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Der "Bieresel" im Jahre 1860

Aus: BECKER, Hermann - Köln vor 60 Jahren/Altkölnische Wirtshäuser - Rheinland-Verlag, Köln 1922

Wenn um das Jahr 1800 jemand die Breite Straße passierte, erblickte er an der Stelle des späteren Bierrestaurants "Zum Esel" ein großes, ziemlich verfallenes Gebäude. Der hohe Treppengiebel, das spitzbogige Tor und die unten mit schweren Eisengittern geschützten großen Fensteröffnungen, sowie die Anordnung der vielen kleinen Fenster in den oberen Stockwerken deuteten darauf, daß das Haus uralt sei. Man konnte aus dem Material (Tuffstein) und aus den gotischen Profilen der Tor- und Fensterkreuze aus Trachyt vom Drachenfels und Lava von Niedermendig den Schluß ziehen, daß es etwa um 1350 erbaut worden war.

Die Fenster im Erdgeschoß waren mit viereckigen kleinen Rutten (Fensterscheiben) verglast, in den oberen Stockwerken zeigten sie Bleiverglasung in achteckigen Scheibchen. In der Giebelspitze ragte der gewaltige verzierte Balken hervor, in der Form eines Ungetüms mit einem Eselskopf, die Hausmarke. An dem Balken befand sich eine Rolle, über die das Seil lief, woran man Kisten und Ballen zum Speicher aufzog. Mächtige, fratzenhafte Wasserspeier aus Blei spieen bei Regenwetter das Dachwasser bis in die Mitte der Straße.

Über dem Toreingang sah drohend der "Grinkopp" hernieder, ein Fratzengesicht aus Stein. Es ragte in die Straße. Wo das Kinn hätte sein sollen, war es abgeflacht, und an dieser Stelle befand sich eine Aushöhlung. Sie verlieh dem Schrotbaum Halt, der schräg vor das Haus gestellt wurde, wollte man Fässer in den Keller schaffen. Dann schlang man das Seil, woran das Faß abgelassen wurde, um den Baum. Ein Torflügel war geschlossen, der andere in eine obere und untere Hälfte geteilt. Die obere war zurückgeklappt, die untere, die sogenannte "Gader" (Gatter), geschlossen. Darüber hing von dem "Gringkopp" ein halbrunder, aus geschälten Weiden geflochtener Hopfenkorb, das Wahrzeichen der Brauerei. Wollte man eintreten, so mußte man den Korb beiseite schieben. Neben dem Eingang qualmte in einem eisernen, korbartigen Gestell ein "Luhstock" (ein Ziegel aus gepreßter Gerberlohe), der angezündet wurde, damit die Leute ihre Pfeifen daran anzünden konnten. Düster und verfallen wie dieses Haus waren auch die benachbarten Häuser; besonders das nahe Konvent und Hospital zum hl. Kreuz mit dem Hochkreuz, wo die zum Tode verurteilten Leute auf dem Gange nach der Richtstätte vor dem jetzigen Kirchhofe zu Melaten von einem Priester die vorletzte "Vermahnung" erhielten. Nur das gegenüberliegende, später von Hennekens bewohnte Haus, war jüngeren Ursprungs und zeigte einfache Barockformen aus der Zeit von vor 1750.

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Aber trotz der düsteren Häuser zeigte dieser Teil der Breite Straße doch um die Mittags- und Abendstunden ein sehr farbiges Bild durch die Bevölkerung. Noch hatte die französische Herrschaft die altkölnische Tracht nicht verdrängt. Zwar fehlten im Straßenbilde die vielen "Blaffertarii" (unversorgte Priester, die nur vom Messelesen lebten), die stolzen Prälaten, die "Knünche" (Canonici) Nonnen und Mönche. Auch die unterschiedlichen Mäntel der Studenten (rote für adelige, blaue für bürgerliche) und die roten Uniformen der Funken waren nicht mehr sichtbar. Dagegen sah man junge Incroyables im braunen Frack mit blauen, ungeheuren Rabatten und Aufschlägen, Spitzenmanchetten, blauen Kniehosen, gemusterten Strümpfen und ausgeschnittenen Schuhen, auf dem lang behaarten Haupte den seitlich gesetzten ungeheuren Zweispitz. Schon erschienen auch vornehme Damen in griechischen weißen Kleidern und bunten Turbanen und Tüchern, aber sie wurden nicht auf den Straßen sichtbar. Dort tummelte sich nur das Volk - und das hatte die alte Tracht noch beibehalten.

