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Gambrinus - König des Bieres

Gambrinus - König des Bieres

Welcher passionierte Biertrinker kennt nicht Gambrinus, den sagenumwobenen König des Bieres, den rotwangigen königlichen Zecher, auf dem Haupt die mit Gerstenähren verzierte Krone und in der Hand den bekränzten Humpen, gefüllt mit schäumendem Bier? So bietet er ein Bild voll majestätischer Sinnenfreude, wie er da auf seinem Faß thront, der Herrscher über Hopfen und Malz. Wer war er denn nun wirklich, dieser König des Bieres ? Ein Bier-Heiliger, ein "Ritter ohne Furcht und Tadel" ? - Phantom oder Wirklichkeit? Vieles wurde über ihn gedichtet und fabuliert. Mal war er ein König aus dem Morgenland, der 1200 v. Chr. das Bier erfand, mal wird behauptet, er habe die Stadt Hamburg gegründet. Dann wieder, er sei ein König aus Flandern gewesen, der wegen seiner Verdienste um das Bier gleich von mehreren (!) Päpsten heiliggesprochen wurde.

Der Chronist und Brauer Wilhelm Scheben brachte als erster Zweifel an den alten, märchenhaften Deutungen auf. In seinem 1880 erschienenen Buch Die Zunft der Brauer in Köln findet sich ein Hinweis auf die wahre historische Identität des Gambrinus und seine reale, historische Beziehung zur Stadt Köln. Wilhelm Scheben erwähnt dort den Herzog Jan I. von Brabant, also "Jan Primus", im deutschen Johann I. genannt Er berichtet über eine Abhandlung des Historikers Coremans, welcher auf die Verballhornung des Namens Jan Primus als "Gambrinus" hinweist. Ihm erscheint diese Deutung des Namensursprungs plausibler als die Ableitungen vom germanischen Wort gambra (= Keim), vom keltischen camba (= Braupfanne) oder vom lateinischen ganeae birrinus (= der in der Schänke trinkt). Bedenkt man weitere Indizien, die auf die Gestalt des Jan Primus hinweisen, so wird diese Schlußfolgerung immer wahrscheinlicher. Betrachten wir deshalb diesen Brabanter "Bierfürsten" einmal etwas genauer und beleuchten die Beziehung, die er in Wirklichkeit zum Bier und zum Brauen hatte.

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Geboren wurde Jan Primus im Jahre 1250 in Leuven im heutigen Belgien. Sein Vater, der Herzog Hendrik III. von Brabant, starb frühzeitig am 28. Februar 1261 ebenfalls in Leuven, der damaligen Residenz der Brabanter Herzöge. Er ließ seine junge Witwe Aleidis, eine Tochter des Herzogs von Burgund mit vier unmündigen Kindern im wahrsten Sinne des Wortes "mutterseelenallein" zurück. Es waren dies: der stets kränkelnde Thronfolger Hendrik IV., dessen Brüder Jan und Goedevaert sowie die kleine Schwester Maria. Die junge Aleidis und ihr nun schutzloser Besitz wurden natürlich schnell das Objekt manch machtlüsterner Blicke habgieriger Nachbarn und Feinde, die sich das nun wehrlose Herzogtum gerne einverleibt hätten. Zwar beschlossen die Städte Brabants, den jungen Thronfolger zu beschützen und später in seine angestammten Rechte einzusetzen, doch der Druck von innen und außen war gewaltig. Innerhalb Brabants versuchte Hendrik von Leuven, ein Verwandter der herzoglichen Familie, unterstützt von anderen Brabanter Adeligen, die Regierung zu übernehmen. Dieser perfide Versuch eines eigenen Verwandten bewegte deshalb die Witwe und ihr Gefolge, ihre Residenz von Leuven ins benachbarte Brüssel zu verlegen, wo sie dann auch später verblieben. Von außerhalb waren es die Grafen von Geldern und der Fürst-Bischof von Lüttich, die das geschwächte Brabant gerne geschluckt hätten. Doch mit der Hilfe des verbliebenen getreuen Adels, besonders der Herren von Mechelen, und dank des außergewöhnlich diplomatischen Geschicks der Herzogswitwe Aleidis gelang es, die Nachfolgefrage Hendriks III. bis zum Jahre 1267 offenzuhalten.

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Endlich, am 3. Juni 1267 wurde in Anwesenheit fast aller Vertreter des Adels und der Städte Brabants der zweite Sohn Hendriks III., zum Herzog Jan I. (Jan Primus) von Brabant ernannt. Zuvor hatte der eigentliche Thronfolger, Hendrik IV., der an einer Geisteskrankheit litt, auf Betreiben seiner Mutter zu Gunsten des jüngeren Bruders Jan auf die ihm zustehende Herzogswürde verzichtet.

