wann et passeet."

Kölsche Sprache, kölsche Braukunst, kölsche Lebenskunst, das heißt Differenzierungs-Vermögen auf hohem Niveau, heißt beträchtlicher Unterhaltungswert, heißt jahrhundertealte Tradition. Genutzte Tradition bedeutet Reichtum, lebendige Tradition bewirkt Kreativität und ermöglicht, heute, einen selbstbewußt-optimistischen Blick in die Zukunft. In diesem Sinne gilt mein Wunsch den Kölner Brauern zum heutigen Tage: ad multos annos.

 

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