Da sah man im Sommer noch das Kölner "Kappesboore-weech" mit buntem, ärmellosem Mieder und farbigem, kurzem Rock, den Kopf eingerahmt von dem allerliebsten Käppchen aus gemustertem Gold- oder Silberbrokat. Es bedeckte den Hinterkopf von dem Nest der Flechten bis zu den Ohren, wo es durch silberne oder auch wohl goldene "Ohriesere" gehalten wurde; in dem Flechtennest stak der vergoldete breite Pfeil. Diese Mädchen klapperten vor dem Essen auf ihren "Trippen" oder in Holzschuhen "nohm Esel", um dort im Sommer "Alt", "Stekenalt" und "Märzer", im Winter "Knupp", "Jung" oder "Halv un Halv" zu holen. Ihnen folgten die "Kappesboorejunge", werktags in kurzen Jacken aus Zitzkattun, kurzen Hosen aus Leder und auf Holzschuhen; Über dem frech-verschmitzten Gesicht die gewebte, buntgestreifte oder die wollene, gestrickte Mütze. Sonntags trugen sie rote Westen und weiße Hemdsärmel bei Tuchhosen und im Winter eine Tuchjacke. Da sah man die Kuventsmöhne mit ihren ungeheuren, faltigen, bunten Kattunmänteln über die Straße schleichen. Dann die Kleinbürger im breitschößigen braunen, schwarzen oder dunkelgrünen langen Rock, langer bunter Weste und in Kniehosen, auf dem Kopf den Dreispitz. Viele alte Leute trugen noch den Zopf und puderten sich. Dazu kamen die buntscheckig gekleideten französischen Soldaten und die Kinder in ihrer farbigen Tracht, die mit ihren Krügen, Zinnkannen oder Gefäßen aus Kupfer zum "Esel" wanderten, um Bier zu holen. Denn der "Esel" war ein beliebtes Brauhaus und der damalige letzte zünftig gewesene Brauer Everhard Badorf ein sehr angesehener Brauherr. Die Brauerei gehörte mit zu den besten der Stadt, sie wird bereits 1414 unter den in Köln bestehenden Brauereien aufgeführt.

Würde man kurz vor 1800 abends den "Esel" betreten haben, so hätte man im Hausflur wohl noch den kleinen Tisch in einer Ecke an der Wand gefunden. Es war der noch streng gemiedene Platz für den Henker, seine Knechte und die Abdecker. Hier durften sie als Unehrliche aus zerbrochenen, deckellosen Steinkrügen - niemals aus ganzen Gefäßen - ihr Bier trinken. Auch die Bovvekünninge (Hilfspolizisten), die vier Knechte des Gewaltrichters, die eine Art Aufsicht über das Bettelvolk hielten, und die Funken, die Stadtsoldaten, galten zu reichsstädtischer Zeit für unehrlich, wenn auch ihre Berührung nicht direkt, wie die des Henkers, andere Leute unehrlich machte. Deshalb durften sie auch in ihrer freien Zeit kein Handwerk ausüben und mußten in den Brauhäusern gesondert ihr Bier trinken. Die Franzosen haben mit diesem Vorurteil aufgeräumt.

