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Kölner Kneipen im Wandel der Zeit 1846-1921

von Lambert Macherey

In die Zeit der 70er Jahre konnte man sich in den Tagen des Kellner- und Köchestreiks zurückversetzt glauben; der am Vorabend des Faschings 1921 ausbrach und alle größeren Gast- und Kaffeehäuser bis auf wenige Betriebe lahmgelegt hat. Öde und geisterhafte Stille herrschen nun in den mit feenhafter elektrischer Beleuchtung und den sonstigen erdenklichen Bequemlichkeiten für "müde" Gäste versehenen Prunkräumen, gerade als ob sie niemals in Köln "aufgetan" gewesen - und das Leben geht seinen Weg ruhig weiter, als wenn nichts geschehen sei. Allerdings vor dem Verhungern und Verdursten haben die altväterlichen Kölner Brau-, Wein- und Kaffeehäuser sowie Konditoreien die arme Jungesellen- nebst der Anzahl anwesenden Fremden, die auch schon vor 50 Jahren für die leibliche Atzung der Kölner Bürgerschaft in vortrefflicher Weise gesorgt haben, wenn jene mal an einem Sonn- oder Wochentag - aber nur, wenn Besuch ins Haus gefallen war, um ihnen die "Stadt" zu zeigen - die vier Wände verließ und in ihrer Stammkneipe oder einem Wein- bzw. Kaffeehaus einkehrte!

Und da führte schon in den 70er Jahren der Weg die meisten Kölner, und vor allem die Feinschmecker, in das heute ach so berüchtigte Schieberviertel am Heumarkt und Buttermarkt, das damals noch zu den besten bürgerlichen Vierteln unserer Vaterstadt zählte und seinen jähen Sturz in das Gegenteil erst in den beiden letzten Jahrzehnten, namentlich aber seit Kriegsausbruch erlebt hat. Und erst im goldenen Mittelalter war diese heute so gründlich verseuchte Gegend, wo nur noch Besserung durch Niederlegung des ganzen Rheinviertels zwischen "Markmannsgasse" (Friedrich Wilhelmstraße) und der St. Martinskirche gedacht werden kann, der Sitz der Kölner Handelsherren, die dereinst die halbe bekannte Welt zu Kunden zählten und deren Verbindungen nach Ost- und Westindien, nach Sibirien, Japan und China reichten.

Auf diesem geschichtlichen Boden standen neben der ebenso berühmten "Bierinsel" am Gürzenich, die seit stark einem Jahrzehnt dem Erdboden gleichgemacht wurde um den Durchbruch der Gürzenichstraße zum Heumarkt zu ermöglichen, Gast-, Wein- und Kaffeehäuser von jahrhundertealter Überlieferung, wie der beim Neubau der Hängebrücke dem Abbruch verfallene "Hof von Holland" am Thurnmarkt, wo Herrscher aller Länder bei ihren Besuchen in Köln abgestiegen sind, und wo es neben guter Verpflegung auch einen süffigen "Tropfen" von Rhein und Mosel gab! Und wenige Schritte davon am Buttermarkt das berühmte, leider auch vom Erdboden verschwundene Kaffee Sölzche, wo die wackere "Mutter Sülzen", wenn sie frühmorgens ihren Betrieb öffnete, um den "Übriggebliebenen", von Bällen, Kommersen, langen Vorstandssitzungen usw. "e Täßche Truus" als wahres Labsal von echtem Bohnentrank auf der "Döppe- un Bloomebank" im Herrenstübchen des ersten Stockwerks für "ne Nickelgrosche" kredenzte. Männer von Ruf und Namen und gutem Klang im deutschen Vaterland haben bei "Mutter Sülzen" wahre Kölner Gastfreundschaft erlebt und sich nicht daran gestört, daß in der unteren Bierstube für Rheinschiffer und "Rhingroller" sich auch schon mal "Gesocks" verlief, das aber schnell von der "Mutter Sülzen" - ihr Name wird in Köln allzeit in Ehren gehalten -, an die frische Rheinluft gesetzt wurde, wenn man sich etwas "mucksig" machte!

Und wieder ein paar Schritte weiter auf dem Buttermarkt befand sich das Weinhaus "Em langen Büggel" - so genannt nach den beiden früheren Weinwirten Langen und Beudel, aus denen der Kölner Volkswitz dann die obige treffende Bezeichnung schuf, ebenso wie es mit dem Namen "Bleche Botz" für das ehemalige Weibergefängnis, das heutige Polizeipräsidium an der Krebsgasse, gegangen hat, die aus den Familienbezeichnungen der beiden Erbauer Maurermeister Butz und Dachdeckermeister Blech, gebildet wurde.

