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Vorkriegssituation (1920-1933)

Interview mit Hans Sion

Hans Sion
Hans Sion

von Franz Ludwig Mathar

... Herr Sion, Sie gelten als der Vater des Kölsch und sind einer der letzten Insider der Kölner Brauergeschichte, können sie uns über einige Stationen Ihres Berufslebens berichten?

 "Es ist ein ganz normales Kölner Bürgerleben. Allerdings gab, es in Laufe meines Lebens, im Gegensatz zu heute, viele einschneidende politische, berufliche und private Situationen, welche die Männer und Frauen meiner Generation doch stark geprägt haben. Ich möchte da nur die beiden Weltkriege und die damit zusammenhängenden Entwicklungen nennen. "

... In der Werbung der 20er Jahre wurde oft mit dem Begriff "Echt Kölsch" geworben,
war das auch schon helles Obergäriges?

"Das war es sicher, nur mit einem Unterschied, dieses Bier das damals gebraut wurde, als Kölsch verkauft wurde, war ein Bier, von dem man heute sagen würde, das man es "keinem Esel ins Ohren schütten" würde. Sie müssen sich immer vorstellen, daß die größeren Brauereien Lagerbrauereien waren, das heißt die Biere wurden bis zur Reife in großen Kellern gelagert. Das hing damit zusammen, daß sie immer genügend Bier auf Lager hatten. Mit den Kelleranlagen ist man dann an Flüsse gegangen oder an Stellen, wo Weiher waren, wo während des Winters das aufgefangene Wasser frieren konnte, damit man Eis zum Kühlen hatte. In manchen dieser Keller hat das Eis bis in den Juni gehalten. So eine kleine Hausbrauerei hat ja nicht gelagert, sondern die hat nur gebraut, um das Bier zu haben, was sie in der nächsten Woche oder am nächsten Tag verkauft hat."

... Wie sah denn eigentlich das Kölsche Bier um 1900 aus?

 "Kölsch in unserem heutigen Sinne gab es ja noch nicht. Vielleicht sollte man noch einmal auf den Geschmack und die Bierfarbe zurückkommen. Das Kölsch um die Jahrhundertwende, das damals sogenannte ungefilterte "Wiess", war in der Färbung bedeutend dunkler als heute. Wenn man sich vorstellt, bis zum Ende des ersten Weltkrieges gab es in Deutschland praktisch, ich möchte sagen 90 %, "dunkles" Bier. Das helle Bier wurde erst später salonfähig. Man hatte die Möglichkeiten mit der besseren Filtration, die ja damals gerade erfunden worden war. Vorher gab es immer nur Trübes "Wiess". Das Problem mit dem "Wiess" hing aber mehr oder weniger mit dem Schaum zusammen. Kölsch war ein Bier, das grobperlige Schaum. Mit diesem hatte man eine Zeitlang sehr gut leben können, dann änderte sich der allgemeine Geschmack und stark kohlensäurehaltige Getränke waren nicht mehr so gefragt. Kölsch galt als antiquiert und nicht mehr als zeitgemäß."

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... Sagen sie bitte etwas zu dieser Zeit der Hausbrauereien der 20er und 30er Jahre, was waren das für Brauereien?

"Das waren vor allem die noch verbliebenen, wenn man so will, konsolidierten Brauereien nach den wirtschaftlichen und politischen Wirren der 20er Jahre wie die Brauerei Früh, die Brauerei "Zur Malzmühle", Päffgen in der Friesenstraße, die Dombrauerei Hans Sion Unter Taschenmacher, Cornel Wirtz von der Schreckenskammer in der Johannisstraße und an St. Kunibert gab es die kleine Brauerei Reulen. Ich glaube, die hieß "Zum Stern". Dann die Bäche hinauf die beiden Brauhäuser, das "Ruude Bräues von Jean Pütz und der "Junge Rabe" von Abels, der sich besonders mit seinem Halven Hahn hervortat. In der Sterngasse der "Prinz Eugen" der Familie Lehmacher und das Brauhaus "Zum St. Peter". In der Nähe gab es außerdem noch das Brauhaus Heinrich Kolter am Marienplatz. Dieses urkölsche Lokal war ein Doppelhaus zwischen Mühlenbach und Marienplatz, gegenüber dem Drei-Königen-Pförtchen. Heinrich Kolter hatte einmal im Karneval den Bauer gemacht, obwohl er kein echter Kölscher war. Seitdem trug er den Spitznamen "Dr vornehme Buur", was er in Wirklichkeit auch war."