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Wie alle besseren Brauhäuser, hatte auch der "Esel" eine allgemeine und eine Herrenstube. Beide waren einfach ausgestattet, die Wände bis zu Manneshöhe mit Eichenholz getäfelt, darüber gewieß (weiß gestrichen). Das Möblement bestand aus schweren Tischen und Bänken aus Eichenholz. Auf den Tischen standen eiserne Leuchter aus lackiertem Blech, in denen Talgkerzen (Unkelskääze) mit trüber Flamme brannten. Eine Lichttputzschere, mit der man den verbrannten, verkohlten Docht entfernte, war mit einem Kettchen am Leuchter befestigt. An den Wänden hingen auf Holzpflöcken, schön aufgereiht, die steinernen Maßkrüge mit Deckeln aus Zinn. Denn man verschenkte und trank das Bier nur aus solchen; Gläser waren noch zu teuer und nicht üblich. Nur vermögende ältere Leute, die "jet pingelich wore", brachten in kleinen Körbchen ihre Schoppengläser mit und dazu eine kleine Reibe und "die Beschot", eine Muskatnuß; davon rieben sie etwas in ihr Bier, manche fügten auch noch eine Scheibe Zitrone dazu. Bedient wurden die Gäste "vun de Pooschte", den Brauknechten, im blauen Wams und in blauem, sonntags weißem Schurz. Sie schleppten das Bier in großen bauchigen Steinkrügen aus dem Keller und füllten oben die Trinkgefäße. Der Brauer saß mit bedecktem Haupt "en der Thek". Er bediente nur selten, trug auch keinen Schurz, sondern bei Kniehosen eine Schoßjacke aus Tuch.

Natürlich wurde auch viel geraucht, denn das Rauchen hatte beim Volke den vornehmen, den Franzosen nachgeahmten Genuß des Schnupfens mehr und mehr verdrängt. In der allgemeinen Wirtsstube rauchte man aus der "äde Notz" (Tonpfeife) oder dem "Mutzöhrche" den hier vor dem Hahnentor oder Eigelsteintor viel gezogenen Tabak oder AB-Reuter. An der Wand der Herrenstube lagen auf Gestellen lange irdene Pfeifen zur freien Benutzung, auch fehlten auf den Tischen nicht Kästen mit Tabak und ein "Stövge" mit glimmenden "Böschkolle" (Holzkohlen) zur Bequemlichkeit der Gäste. Wer eine Pfeife benutzt hatte, brach ein Stück des Rohrs ab und legte sie wieder auf das Gestell. Feinere Leute brachten lange irdene Goudaer Pfeifen, in Futteralen verwahrt, mit in die Bierstube. Es rauchten aber auch viele Leute Pfeifen mit Köpfen aus Meerschaum, die man durch Einnähen in Leder oder Seide schützte.

Nach dem Tode des Bierbrauers Badorf wurde der große Bieresel äußerlich modernisiert. Man hing dem Hause "ene neue Flabes vör", d.h. man trug den Treppengiebel ab, so daß die Hausfront oben geradlinig wurde. Die Fenster erhielten andere Form und Scheiben, die bleiernen Wasserspeier verschwanden wie auch der Gringkopp über dem Tore; letzteres wurde ebenfalls modernisiert. Sechzig Jahre nach der geschilderten Zeit war der Bieresel im Besitz des Brauers Wiertzfeld. Er hatte gute Kundschaft, und um die Zeit des Mittag- und Abendessens kamen die Zapfjungen oder Pooschte selten zur Ruhe. Ununterbrochen wurde dann "Wieß", "Lager", "Jung" oder "Sexen" gefordert. Ich besuchte zu diesem Zwecke schon damals den "Esel" sehr häufig. Meiner Erinnerung nach war zu der Zeit die große Wirtsstube - es gab nur noch eine - noch ziemlich altertümlich. Die mit Stuckornamenten in angetragener Arbeit überkleidete Balkendecke war so oft "gewieß wode", daß die Ornamente alle Formen verloren hatten. An den dunklen Wänden standen Bänke und davor Tische mit Platten aus Buchenholz, die "de Pooschte" jeden Morgen mit einem Strohwisch und weißem Sand abscheuern mußten. Weißer Sand, in zierliche Muster gekehrt, bedeckte auch den Boden. An den Wänden hingen Bilder, die an die Franzosenzeit gemahnten. Napoleon I. bei Marengo, bei Austerlitz usw., und auf dem Ofen stand eine polychromierte Büste des Korsen, wie sie in früheren Zeiten der Bildhauer Peter Joseph Imhoff zu verfertigen pflegte.