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Neben diesen drei Kneipen, die Weltberühmtheit genossen - der "lange Büggel" blüht heute noch. als eine der letzten Säulen altkölnischer Gemütlichkeit und Deftigkeit im jetzigen "Apachenviertel" Kölns - war in zahllosen Hausbrauereien und Bierkneipen, kleinen Gasthöfen, Kaffeestuben usw. für Matrosen, Schiffer, Handwerksgesellen, Marktbesucher Sorge getragen, wo sie gut aufgehoben waren und für 30 - 50 Pfennig, bestenfalls für 75 Pfennig bis eine Mark, eine saubere und angenehme Unterkunft fanden. Auch lagen hier früher zwei angesehene Kölner Hausbrauereien, das Brauhaus Vetten am Rotenberg 1, dessen Inhaber später das "Dombräues" Unter Taschenmacher für einige Jahre führte, in dem in den 60er und 70er Jahren der spätere Stadtverordnete Billstein braute, der dann das Hotel Billstein in der Friedrich-Wilhlhelm-Straße übernahm. Nicht zu vergessen das Brauhaus "Em halve Mond", wo es beim Wirt Luhr - "die "Plaat" geheißen- bis in die 90er Jahre hinein ein Halbliterglas ,,Kölsch für einen Groschen gab.

Die "Bierinsel" in dem ehemaligen Straßengewirr um den Vater Gürzenich herum war mit ihren zahlreichen deftigen Wein- und Bierhäusern Hövel, Berzdorf, Vier Jahreszeiten, Massau, Kevverndoos, Kränkel, dem Brauhaus Baum, der "Lenzerholung", dem Haus Wischet, der etwas abseits am Malzbüchel gelegenen "Timp" usw. ein besonderes Eldorado für sich, in dem es sich wohl und gut sein ließ. Die heutige Kölner Billardakademie - sind erst Schöpfungen der zweiten Hälfte der 80er Jahre, ebenso der Kaiserhof, Pschorr-Bräuhallen am Augustinerplatz - der heutige Burghof - während das Kaffee Germania, Haus Neumeyer am Dom usw. und die gesamten Varieté-Neu- und Umbauten erst dem letzten Jahrzehnt angehören, mit Ausnahme der Reichshallen, die aus dem Anfang der 80er Jahre erbauten Zirkus Carré (heute Kreissparkasse) erstanden sind, der an der Stätte des 1878 niedergebrannten Gertrudenhofes ("Em ahle Geistestätz") an der Gertrudenstraße errichtet wurde. Ende der 90er Jahre erstand dann die Philharmonie an der Apostelnstraße, das heutige Metropoltheater, während die Familie Millowitsch vor 17 Jahren in dem Winterschen Neubau an der Stätte des ehemaligen süddeutschen Restaurants "Zwölf Aposteln" in der Schildergasse eine eigene Bühne fand. In dem vorderen Neubau fanden zunächst unten ein Automat und oben das Kaffee Colosseum, später Palast-Kaffee ein Heim, das dann im Laufe des Winters 1920/21 in den in seiner Eigenart einzig in Köln dastehenden Feenpalast umgewandelt wurde, während letzterer den Automat schon mehrere Jahre früher in ein flottgehendes Tagesrestaurant, ebenfalls mit Konzertveranstaltungen, umgeschaffen hatte. Die gediegene Ausstattung des Feenpalastes wurde nach einem patentierten Verfahren durch eine Essener Dekorationsfirma ausgeführt; sie wirkt, namentlich am Abend bei bunter Beleuchtung, bezaubernd. Verschwunden ist aus der Schildergasse das älteste und beste Kölner Operettenhaus Thaliatheater, neben der evangelischen Kirche, wo der "Bettelstudent" vor 40 Jahren viele Hunderte der vortrefflichen Aufführungen erlebte; verschwunden ist auch das Konzerthaus Schilderhof mit seinem geräumigen Garten auf der Nordseite, wo jetzt das Haus Haag liegt, während das Apollotheater und das unweit ab in der Herzogstraße gelegene Skalatheater (heute C&A) - heute beide Lichtspielhäuser -, um die Wende des Jahrhunderts erbaut und als Varietés in den ersten Jahren bei trefflichen Leistungen glänzende Geschäfte machten. Wenige Jahre später flaute die Vorliebe für solche Künste ab, an deren Stelle überall Kinos wie Pilze aus der Erde wuchsen, bis die neuzeitliche Kabarettkunst auch wieder die Schaffung großer Varietés nach sich zog, die mit Groß-Köln in der Friesenstraße ihren Anfang nahmen, während Reichshallentheater seit Jahrzehnten abwechselnd der Operette und der Varietékunst diente. Nach dem Kriege erstanden aus dem Luisensaal an der Ehrenstraße der Luisenhof, aus dem ehemaligen Viktoriasaal der Kristallpalast und aus dem früheren Tanzsaal "Edengarten", der Ende der 80er Jahre in der Neustadt errichtet worden war, der Friesenpalast. Das älteste Kabarett am Platze ist der Simplicissimus (Künstlerspiele Simplicissimus ) an der Hohen Straße, geleitet von Herrn F. Nördlinger, der auch den Vergnügungspalast "Groß-Köln" in der Friesenstraße erbaute und bis zur Beschlagnahme durch die Besatzungstruppen führte.