... Wie verlief denn die historische Entwicklung Ihrer eigenen Brauerei "Unter Taschenmacher"?

"Hier auf dem Grundstück "Unter Taschenmacher" hat laut den Schreinsbüchern der Stadt Köln schon seit dem Mittelalter ein Brauhaus existiert. Der Brauer Peter Herberts war der erste der in den neueren Registern seit 1838 genannt wird. Er braute bis 1852. Die folgenden Besitzer haben sich jedoch hier nie lange gehalten. Der ehemalige Besitzer Jean Jüsgen war mir ein Begriff, der hatte hier auf dem Haus noch eine Hypothek. Dann kam Josef Schwartz, der war aber nur kurz hier, ich glaube acht Jahre. Dann folgte mein Vater Jean Sion. Nach dessen Tod heiratete meine Mutter den Georg Risch, von dem ich dann die Brauerei übernommen habe, bis zu ihrer Zerstörung 1943."

... Das Köln der 20er Jahre, wie hat man sich das vorzustellen? Besonders in Bezug auf den Biertransport? Sind die Biergespanne tatsächlich durch die Straßen gefahren und haben so den Wirtschaften das Bier angeliefert?

"Ja, genau so. Es gab einige Brauereien, die noch Pferdefuhrwerke hatten, wie zum Beispiel die Brauerei Sester andere benutzten aber bereits Lastautos, wie sie auch heute noch üblich sind. Der eine Bruder Sester, der ein ausgesprochener Pferdefreund war, bei dem lief das Pferdefuhrwerk mehr ein Hobby nebenher. Das war zwar immer sehr attraktiv, aber auch eine teure Angelegenheit. Der Verkehr nahm ja damals schon sehr zu. Wenn man bedenkt, wieviel Straßenbahnen allein durch die Altstadt fuhren, das war schon beängstigend."

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... Fuhr die Straßenbahn denn auch hier durch die enge Straße "Unter Taschenmacher"?

"Natürlich, hier fuhren allein fünf oder sechs verschiedene Straßenbahnlinien durch. Besonders die Rundbahn, die berühmte Linie 18. Was meinen Sie wohl was das für ein Lärm war. Ich habe als junger Mann neben dem heutigen Brauhaus gewohnt. Vor allem im Winter, wenn die Bahnen um die Ecke herumkreischten, das war schon ein infernalischer Krach. Von dieser Rundbahn erzählte der alte Herr Schmitz-Otto, ein in Köln sehr angesehener Hopfen- und Malzhändler, daß dort hinten auf dem Perron entschieden wurde, wo es an diesem Tag das beste Kölsch gab, da damals die Qualität des Kölschbieres von Tag zu Tag oft sehr verschieden war. Man sprach sich also ab wo man sein Glas Kölsch trinken ging."

... Wie ist denn damals der normale Kölner mit seinem Bierkonsum umgegangen, was hatte er für Trinkgewohnheiten, ging er täglich in die Kneipe oder hat er sich sein Kölsch dort geholt?

"Beides - es gab immer einen festen Kundenstamm, insbesondere Handwerker und Kaufleute, die beim Elf Ührchen, also regelmäßig um 11 Uhr, ein Krüstchen Rindfleisch oder Gulasch, ein Brötchen mit Tartar und ein paar Glas Kölsch zu sich nahmen. Dabei wurde, wie die Kölner das besonders lieben, der ,,Klaaf" gehalten. Eine Lokal-Zeitung gab es zwar auch, aber die Gerüchte, die in der Stadt kursierten, wurden vor allem in den vielen Brauhäusern weiterverbreitet. Doch auch der sogenannte "Straßenverkauf" war erheblich. Die Nachbarschaft holte sich das Bier lieber nach Hause. - Warum? Weil sie für einen Liter noch zusätzlich ein Hälfche (ca. 1/4 Liter) Zugabe bekamen. Die Bestellung lautete immer: ieskalt und huhvoll'". Dann folgte so ungefähr der Spruch "Dunn noch ä Hälfche dobei". Das Bier wurde mit der Kanne oder im Glas-Siphon geholt. Das war hier in Köln, aber auch im übrigen Deutschland allgemein so üblich."

... Wie kann man sich die Altstadt vor 1914 vorstellen, etwa so wie heute ?