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Auch sah man verschiedene damals sehr beliebte Bilder, die aus einer Menge von einzelnen Ausschnitten aus Holzschnitten und Lithographien zusammengeklebt waren. Auf den Tischen sah man im Winter, wenn der Ofen brannte, anstatt der üblichen "Schwägelcher" grüne, lackierte Becher mit Fidibussen aus Zeitungspapier; sie waren auch wohl gefüllt mit Streifen aus alten, zerschnittenen Spielkarten. Auf dem Stammtisch waren diese Becher aber mit Holzspänen gefüllt. Denn fast alle Gäste rauchten, und zwar meistens Pfeifen; Zigarren zu rauchen, war um 1860 beim Kleinbürger noch nicht allgemein üblich. Der weniger Bemittelte rauchte "sing äde Notz" oder die kurze Pfeife mit einem Kopf aus Holz oder Porzellan. Andere "schmorten" aus Pfeifen mit Köpfen aus Gips, die in Leinöl gekocht waren. Solche Pfeifen konnte man aber die ersten Wochen nur im Freien, fern von der Menschheit rauchen, denn sie rochen beim Rauchen, wie wohl eine Komposition von Bückingshaut, Lebertran und alten Kommißstiefeln riechen würde, falls man sie anzündete. Viele der besseren älteren Gäste rauchten noch Pfeifen mit oft schönen Meerschaumköpfen. Es gab damals "Anraucher", die solche Köpfe anschmorten. Andere hatten "lang Piefe" mit bemalten Köpfen und schwarzrotgoldenen Quasten, Erinnerungen an 1848/49. Wieder andere verehrten auf den Pfeifenköpfen den König, die Revolutionshelden Blum, Hecker, Struve oder Garibaldi.

Neben der ausgebauchten, schön geschnitzten Theke stand der Stammtisch. Abends reihten sich darum lauter würdige Männer aus der Nachbarschaft. Fast alle die älteren Leute waren glatt rasiert, doch ließen alte Schuster und Zimmerleute traditionell den Bart unter dem Kinn und an dem Halse wachsen, so daß er das Gesicht umrahmte. Die meisten dieser bürgerlichen Gäste hielten den Kopf bedeckt; auch im Sommer. Entweder trugen sie gestickte Hauskäppchen oder eine seidene Kappe. Diese Stammgäste waren meistens Spezereikrämer, Händler, Bäcker und Metzgermeister aus der Nachbarschaft, alles in ihren Kreisen sehr angesehene, meist auch wohlhabende Leute. Hüte trugen sie nur sonntags, und meist nur Zylinder. Alle waren abends gut gekleidet, nur die Metzger erschienen ab und zu in der weißen Jacke und Schürze; im Winter war die Jacke blau. Frühschoppen machten diese Gäste nicht, weil das Mittagessen um 12 Uhr eingenommen wurde. Man trank mal zwischen Frühstück und Essen ein Stehglas oder "e Köönche". Blauen Montag machten nach alter zünftlerischer Tradition nur Schuster, Schreiner, Schneider, Zimmerleute und Klatschmänner. Sie erschienen dann mit der aufgesteckten Arbeitsschürze, die Schuster mit dem Schuhsack.

Abends spielten die Gäste mit Karten: Sibbeschröm, Napoleon, Gäle, Zwicken oder Tuppen, Jüddele, Herzblättchen oder Kreuzmariage. Mittags aßen in diesem Hause Herrschaft und Gesinde an einem Tisch, die Speisen waren für alle die gleichen. Samstags saßen in einer Ecke ein oder zwei "ärm Lück", die dann den Überrest der Speisen erhielten. Mittagsgäste gab es wenig, da junge, hier fremde Leute der Billigkeit halber bei ihren Mietsleuten speisten. Teuer war es auch im "Esel" nicht, denn ein Teller Suppe, ein Schweinekotelett und "düchtig Ädäppel" oder anstatt Suppe Salat dazu, kosteten 40 Pfennige. Natürlich verkehrte auch eine fromme Bruderschaft verbunden mit einer Sterbekasse in dem großen Esel. Außerdem hatte man in den Bierhäusern fast überall gesellige Dombau-Vereine. Die Mitglieder trafen sich sonntags. Der Wirt lieferte von jedem Glas Bier 2 Pfennige zum Fortbau des Domes an die Baukasse. Die Gäste munterten sich dabei des guten Zweckes wegen durch ein von Karl Cramer gedichtetes Lied zum Trinken auf.

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