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Nicht nur zwischen Rhein und Gürzenich sowie an den Hauptschlagadern der bis 1881 vom mittelalterlichen Festungsgürtel eingeschlossenen Altstadt fanden sich Schlemmerlokale im guten Sinne des Wortes, wo es in den 70er und 80er Jahre einen "Schoppen Kutscher" (halbe Flasche süffigen Moselwein) zu 30 Pfennig und zum selben Preise ein Krüstchen Warm" (Gulasch, Kalbsragout oder was gerade sonst in der Küche geschmort wurde) mit reichlich Kartoffeln oder Gurken gab - eine solche Schüssel muß man heute mit 20 bis 25 Mark dank unserer Markwährung und Kriegsstellenmißwirtschaft bezahlen. Schlägt einem alten Kölner, der diese seligen Zeiten noch miterlebt hat, nicht vor Freude und Wehmut das Herz, wenn er sich des Sonntagsfrühschoppens im, alten Bierstall an der Komödienstraße, der Anfang Juni 1921 nach zweijähriger Beschlagnahme, wieder dem öffentlichen Verkehr nach vollständiger Wiederinstandsetzung zurückgegeben wurde, in den 80er und 90er Jahren vor dem neuzeitlichen Aufputz als "Belgischer Hof" oder in dem gegenüberliegenden Weinhaus "Ewige Lampe" erinnert, die später auch zum Hotel "Europäischer Hof" nebst einem Bierausschank erweitert wurde. In den 70er bis Mitte der 80er Jahre wurde der Bierstall von dem bekannten Restaurateur Mertens geleitet, der dann den Edengarten in der Kölner Neustadt an der Antwerpener Straße errichtete, der nach dem Kriege zum Friesenpalast umgestaltet wurde. 1884 übernahm P. J. Thelen, der Vater der heutigen Inhaber, den Bierstall, der nun einen flotten Aufschwung erlebte und mit seinem trefflichen Franziskaner-Leistbräu sowie durch seine deftige Küche eine stattliche Stammkundschaft erwarb. Später wurde das Haus stark erweitert und nebst dem zugehörigen Hotel "Belgischer Hof" in großzügiger Weise ausgebaut. Von den Erben P. J. Thelen, die noch das Hotel auf dem Drachenfels sowie das Hotel Fürstenberg in der Neustadt übernommen haben, wird das Haus in bewährtem Stil weitergeführt.


Diesen Rahmen altväterlicher Genügsamkeit wiesen auch die Kölner Hausbrauereien auf, die meist auf ein ehrwürdiges Alter wie auf einen mit Stolz und Würde getragenen "Spitznamen" zurückschauen konnten, wie z.B. das aus dem 13. Jahrhundert stammende Bräues "Em Hirschen" an der Cäcilienstraße, die fast gleichaltrige, mit der Niederlegung der "Würfelpooz" (Würfelpforte) zwischen Gereonstraße und Sachsenhausen verschwundene Brauerei "Auf Rom", deren letzter Inhaber der Kölner Landtagsabgeordnete Wilhelm Scheben war - übrigens einer der besten Kenner der Kölner mittelalterlichen Geschichte, von dem zahlreiche Abhandlungen im Archiv Zeugnis geben. Man braucht ja nur die Namen der Brauhäuser zu nennen, dann kehren bei jedem alteingesessenen Bürger Stunden seliger Erinnerungen und unvergeß1icher Krätzchen zurück, die dort an den Stammtischen ausgeheckt wurden. "En der Zweipann", der es im Jahre 1918 von dem früheren Wirt Müller übernommen hat, dessen Vorgänger Franz Moll, ein Mitglied der bekannten Kölner Wirtefamilie gleichen Namens war. Dieses Haus hatte bis in die 90er Jahre der allbekannte Neffe des Abgeordneten Scheben, der Schebens Tünn, der Erretter der Abteikirche Knechtsteden aus Schutt und Asche, an dessen Stammtisch u.a. der Verein zur Wiederherstellung dieses ehrwürdigen Gotteshauses das Licht der Welt erblicke, der später sich zum Verein für das Missionshaus Knechtsteden entwickelte. Im selben Stile wurde das Hahnenbräu, Hahnenstraße 43 (Inhaber Brauereibesitzer Peter), vom Vorsitzenden der auf ein mehr als 500-jähriges Alter zurückschauenden Peter-von-Mailand- Brauer Corporation Ambrosius Conzen geführt, an dessen Stammtisch der rabiate Doktor Sticker, eine allbekannte Kölner Persönlichkeit, wie der Professor Kreuter vom Jesuitengymnasium eine große Rolle spielten. Den guten Doktor konnte man höllisch "auf den Trab" bringen, wenn man ihn als Direktor vom "Leichenbräu"-Stammtisch anredete - so heißt nämlich im Kölner Volksmund das Hahnenbräu, weil bis zur Entfestigung Kölns im Jahre 1881 sämtliche Begräbnisse über die Hahnenstraße am Brauhaus vorbei durch die "Hahnepooz", eine der noch erhaltenen der leider meist niedergelegten Torburgen der mittelalterlichen Umwallung, nach Melaten zogen, bis Ende der 90er Jahre der einzige große Kölner Friedhof erbaut wurde. Von dieser Torburg sang in den 80er Jahren mit Anspielung auf den verschwundenen berüchtigten Hahnenwall ein Faschingsschlager jener Tage: "Wat nötz uns noch de Hahnepooz, de "Höhner" die sin fott!"