"Mein Gott, nein! - Die Gegend um die Friedrich-Wilhelm-Straße, die heutige Marksmanns-Gasse, war die verrufenste Ecke der Altstadt. Auch der Buttermarkt war eine richtige Bordellstraße. Am Rothenberg wurde vor allem Hehlerei betrieben. Wenn man irgendwie eine Frage hatte oder irgend etwas verlustig war, ein Mantel oder so etwas, da ging man dahin, da bekam man ihn irgendwie wieder. Mir selbst ist einmal folgendes passiert. An der Ostseite des Heumarkts, dort stand das ehemalige Brauhaus Zum Schloß Bensberg, war zu dieser Zeit ein etwas zweifelhaftes Lokal. Ich hatte in dieser Gaststätte kurz meinen Mantel aufgehangen, und schon nach etwa 10 Minuten kam einer und bot mir diesen für fünf Mark an - meinen eigenen Mantel."

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... Welche Brauereien gab es hier im Viertel außer Ihrer eigenen Brauerei?

"Die Brauerei Peter Josef Früh hatte hier erst im Jahre 1904 angefangen und sich dann zu einem der beliebtesten Brauhäuser vor allem für die Landbevölkerung entwickelt. Diese kehrte hier ein, bevor sie mit dem Zug oder mit der Rheinuferbahn ins Vorgebirge nach Hause fuhren. Vorher war in dem Gebäude ein kleines Revue-Theater und danach die Schützenliesel, ein Amüsierlokal mit Damenbedienung".

... Und wer braute hier sonst noch in der Altstadt?

"Bereits damals den Braubetrieb eingestellt hatte die Brauerei "Zum Bart" von August Klöters auf dem Brand. Diese wurde anschließend zum Weinhaus Brungs mit Weinkeller umfunktioniert. Es war ein ziemliches Remmi-Demmi-Lokal, direkt neben der ehemaligen Kammachergasse. Diese war zu dieser Zeit auch eine bekannte Bordellgasse, welche, wie es im Volksmund hieß, dem Domkapitel gehörte. Dieses würde das Geld einziehen, genau eingeteilt nach Hausnummern und nach den Spezialitäten die dort geboten wurden. Doch historisch gesichert ist das natürlich nicht. In der benachbarten Neugasse gab es eine Pferdemetzgerei, der bekannte Firmenich, und außerdem ein Amüsier-Lokal neben dem anderen."

... Es existiert das geflügelte Wort von den "Goldenen 20er Jahren", traf dieser Begriff auch für die Kölner Brauhäuser zu?

"Die Goldenen 20er betrafen die Kölner Brauhäuser in dem Maße nicht, die fanden irgendwo anders statt. Da denke ich mehr an die zu der Zeit neuen modernen Stadt-Cafés und die Geschäfte auf der Schildergasse wie an der Ecke zum Neumarkt das Cafe Hindenburg. Vor allen Dingen die Hohe Straße, angefangen vom Café-Bauer, dem Arkadia, dem Atlantik gegenüber dem Simplicissimus, dem Cafe Pallant und dem Monopol-Metropol. Hier pulsierte zu der Zeit das moderne Leben. Die goldenen 20er bestanden vor allem darin, daß man auf der Hohe Straße auf und ab flanierte und anschließend eines dieser Lokale besuchte. In der Budengasse befand sich das Weinhaus Betscher, welches das beste Speiselokal der Stadt war, das es neben dem Gürzenich in Köln gab. Die Budengasse wurde besonders wegen der vielen Buch- und Antiquitätenläden besucht. An der Ecke Budengasse und Unter Goldschmied stand die Brauerei Esser Zum Gildenhaus. Sie wurde später an die Bergische-Löwenbräu verkauft. In die Goldenen 20er Jahre fiel aber auch die erste "währungspolitische Zäsur", die Inflation, wie man so schön sagte, da hat ein Liter Milch zeitweise 280.000 Mark gekostet."

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... Wie teuer war das Bier zu dieser Zeit?

"Den genauen Bierpreis in der Inflationszeit weiß ich auch nicht mehr so genau, da er sich ja täglich änderte. Er ging wahrscheinlich aber auch hoch in die Millionen. Ich besuchte zu dieser Zeit das Apostel-Gymnasium und das Hauptzollamt, wo die Biersteuer zu entrichten war, lag auch direkt am Apostel-Kloster. Ich mußte dort alle drei Tage, bevor ich zur Schule ging, erst die Biersteuer bezahlen, weil die Einnahmen vom Vortag sonst erheblich an Wert verloren hätten. Morgens, wenn ich zum Gymnasium ging hingen die Ämter zuerst mal den Multiplikator heraus, den man immer erst zu Hilfe nehmen mußte, um zu wissen, was das Geld aktuell überhaupt noch wert war. Gut hatten es nur die großen Hotels, die Deviseneinnahmen in Schweizer Franken und Dollar hatten und so von der allgemeinen Währung unabhängig waren. Sie müssen sich vorstellen, in meiner Jugend kostete ein Hektoliter Bier zwischen 30,- und 40,- Mark. Zum Beispiel Kölsch kostete 36,- RM im Durchschnitt, da waren Differenzen mal von 2,- und 3,- RM. Pils kostete 40,- RM, dazu kam noch die Gemeindebiersteuer, die differierte je nach Gemeinde. Der höchste Betrag war hier in Köln 60,- bis - 70,- RM pro Hektoliter, wo der Biereinstandspreis 40,- DM für den Wirt war. Das war dann aber schon der Spitzenpreis für die bessere Qualitäten. In den 30er Jahren bereiteten uns viele Dinge in dieser Richtung große Schwierigkeiten. Es gab noch kein Kartellamt, aber wir haben uns untereinander doch schon darüber unterhalten und überlegt wie wir das umgehen konnten, da uns das zu teuer wurde. Und vor allen Dingen, wir hatten überlegt, die Wirte bekamen für das, was sie im Sommer bezogen unter der Hand 50 Pfennig pro Hektoliter Rückvergütung. Das Wort durfte man aber nie gebrauchen. Auch das Wort Wettbewerb in dem Sinne, wie man das heute benutzt."

... Verfügten denn viele Leute über Devisen wie Schweizer Franken, US-Dollars oder Holländische Gulden?

"Eigentlich nur wenige, denn das war eigentlich nur mit "Beziehungen" möglich. Zum Beispiel waren in unserem Haus auf dem ersten Stock direkt nach dem ersten Weltkrieg Besatzungstruppen einquartiert. Für mich bedeutete das teilweise ein gutes Geschäft. Es gab dort zum Beispiel einen Besatzungssoldaten, der ein passionierter Briefmarken-Sammler war und zu dem ging ich jeden Tag mit neuen Briefmarken, denn die wurden ja ständig mit neuen Zahlen überdruckt. Die Bezahlung erfolgte hierfür natürlich in ausländischem Geld. Auch tätigte ich für die englischen Soldaten in der Brückenstraße, wo sich deren Army-Verkaufsstelle befand, kleinere Einkäufe, für die ich ebenfalls mit Valuta bezahlt wurde. Auf diese Art und Weise habe ich mir immer etwas "hartes Geld" verdienen können. Dann bekamen wir die englische Rheinflottille im Brauhaus als Einquartierung. Die haben hier nicht gewohnt, sondern sie betrieben hier im Hause ein Offiziers-Kasino. Da gab es natürlich bedeutend mehr Möglichkeiten, um an Devisen zu kommen."

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... Die Kölschbrauer in der damaligen Zeit, was waren das für Leute?

"Das waren im großen und ganzen sehr tatkräftige und bodenständige Leute. Auf dem Eigelstein führte der Brauer Peter Baum den "Kölsche Buur". Er war außerdem vor dem Zweiten Weltkrieg Chef der Brauer-Innung. Dieser "unglückliche" Mann hatte sieben oder acht Töchter und konnte ja zu nichts kommen. Die Brauerei lief zwar ganz gut, doch waren da auch viele Münder zu stopfen. Die Kölsch-Brauer waren eine verschworene Gemeinschaft und taten immer etwas vornehm und tranken am liebsten Wein. Wenn sie sich zu Sitzungen trafen, so erzählte meine Mutter, die als "geschäftsführende" Witwe daran teilnahm, war das meistens im Weinhaus Teis. Aber auch im Weinhaus "Zur Glocke" neben dem Brauhaus Früh hielten die Bierbrauer ihre Versammlungen ab. Eine richtige Erklärung habe ich hierfür nie bekommen. Da gab es war aber noch eine andere Clique unter den Brauern, die gingen für meine Begriffe viel zu viel auf die Jagd, genau wie mein auch mein Stiefvater. Es hieß dann immer, geh doch mal mit, aber ich hatte kein Interesse daran, Tiere zu schießen. Die unterhielten sich am liebsten nur über "Wild und Hund."

... Mir ist aufgefallen, daß ehe die Emanzipation zum Thema wurde, bereits viele Kölner Brauerfrauen, meistens Witwen, akzeptierte Geschäftsfrauen waren.