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In all den bekannten Kölner Brauhäusern, von denen über zwei Drittel in den letzten 50 Jahren eingegangen sind oder heute anderen Zwecken dienen, wie "Unger Panneschläger" an der oberen Hohen Straße, Tingeltangel, das Löwenbräues, die ehemalige Brauerei Krings an der Ehrenstraße, und das Brauhaus "Zum Overstolz" am Eigelstein heute Kinos aufweisen, ging es gemütlich her wie auch heute noch: sei es "Zum jungen Raben" oder "Zum rude Bräues" am Blaubach, ferner im Brauhaus "Zur Greechepooz", Inhaber Jean Lehmann, das mit die älteste bestehende Kölner Schankstätte darstellt, wo es heute noch ein "süffiges" Kölsch und kräftige bürgerliche Atzung gibt und wo auf der Kegelbahn noch flott "geschoben" wird. In den Kellereien des Brauhauses, das seit alters her eine starke Anziehungskraft auf die Kölner Bürgerschaft ausgeübt hat, befindet sich noch ein alter Römergang, während der Nordwestgiebel des Hauses vollständig auf der Sohle der alten Festungsmauer steht. In einer alten Kölner Chronik wird das Haus, "Zur Griechenpforte" bereits im Jahre 1276 erwähnt. Das Haus hieß früher "Zum Bollig" (eine Fischart) und war bis 1858 im Besitz des Brauers Balth. Jos. Simon, von dessen Nachfolger es Brauer von der Beck übernahm, unter dessen Leitung das Haus einen neuen Aufschwung nahm. Damals verkehrte um die Zeit von 1879 bis 81 in seinen Studentenjahren auch der derzeitige Justizminister Am Zehnhoff mit seinen Freunden und Kommilitonen am Stammtisch dieses Hauses. Der Nachfolger von der Becks, Brentges, war ein Schwager des bisherigen Inhabers. Von dem früheren Inhaber, dem kugelrunden Brauer Brentges, rund wie eine Tonne, der stets stumm wie ein Fisch seine "Häufchen" Groschen in der altväterlichen Schenkentheke machte, das äußere Sinnbild der Kölner Wirtsstube, in deren nächster Nähe der Stammtisch stand, erzählt der Volksmund, daß er auch einmal am Stammtisch den Mund aufgemacht und eine witzige Anspielung mit Ochs und Esel gegenüber einem ihm nicht genehmen Gast gemacht hat, der ihm aber prompt mit dem Hinweis auf den "Ossekopp" des Brauherrn aufs Glatteis setzte und von da an für immer verstummen ließ! Kommt man "Zur Schreckenskammer" an der Johannisstraße, "Zur Sonne" oder "Zum Kölschen Boor" am Eigelstein, "Em Birrebäumchen" am Ursulamarkt, "Em dreckelige Kaiser" an der Ehrenstraße, "Zum 0chsen" am Thurnmarkt, "Zum Brauhaus Kolter" am Marienplatz, "Zum Brauhaus Bröhl" an Lyskirchen, "Zum Mattes an der Lähne" an der Mathiasstraße, "Zum Haus Wolf" am Bayen, "Zum Prinz Eugen" an der Sternengasse, "Zum Haus Balchem" an der Severinstraße, "Zum Gürzenichbräu" am Gürzenichplatz, "Zur Kloog" am Bollwerk, "Zum Haus Esser" in der Budengasse, zum "Unter Taschenmacher", Brauhaus "Päffgen" (Friesenstraße), "Em Örtchen" an der Familie der Ehrenstraße usw. - überall noch dasselbe Bild: der Köbes em blaugestreckte Kamisol met Schooz un Leddertäsch kredenzt "Et Glas Wieß un e Röggelche Kies" - letzteres nur noch in Gedanken an die Zeit vor sieben Jahren, wo man "nen halven Hahn" für zehn Pfennig aß; an der Theke der Brauherr oder seine Gattin, Tochter, Nichte - alles noch nach Vätersitte! Nur mit dem Unterschied, das heute ein Schnittchen Käse drei bis fünf Mark und ein Glas Kölsch 60 bis 120 Pfennig kostet!

Die Kölner Hausbrauereien hatten in den 70er und 80er Jahren, als auswärtige Biere, namentlich Dortmunder, Münchner und Pilsener Brauart sich immer mehr in Köln einnisteten und vornehmlich in den neu erstandenen großen Bier- und Kaffeehäusern Eingang fanden, einen harten Kampf zu bestehen, bei denen viele dieser kleinen "Heimbräues" das Zeitliche segnen mußten, soweit sie nicht der "Neubauwut" zum Opfer fielen so daß heute nicht mehr ein Viertel an Zahl derselben gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts besteht. Daran haben auch die wenigen Neugründungen nichts ändern können. Einzelne dieser früheren Hausbrauereien haben sich im Laufe der Zeit zu Großbrauereien ersten Ranges entwickelt, die neben einem echten Glas Kölsch Obergärung oder Lager auch dunkle Biere und Deutsch-Pilsener auf den Markt gebracht haben, die erfolgreich den Wettbewerb mit den auswärtigen Erzeugnissen ähnlicher Art aufgenommen haben. Einen harten Stoß erlitt das Kölner obergärige Bier in den Kriegsjahren infolge der Herabsetzung des Alkoholgehalts auf zwei Prozent, so daß der Biergenuß schließlich nahezu völlig einschlief; ein solches Wassergebräu war zu schade, als daß man es einem Esel ins 0hr goß, wie der Volksmund sich treffend ausdrückte. So erschien denn in allen Kölner Wirtschaften statt des "Bierzylinders" immer mehr der Pokal Wein auf dem Tisch, bis endlich im Frühjahr 1921 wieder Friedensbier zwölf bis dreizehnprozentig gebraut und damit die "Trinklage" mit einem Schlage wieder von Grund auf geändert wurde. Die Weinpokale verschwanden immer mehr, zumal da geradezu die sündhaft hohen Preise für guten Rebensaft dem gewöhnlichen Sterblichen nicht mehr erschwinglich waren. Die Stammtische in den Hausbrauereien füllten sich wieder, und das alte gemütliche Leben stellte sich in vielen beliebten Kneipen wieder ein, wenn man auch den "Valutapreis" von 1 Mark bis 1.20 Mark für ein Viertelliterglas latzen (bezahlen) mußte und den "Halben Hahn" mit drei Mark erst erschwingen konnte; aber - sie waren wieder da!

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Das im Jahre 1675 an der oberen Severinstraße gegründete Brauhaus in dem mächtigen stolzen Giebelbau heute Karthäuserbräu Gebr. Balchem zählte seit jeher zu den angesehensten und belebtesten Schankstätten in unserer Vaterstadt. Das Brauhaus Friedrich Winter in Köln-Lindenthal hat sich im Laufe weniger Jahrzehnte aus einer Kölner Hausbrauerei zu einer der leistungsfähigsten Großbrauereien Westdeutschlands entwickelt. Der Ruf ihrer Biere sicherte ihr einen überaus starken Absatz. Nach dem Tode des Gründers 1913 übernahm der älteste Sohn Paul Joseph Winter den Brauereibetrieb, der unter seiner tatkräftigen Leitung einen weiteren Aufschwung erlebte. Der Gürzenichbräu Heinrich Hilgers gegenüber dem Stadthaus und Gürzenich. Brauereibesitzer Hilgers übernahm 1909 die altbekannte Brauerei Baum pachtweise. Auch heute, wo das alte gute Glas "Kölsch" wieder gebraut werden darf, erfreut sich das Gürzenichbräu wieder sehr lebhaften Besuches aller Kreise der Bevölkerung. Das 12%ige Bier für 1,20 Mark das Glas ist von hervorragender Güte und lässt an Qualität, Bekömmlichkeit und Nährkraft dem echten Pilsener nichts nach.