"Das waren die auch. Meine Mutter war eine ausgezeichnete Geschäftsfrau, auch in organisatorischen und finanziellen Dingen. Sie hatte Durchblick. Ob mit dem nicht verbrauchten Hopfen oder dem Malz, sie hat sich nie auf windige Geschäfte eingelassen. Das war brautechnisch gesehen auch sehr gut, daß der alte Hopfen, der nicht verbraucht war dann wieder abgekauft wurde. Manche Brauer nutzten diese Mittel Geld, damit man wieder Geld für die Jagd oder was weiß ich für. Als es dann mit den Firmen ein bißchen bergab ging, fingen sie mit Preisunterbietung an, die damals eine riesige Aufregung verursachte. Normalerweise kostete das Bier 18 Pfennige, der eine verkaufte es dann für 15 Pfennige. Jedenfalls eine Woche später war es der andere. Wir konnten doch nun nicht alle mit 15 Pfg verkaufen, weil die über ihre Verhältnisse lebten."

... Können Sie denn einige markante Brauerpersönlickeiten aus dieser Zeit beschreiben?

"Eine markante Persönlichkeit schon von der Figur her war Peter Baum von der damaligen Hausbrauerei "Zum Kölsche Boor". Sein großes Handicap war, daß er "unzählige" Töchter hatte, die er alle versorgen mußte. Er ist lange Jahre Präses der St. Peter von Mailand Bruderschaft gewesen. Er war ein gestandener Mann, so wie man sich früher landläufig einen Brauer vorstellte. Der mußte einen entsprechenden Bauch haben, genau wie auch der alte Gatzweiler vom benachbarten "Birbäumche" an St. Ursula."

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... Und wer von den heute existierenden Hausbrauern stand Ihnen denn menschlich nahe?

"Das war der Hermann Päffgen in der Friesenstraße. Der war ein ganz ruhiger Zeitgenosse. Nach dem Krieg, ich wurde damals zum Obermeister der Brauer-Innung gewählt, war er mein Stellvertreter. Er war ein sehr loyaler Mann, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte. Doch die beiden Brüder Päffgen waren untereinander wie "Hund und Katz". Vor allen Dingen ihre Frauen. Die haben sich gegenseitig nie zur Kenntnis genommen. Wenn die eine an der Kasse saß, hat die andere gewartet, bis der Sitz kalt wurde. Vorher hat sie sich nicht hingesetzt."

... Gab es denn auch mal größere Streitigkeiten unter den Brauern oder herrschte da immer Friede und Eintracht?

"Nein weiß Gott nicht. Da war zum Beispiel eine schlimme Sache mit der Brauerei Franz Dünnwald in der Herzogstraße. Das war die Brauerei, wo jetzt (im Jahre 1990) der Richmodis-Bräu ist. Diese wurde von den Engländern nach dem Ersten Weltkrieg beschlagnahmt, wenigstens die Brauerei-Gaststätte. Die Brauerei konnte er aber weiterführen. Als die Engländer dann abzogen, wurde der Brauer Heinrich Hilgers als Sachverständiger bestellt für die Regulierung der Schäden und der angefallenen Aufwendungen. Laut Franz Dünnwald hat er seine Brauerei aber so schlecht bewertet, daß er dafür nicht einmal soviel erlöst hat, um seine Kosten zu decken. Der Franz Dünnwald kam fast jeden Tag zu uns ins Brauhaus und beklagte sich über Heinrich Hilgers. - Anschließend kam dann diese Affäre mit dem 20 Mark-Schein. Die Brauerei Franz Dünnwald, wurde später vom Brauhaus Winter, das ja ebenfalls in Lindenthal bis zum Zeiten Weltkrieg eine große Brauerei besessen hatte, übernommen". Dann gab es noch die Brauerei der Gebrüder Creischer am Barbarossaplatz, die führten die Barbarossa-Brauerei, die sich auf der Häuserinsel mitten auf dem Platz befand. Der eine Bruder, Wilhelm Creischer. Dann war da noch eine schlimme Sache mit der Brauerei Franz Dünnwald in der Herzogstraße. Das war die Brauerei, wo jetzt (im Jahre 1990) der Richmodis-Bräu ist. Diese wurde von den Engländern nach dem Ersten Weltkrieg beschlagnahmt, wenigstens die Brauerei-Gaststätte. Die Brauerei konnte er aber weiterführen. Als die Engländer dann abzogen, wurde der Brauer Heinrich Hilgers als Sachverständiger bestellt für die Regulierung der Schäden und der angefallenen Aufwendungen. Laut Franz Dünnwald hat er seine Brauerei aber so schlecht bewertet, daß er dafür nicht einmal soviel erlöst hat, um seine Kosten zu decken. Der Franz Dünnwald kam fast jeden Tag zu uns ins Brauhaus und beklagte sich über Heinrich Hilgers. - Anschließend kam dann diese Affäre mit dem 20 Mark-Schein. Die Brauerei von Franz Dünnwald, wurde später vom Brauhaus Winter, das ja ebenfalls in Lindenthal bis zum Zeiten Weltkrieg eine große Brauerei besessen hatte, übernommen."