Im Marktviertel hat sich seit jeher das 1858 gegründete Brauhaus Wilhelm Esser, Ecke Budengasse-Unter Goldschmied, der allgemeinsten Anerkennung zu erfreuen gehabt. Wie der Gründer des Hauses, der Vater des heutigen Besitzers, sowohl durch sein bekömmliches Bier als auch durch die anerkannte deftige bürgerliche Küche nicht nur die den Markt besuchende Landkundschaft, sondern auch alle Kreise der Bürgerschaft an sein Haus zu fesseln verstanden hatte, so sind auch dem Nachfolger, der das Geschäft nach der bewährten Überlieferung seines Vaters weiterführt, diese treu geblieben. Es ist eines der wenigen Brauhäuser Kölns, die sich heute länger als 70 Jahre in der Hand derselben Familie noch befinden.

Nach vielfachem, wechselvollem Besitzstande - über 60 Jahre war es zuletzt in den Händen der Familie Weiden, von der es der alte, biedere Vater auf eine ansehnliche Höhe brachte - mit den hübschen Gartenanlagen und der luftigen Kegelbahn war das "Bräues" lange Jahre eins der besuchtesten von Köln; namentlich Turner und sonstige Sportsleute gaben sich hier abends nach ihren Übungen ein fröhliches Stelldichein. Nunmehr ist das Haus seit 1920 im Besitz des Balsambräu, das seine Ehre darin setzt, den bewährten Ruf des Hauses wieder hochzubringen.

Heute wird die Wirtschaft Töller im guten alten Stil von dem neuen Besitzer Peter Esser im selben Hause Weyerstraße 96 weitergeführt. Tausende und aber Tausende Krätzchen solcher Art sind in Kölner Braustuben und Weinhäusern ausgeheckt worden, die im Grunde keiner übel nahm, aber viel Spaß verursachten, von dem heute noch in dieser trüben Zeit manche in seliger Erinnerung zehren. Unsere Umschau führt uns jetzt nochmals zum Rheinviertel zurück zum früheren Brauhaus Klosterhalfen in der Mühlengasse, dessen Besitzer ein stattlicher weißer Bart zierte. Das Brauhaus ist ebenfalls wie das benachbarte "Im Kranz" der Familie Bendheuer dem Neubau des Großhandelshauses Brügelmann Söhne zum 0pfer gefallen. Am Alten Ufer finden wir heute noch das Haus "Em Schiffgen", dann auf dem Eigelstein "En der Gaffel", wo vordem die Brauerfamilie Lenzen hauste, an der Eintrachstraßen-Ecke "Em Ritter", am Museum, Rechtschule 24, das berühmte Haus "Zum Salzrümpchen", das bis zum Tode seines früheren Besitzers, des Brauers Werners ein Hausbräues war, dann von der Hirschbrauerei aufgekauft und seit einem Jahrzehnt von dem jetzigen Wirt und Förderer des Schwimmsports als neuzeitliches Restaurant mit gediegener Konzertunterhaltung sowie als bekannter bürgerlicher Gasthof geführt wird.

Auf der Weyerstraße sind die "Vier Heymonskinder", die ursprünglich im Besitz des Brauers Schmitz - "De Naas" - waren, dann an den Brauer Boden übergingen und heute Eigentum der Malzfabrik Thelen sind, in der Hosengasse die frühere Brauerei Durst, in der Komödienstraße das jetzt von der Deutschen Bank als Kasino für ihre Angestellten angekaufte Brauhaus Wirtz, an der Ehrenstraße, Ecke Wallgasse, das ehemals vom Brauer Breuer betriebene Brauhaus "Zur Henne", in einem alten Kölner Giebelhaus, das früher dem Brauer Quirin Lieven gehörte, der dann in Ehrenfeld die Adler-Brauerei errichtete. Das Kölner Muschelhaus "Zum Bieresel"in der Breite Straße. In beiden Häusern, die vor langen Jahren vom Brauhaus Sünner zu Köln- Kalk erworben wurden, wurde ehemals eignes Bier gebraut.

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Zu den ältesten Brauereien von Köln und Deutz-Kalk, die seit fast einem Jahrhundert im Besitz derselben Familie geblieben sind, zählt die Brauerei und Brennerei Gebrüder Sünner von dem damaligen Brauereibesitzer Christian Sünner in dem heute noch stark besuchten Stammhaus der Familie, Restaurant Sünner in Deutz gegenüber der ehemaligen Schiffbrücke und dem alten Deutzer Bahnhof, der neuen Hängebrücke Platz machen mußte. 1859 wurde die Brauerei nebst Brennerei nach Kalk verlegt und im Laufe der Jahre zu einem der größten Unternehmen dieser Art in unserer Vaterstadt ausgebaut. Mit der neuen Brauerei wurde das stattliche Gartenrestaurant "Zur Zeche" an der Endhaltestelle der Kalker Straßenbahn verbunden, das heute zu den gediegensten Gaststätten des Industrievororts Kalk zu rechnen ist.