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... Ihr "nächster" Nachbar als Brauerei war ja die Malzmühle, die damals wie heute von der Familie Schwartz geführt wird.

"Ja, der Josef Schwartz, damals der Eigentümer der Malzmühle wurde nur "dr Jupp" genannt. Er war ein toller Kerl und ein netter, drahtiger Mann. Ich glaube er war sogar einmal Deutscher Meister in irgendeiner Disziplin der Leichtathletik. Aber von Zeit zu Zeit konnte er auch recht "lebenslustig" sein, genau wie wir anderen. Denn beim Kölner Brauerei-Verband, sagen wir einmal in der Zeit nach 1948, war es oft so, daß wir erst früh morgens nach Hause kamen. Seine Brauerei "Zur Malzmühle" lief gut, besonders auch in der ersten Zeit nach dem Kriege. Wir haben damals dort auch unser Sion Kölsch gebraut. Die Malzmühle stellte außer Kölsch auch das Koch‘sche Malz-Bier her, eine besondere Spezialität des Hauses. Der Jupp Schwartz ist später mit dem Auto tödlich verunglückt uns seine Frau Anneliese hat bis zu Ihrem Tode die Brauerei geführt."

... Und gab es denn unter den Kölner Brauern auch einige "Exoten"?

"Einige nicht, aber es gab sie. Da gab es eine Brauerfamilie der besonderen Art, deshalb bleiben sie hier auch namentlich unerwähnt. Sie kamen sich immer etwas "feiner" vor. Und das "gehobene", das waren eigentlich die beiden Frauen, Ehefrau und Tochter. Sie hießen in Köln nur die beiden "Tiger", der alte und der junge. Die beiden lebenslustigen "Damen" gingen auch schon mal "auf Tournee" durch die kölschen Brauhäusern und darüber wußten viele Zeitgenossen pikante "Histörchen" zu erzählen. Ich habe sie damals einmal aufgesucht und wollte sie dazu überreden, daß sie ihr Lokal auch in richtig Kölscher Art führen sollten, da haben sie so gezetert, als wenn ich sie entmündigen wollte."

... Sprechen wir noch einige Brauer an. Haben Sie auch den alten Jean Pütz vom "Ruude Bräues" gekannt?

"Nein, der ist sehr früh gestorben. Ich kannte nur seine Großtante und den Neffen. Der führte damals die Brauerei, die Tante lag meistens im Bett und kommandierte von oben herunter. Wenn man ihn anrief, er war ein netter Kerl, sagte er immer allen Ernstes, da muß ich erst einmal die Tante fragen. Er ging dann zu ihr ins Schlafzimmer und holte ihre Zustimmung oder Ablehnung. Das war das "Ruude Bräues". Das war der Vater des heutigen Fernsehmoderators Jean Pütz."

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... Was waren denn damals die Geheimnisse der Brauer, die keiner wissen durfte?

"Natürlich, wir hatten wir schon vor dem Zweiten Weltkrieg unseren monatlichen Treffpunkt, den Brauer-Kegelclub. Dieser Klub war ursprünglich aus den leitenden Angestellten der untergärigen Brauereien entstanden. Aber ich habe mich damals schon immer dafür eingesetzt, alle Brauer in den Club aufzunehmen. Die Kegelabende waren die beste Gelegenheit um, sagen wir es einmal so, Preisfragen oder anderes zu regeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand hier neue Situation. Denn es trafen sich hier eine ganze Reihe Leute in leitenden Positionen, die keine Kölner waren und die mußten erst einmal überzeugt werden, daß nur das Kölsch eine Zukunft hatte. Das war eine schwierige Aufgabe und die übernahm in der Hauptsache der Brauer-Kegelklub. Der Klub ist übrigens älter als der Kölner Brauerei-Verband, denn er bestand bereits seit Ende des vorigen Jahrhunderts"

... Gab es damals unter den Brauern irgendwelche "Vereinbarungen" und wer führte die Gespräche?

"Ein gewisser Ritus war das "Christbaumgeläut", das hieß so, weil man sich am zweiten Weihnachtstag alle Brauer gemeinsam bei einem Mitglied unter dem Weihnachtsbaum trafen und die Bierpreise für das kommende Jahr festlegten. Meine Mutter nahm auch daran teil, sie hat ja während des ersten Weltkrieges die Brauerei alleine aufrecht erhalten, da mein Vater 1915 gestorben war."

... Das war ja wohl auch noch die Zeit, als das Kölsch eher ein Schattendasein führte.

"Ja, das war die Zeit zum Anfang der 30er Jahre. Wir haben damals auch einige andere Brauhäuser beliefert. Das waren ehemalige Brauereien, wie Abels in Deutz und Abels in Poll. Dieses spezielle Brauhaus in Porz hieß eine Zeit lang die "Panzerklause", weil nach dem Ersten Weltkrieg einmal ein belgischer Panzer zur Tür hereingefahren ist. Wir führten noch ein eigenes Lokal in Nippes. Es waren insgesamt vielleicht sieben oder acht Kunden, die wir mit unserem Kölsch belieferten. Aber wir mußten auch Konzessionen an das untergärige Bier machen. Ich weiß, daß wir sogar eine Zeit lang Würzburger Hofbräu im eigenen Brauhaus ausgeschenkt haben. Außerdem haben wir noch das "Gildenhaus", die damalige Brauerei Esser Unter Goldschmied beliefert und die ehemalige Brauerei Hubert Esser am Eigelsteinstor, obwohl die eine Brennerei und Weinhandlung war, schenkte unser Kölsch aus und auch das untergärige Bier, das wir als Handelsware führten."

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... Wie spielte sich den damals der Rohstoffhandel ab?

"Der Einkauf von Hopfen und Malz war für die Brauereien immer eine kritische Angelegenheit, da diese Preise von Jahr zu Jahr oft enorm differierten. Früher war das Verhältnis zwischen den Brauern und den Hopfen- und Malzhändlern durch eine starke Abhängigkeit geprägt, da sie meistens über die größere Kapitalkraft verfügten. Sie hatten im Grunde genommen Besitzverhältnisse an den meisten Brauereien, ohne daß sich das unbedingt im Grundbuch auswirkte. Sie gaben nämlich vielen Brauern Kredit. Das System war folgendes, die Brauereien verkauften alten Hopfen an die Händler zurück und übernahmen sogenannten neuen, nur um wieder an Kredite zu kommen. Man darf nicht vergessen, daß nach dem ersten Weltkrieg und bis zum zweiten Weltkrieg die Masse der Malzlieferanten aus Mitteldeutschland kam. Die Braugerste, die hier wuchs, war qualitativ schlechter, daß sagten wenigstens die Braumeister, ich habe das nie geglaubt. Hinzu kam noch, soweit mir bekannt ist, gab es hier eigentlich nur zwei oder drei regionale Mälzereien. Einmal die Mälzerei Weissheimer in Andernach, das war eine eigenständige Firma, dann war in Düsseldorf eine, die war aber schon von der Dortmunder Union gekauft und die Malzfabrik in Kahlscheuren. Ich kann mich an eine Mälzerei hier in Köln eigentlich gar nicht besinnen. Mit der Mälzerei in Kahlscheuren haben wir Kölner zusammengearbeitet."

... Wie war das Verhältnis Köln-Berlin? - Waren die Kölner die Provinzler im Gegensatz zu den weltstädtischen Berlinern?

"Ja, was soll ich ihnen sagen. Im Grunde waren wir hier in Köln etwas antipreußisch oder standen Berlin wenigstens reserviert gegenüber. Doch milderte eine preußische Maßnahme, die Fertigstellung des Domes durch die preußischen Könige die Situation. Für die Rheinländer und vor allem die Kölner hat das psychologisch große Rolle gespielt. Ich habe einmal vor einigen Jahren mit Max Adenauer über dieses Thema gesprochen. Damals sagte ich: "Ich muß ehrlich gestehen, je älter ich werde, desto preußischer werde ich. Er erwiderte mir, ihm gehe es genau so und im Vertrauen gesagt, auch seinem Vater Konrad Adenauer wäre das, nach eigenen Angaben, auch so ergangen."

... War denn Adenauer ein "rheinischer" Preuße?

"In seinem Gehabe war er das bestimmt, er wollte es aber nach außen hin nicht so gerne sein. Als es aber seinerzeit um den Vorsitz im preußischen Landtag ging, er war ja rheinischer Abgeordneter, war er sehr erpicht darauf, Präsident dieses Parlaments zu werden. - Ein Kölner als Präsident des Preußischen Landtags, zu vergleichen etwa mit dem heutigen Bundestag, das war schon etwas, was diesen machtbewußten Politiker reizte."