Von Jahr zu Jahr hat die warme Küche sich allgemein auch in den Kölner Brauhäusern und sonstigen Gaststätten eingebürgert, die von jeher der Anziehungspunkt großer Restaurationsbetriebe waren. Zu den alteingesessenen Wirtsfamilien unserer Stadt zählt die Familie Keller, von der jüngere Bruder Peter Keller die Restauration "Overstolzbräu", Breitestraße 24, Ecke Ruhr, ein erstklassiges Kölner Bierhaus, seit stark 10 Jahren betreibt. Das Haus wurde vom jetzigen Inhaber von dem damaligen Bierbrauer Schaaf angekauft, gründlich instandgesetzt und vor allem auf eine gute deftige Küche eingestellt, die bald dem neuen Unternehmen eine starke Stammkundschaft sicherte und den Namen des Hauses weit über das Weichbild unserer Stadt hinaustrug. Namentlich in der Kriegszeit hat das Haus es verstanden, durch gute und preiswerte Speisen manchen Minderbemittelten die schwere Zeit leichter zu machen und selbst bei schmalem Geldbeutel sich an einer echten "Huusmannsbunnezupp" dicksatt zu beköstigen. Nach dem Kriege hat Restaurateur Peter Keller seine altberühmte Speisekarte seinen Gästen wieder vorsetzen können. Der guten Küche, die mit den neuesten technischen Anlagen versehen ist, entsprechen die wohlgepflegten Biere, Weine und Liköre, und eine vornehm gediegene Innenausstattung machen den Aufenthalt in dem Hause zu einem anheimelnd gemütlichen; heute herrscht ein völlig internationaler Verkehr in diesem stark besuchten Restaurant.

Unter den in den letzten Jahrzehnten neu erstandenen Brauhäusern, die einen Ersatz für die vielen verschwundenen Hausbräues bieten sollen, zählt neben den inzwischen zum Kasino der Deutschen Bank umgestalteten Brauhaus Wirtz an der Komödienstraße und dem ebenfalls stillgelegten, nur noch als Ausschank benutzten Apostelnbräu. Das Brauhaus Früh, "Kölner Hofbräu", Am Hof, gegenüber dem Heinzelmännchenbrunnen, inmitten des Fremdenverkehrs, Nähe Dom und Bahnhof gelegen. Dieses neue Bräues hatte bald ein überfülltes Haus zu verzeichnen, was bis zum heutigen Tage angehalten hat.

Von der Hohen Straße bis Hohe Pforte sind sämtliche Hausbrauereien verschwunden, Unger Pannenschläger und Brauhaus Lölgen bestehen noch als Wirtschaftsbetriebe, jedoch ohne Hausbrauereien. Das vorerwähnte Brauhaus Lölgen Hohe Pforte 8, zählte seit jeher zu den bekanntesten Kölner gemütlichen Kneipen, wo stets ein starker Stammtisch für Stimmung sorgte. Wie auf der Hohen Straße, sind auch auf der Severinstraße viele Hausbrauereien verschwunden, wie das Brauhaus "Em rude Liewe", an dessen Stelle heute das Volkshaus steht, das Brauhaus Stauff und Brauhaus Lieven, mit dem heute zu einem Kino umgewandelten Saal, dem langjährigen Sitz der "Eifel"-Faschingsfreunde. Neu erstanden sind an der oberen Severinstraße das Brauhaus Reißdorf, an der Friesenstraße das Brauhaus Päffgen, ferner am Weidenbach das Brauhaus Jean Weiden. Die Großbrauerei Heckmanns, die sich aus dem alten Kölner Bräues an der Weyerstraße in den alten Giebelhause am Eingang der Huhnsgasse emporgearbeitet hat. Die Brauerei Heckmanns in der Weyerstraße 104/106 und Sülzburgerstraße wurde 1867 vom Vater des jetzigen Inhabers auf der Weyerstraße gegründet, wo sich auch heute noch der von der Familie geführte Brauerei-Ausschank befindet. 1878 wurde die Brauerei in das neu erbaute Brauhaus an der Sülzburgstraße verlegt und als Großbrauerei ausgestaltet, die sich bald wegen ihres "echten Kölsch" einen stattlichen Kundenkreis zu sichern wußte. Nach dem Tode des Gründers wurde die Brauerei vom ältesten Sohn übernommen, der das Geschäft weiter ausdehnte.

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Am Neumarkt steht außer dem "Goldenen Schlüssel" an der Ecke Thieboldsgasse, ebenfalls früher eine Heimbrauerei Jüsgen, noch das altbewährte Wein- u. Bierhaus Comp, das auch durch seine wohlgepflegten hellen und dunklen Biere, sowie durch sein vorzügliche bürgerliche Küche sich einen weitgehenden Ruf gesichert hat. Kein Wunder, daß eine stattliche Schar Stammgäste seit Jahrzehnten dem Hause treu geblieben ist und zahlreiche Vereine und Vorstände ihre Sitzungen hier in gemütlichen Vereinssälchen abhalten, und daß nach der Neugründung der Universität alsbald zwei Studenten- korporationen ihr Heim hier aufschlugen, das auch die Geburtsstätte des hochangesehenen Männergesangvereins "Kölner Liederkreis" war.

Der Handelshof am Waidmarkt, dieses größte Kölner Bier-, Wein- und Konzerthaus im Mittelpunkt der Stadt, am Ende des Straßenzuges Hohe Straße-Hohe Pforte gelegen und fast von allen Straßenbahnlinien zu erreichen, ist erst während der Kriegsjahre aus dem ursprünglich geplanten Musterlager nebst Ausstellungsräumen für Handel in ein großzügiges Restaurant umgewandelt und nach Kriegsschluß eröffnet worden. Und zum Schluß noch die Chronik von einigen älteren und neueren Kölner Brauhäusern und Kneipen, die heute eine Rolle unter den Gambrinusverehrern spielen. Das am Eigelstein gelegene Brauhaus "Zum Kölschen Boor", hat sich schnell eine große Beliebtheit weit über den Eigelsteinbezirk hinaus erworben. Der "Kölsche Boor" war ein Jahr von den Besatzungstruppen beschlagnahmt und wird demnächst, nachdem er seit längerer Zeit wieder in Betrieb ist, eine seinem Namen Ehre machende innere Verschönerung nach altkölnischem Muster erfahren. Gartenanlagen und Kegelbahn vervollständigen den gemütlichen Aufenthalt im Hause.

Zu den ältesten, vom frühen Mittelalter her noch im Betrieb befindlichen Hausbrauereien gehört auch, nachdem "Im Oertchen" und "Im Hirschen" neuerdings nicht mehr gebraut wird, das Brauhaus "Zum Marienbildchen" an der Bayenstraße 85/87, dessen jetziger Besitzer Curt Cabalzar seit Mai 1919 ein tüchtiger Fachmann ist, der aus einer alten ostpreußischen Brauerfamilie stammt und seit 20 Jahren in Kölner Hausbrauereien das echte obergärige Kölsch zu meistern gelernt hat. Cabalzar kaufte das Haus vom Brauer Peter, dem jetzigen Inhaber des Hahnenbräu. Sehenswert ist das Innere des Hauses durch eine ausgeschnitzte Balkendecke und die uralte Theke mit romanischen Fenstern - eine Seltenheit! Die Außenzier des Hauses ist das berühmte Muttergottesbildnis, dessen kunstvoller Tragarm früher auch als Ständer für die erste Petroleumbeleuchtung gedient hat.

Das "Schmuckkästchen" unter den alten Kölner Brauhäusern ist die gemütliche Bierkneipe "Zur Kloog", Am Bollwerk 15. Ein Relief im Inneren des Hauses, das den Kopf von Schillers Gattin zeigt, und eine Gedenktafel an der Außenseite des Hauses zeugen von dieser Zeit. Außerdem ist eine reiche Sammlung altkölnischer Gebrauchsgegenstände, wie Lampen, Porzellan usw., sowie eine große Bildersammlung, die Alt-Köln veranschaulicht, im Brauhaus "Zur Kloog" zu sehen, wo heute noch wie seit Jahrhunderten das beste Publikum verkehrt.

Eine besondere Eigenart weist das Brauhaus "Zur Malzmühle" am Heumarkt 6 mit dem schönen Giebel auf. Neben echt obergärigem hellen Kölsch stellt die Brauerei nach einem besonders geschützten Verfahren Koch‘sches Malzextrakt-Bier her, das besonders von ärztlicher Seite hoffenden und stillenden Frauen sowie Blutarmen als wertvolles Nähr- und Kräftigungsmittel empfohlen wird. Das Koch‘sche Malzextrakt hat sich seit Jahr- zehnten einen Ruf weit über Kölns Weichbild hinaus erworben.

Im "Dombräues", Unter Taschenmacher, zwischen Rathaus und Dom, jetziger Inhaber Brauereibesitzer C. Risch, der die Witwe seines Vorgängers Sion geheiratet hat, ist neues, frisches Leben eingekehrt. Der jetzige Inhaber Risch, ein tüchtiger Fachmann, der auch eine gute Küche führt, betreibt das im Inneren schmuck und gediegen ausgestattete Bräues im echten alten Kölner Stil und hat damit den Erfolg auf seiner Seite. An der Straße Unter Taschenmacher lagen in früheren Jahrhunderten die Kellereien der Fassbinder und Böttcher, die in den drei Stockwerken übereinanderliegenden Keller- anlagen, auch noch alte Faßlagergerüste aufweisen.

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