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... Trank Konrad Adenauer eigentlich lieber Bier oder lieber Wein?

 "Adenauer war in allem sehr neutral. Er hat sich weder so noch so geäußert. Zwar gibt’s es ein Foto, wo er vor einem Glas Dom-Kölsch sitzt mit der Geldbörse in der Hand, ein Zeichen, daß er sein Bier selbst bezahlt hatte. Das ist ein Vorgang, den man sich heute nur schwer vorstellen kann. Der einzige, der sich expressis verbis über Kölsch geäußert hatte, war der Kardinal Frings mit dieser bekannten Brückengeschichte: "Was ist der Unterschied zwischen Kölsch und der Deutzer Brücke" - Antwort "Üvver de Bröck jeiht alles, üvver e Jlas Kölsch jeiht nix!"

... Was bedeutete in den 20ziger Jahren eigentlich die Wirte-Union?

"Auf dem Neumarkt gab es die Gaststätte Comp, in dem Block, wo heute die Kreissparkasse ist. Der Besitzer, Werner Comp hatte diese Wirte-Union, als ein Gegenpol zur Wirte-Innung, ins Leben gerufen. Solche Grabenkämpfe gab es in Köln häufig. Unter Wirten, unter Brauern, jeder gegen jeden, das war für alle nicht besonders profitabel. Die Wirte-Innung war quasi ein zweiter Brauerei-Verband, weil ja viele Brauer damals auch Wirte waren. Ich weiß noch, daß der Comp dadurch immer ein gutes Geschäft hatte, weil alle Parteien, die sich in den Haaren lagen, immer bei ihm in der Gaststätte tagten. Persönlich habe ich ihn nicht so gekannt, dafür war ich noch zu jung. Aber er muß wohl ein sehr geschickter Kerl gewesen sein, denn er hat auf allen Hochzeiten gleichzeitig getanzt."

... Wie war das in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg mit den zahlreichen Fusionen von einzelnen Brauereien, haben da die "Großen die Kleinen gefressen"?

"Oft haben sich die Besitzer mehrerer Brauereien zusammengeschlossen um dem Konkurrenzdruck standzuhalten. Es passierte aber auch, daß die Großen die Kleinen gefressen haben. Zu dieser Sorte gehörte die heutige Gilden-Brauerei, früher Balsam-Bergische-Löwenbrauerei. Das eigentliche "Gildenhaus" war die Brauerei Esser hier um die Ecke an der Kreuzung Budengasse und Unter Goldschmied. Die wurde dann von der Bergischen Löwenbrauerei übernommen und der Name "Gilden" wanderte nach Mülheim. Vorher hatten man schon die Höhenhauser Brauerei, die Germania und drei weitere kleine Brauereien, die fusioniert hatten, geschluckt hat. Davon lag eine Brauerei direkt am Rhein an der jetzigen Mühlheimer Brücke, die haben im Winter das Eis aus dem Rhein bezogen."

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... Wie lösten die kleinen Hausbrauereien in den 20er Jahren ihr Kühlproblem?

 "Carl von Linde hatte ja schon 1876 die künstliche Eismaschine erfunden. Ich kann mich noch entsinnen, in den 20er Jahren haben wir selbst noch Eis fabriziert und haben dieses Eis in die Kundschaft mitgenommen. Die kleineren Brauereien konnten das Eis aber nicht selbst herstellen, so hatten die Größeren, die eigenen Anlagen hatten, wieder im Wettbewerb einen Vorteil. Heute (1990) gibt es in der Sünner-Brauerei noch eine solche Maschine als historisches Relikt. Dann haben wir uns im Verband zusammengeschlossen und gesagt, wir müssen von diesem "Eispalast" wegkommen. Das war eine sehr kostenintensive Situation. Es war ja mittlerweile so weit, daß das Eis aus Niedermendig kam, dort gab es einen Eiskeller. Mein Kunde Mirbach hat als Eishändler angefangen, er hat ja auch einen Eisbär als Firmenzeichen. Dann haben wir im Kölner Brauerei-Verband mit Linde ein Abkommen getroffen, und Linde hat die gesamte Eisbelieferung übernommen und an den Verband eine Abgabe gezahlt. Das war eine wunderbare Sache. Laut dieser Verträge brauchten wir nie im Verband Beitrag zu bezahlen, den hat für und der Linde bezahlt. Das ist im nachhinein interessant zu wissen, doch ist dieser Wissensstand bei vielen jetzigen Leitern der Brauereien nicht mehr vorhanden."

(FM)

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