So wurde Jan bereits im Alter von nur fünfzehn Jahren Herzog von Brabant. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere eines außergewöhnlichen Mannes, dessen gesamte Kindheit geprägt wurde durch die Unsicherheit seiner Existenz und durch eine harte ritterliche Erziehung. Statt kindlicher Spiele übte sich der junge Jan mit Schwert und Lanze, so daß er schon sehr früh ein erfahrener, in zahlreichen Turnieren erprobter Kämpfer war. Nachdem Johann (Jan) I. von Brabant nun die Herzogswürde übernommen hatte, sah er sich nach einer standesgemäßen Braut um. Er fand sie in Margaretha, der Tochter des französischen Königs Ludwig IX. (des Heiligen). Kein schlechter Start für eine internationale Karriere. Er wurde so der Schwiegersohn eines der mächtigsten europäischen Herrscher. Leider verstirbt die junge Herzogin nach kurzer Ehe im Kindbett, ohne dem Herzog einen Erben geboren zu haben. Nach dem Tod seiner jungen Gattin stürzte sich Jan I. in allerlei kriegerische Abenteuer. Teils wollte er die Schmach rächen, die man seiner Mutter vor Jahren angetan hatte, teils trieb ihn Abenteuerlust, teils seine latent immer vorhandene Aggressivität. Dieser Wesenszug - vielleicht angeboren oder durch die harte Kindheit anerzogen, trieb ihn auch in Friedenszeiten von einem Kampf zum anderen. Hierbei war er dank seiner exzellenten Ausbildung und seines außergewöhnlichen Talents sehr erfolgreich. Der junge Herzog engagierte sich derart stark für den Turnierkampf, daß er in St. Quentin in Nordfrankreich ein Gelände kaufte, um dort unter eigener Regie Turniere abhalten zu können.

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Das Besondere an diesen Turnieren war, daß die Teilnehmer hier nur mit zwei Knappen zu erscheinen brauchten, so daß auch weniger bemittelte Ritter an diesen Turnieren teilnehmen konnten. Reichtümer erwarb Jan I. jedoch nicht mit seinem adeligen Zeitvertreib, denn die meisten Preise, die er gewann, waren es Geld, Goldpokale, Schmuck, wertvolle Waffen oder Pferde, schenkte er den Rittern seines Gefolges. Viele Länder wurden Zeugen glänzender Turniersiege und rauschender Feste. Jan I. war aber nicht nur groß im Kampfe, er genoß ebenso als gewaltiger Zecher und unterhaltsamer Minnesänger einen internationalen Ruf. So war es auch kein Wunder, daß viele adelige Damen dem feinsinnigen Herzog sehr zugetan waren. Dieses ungebundene Ritterleben konnte jedoch einen so aktiven Mann wie Jan Primus auf die Dauer nicht ausfüllen. Er hatte Höheres im Sinn. Also begab er sich ein zweites Mal auf Brautschau, um auch diesmal wieder das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Er wurde rasch fündig. Seine zweite Frau, ebenfalls mit Namen Margaretha, war die schöne Schwester seines mächtigen Nachbarn Guy (Guido) de Dampière, des Grafen von Flandern. Diese familiäre Verbindung wurde zusätzlich mit einem gegenseitigen Treuegelöbnis und einem militärischen Beistandspakt besiegelt.

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Zusätzliche familiäre Bündnisse erreichte der umtriebige Herzog durch die frühe Verheiratung seiner jüngeren Schwester Maria mit dem französischen König. Seinen Sohn Jan II. (1294- 1312) versprach er schon lange vor dessen Großjährigkeit der Tochter des englischen Königs Edward I. Jan II. heiratete dann später auch wie versprochen die Prinzessin Margarethe von England. So war der Herzog Jan Primus dank seines diplomatischen Heirats-Geschicks - und durch kluge Allianzen mit den mächtigsten Monarchen Westeuropas verbunden und verwandt. Er war zu seiner Zeit einer der einflußreichsten Fürsten auf dem europäischen Kontinent. Zwar nahm er auch noch sporadisch an Turnieren teil, doch sein Hauptinteresse galt nunmehr der großen Politik. 1273 wurde Rudolf von Habsburg zum deutschen König gewählt. Er herrschte über ein Gebiet, das sich im Norden bis an die Küstenstadt Lübeck und im Süden bis zu den Alpen erstreckte. Im Westen war Burgund und im Osten die Stadt Wien die Begrenzung dieses "regnum teutonicum", wie es gegen Ende des 13. Jahrhunderts in den "Colmarer Annalen" beschrieben wird. Die westlichen Nachbarn des Habsburgers, Frankreich, Luxemburg, Brabant und Flandern grenzten an das mittel- und niederrheinische Gebiet - das politische Zentrum des damaligen Reiches mit seiner geistigen und geistlichen Metropole Köln. Hier kreuzten sich die wichtigsten Handelswege Westeuropas, hier trafen Geld und Geist zusammen - hierhin wollte Jan I. seinen Einfluß nun ausdehnen.

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So war der Limburgische Erbfolgekrieg (1283- 1288) auch eine sehr günstige Gelegenheit sich in dieser Richtung zu betätigen und den Machtbereich Brabants auszuweiten. Das Streitobjekt, das kleine Herzogtum Limburg, zwischen Aachen und Lüttich gelegen, war dabei eher nebensächlich, Ziel war das gesamte Rheinland. Die streitenden Parteien sind auf der einen Seite die aufstrebenden Kräfte Jülich, Kleve, Berg - unterstützt von Brabant – und auf der anderen Seite Geldern, Luxemburg und Nassau - angeführt vom mächtigen Erzbischof von Köln, Siegfried von Westerburg. Ein Nebenkriegsschauplatz dieses über fünf Jahre dauernden Streites war dabei der Freiheitskampf der Kölner Bürger gegen ihren Erzbischof, welcher die freiheits- und machthungrigen Kölner Kaufleute und Handwerker zwangsläufig auf die Seite des Herzogs von Brabant brachte. Zwei Aspekte dieses Kampfes sind besonders interessant: die Rolle Johanns I. von Brabant in der entscheidenden Schlacht bei Worringen und sein Aufenthalt nach der Schlacht in der Stadt Köln.

Am 5.Juni 1288 trafen die beiden Heere, insgesamt 12.000 Kämpfer, in der Fühlinger Heide vor den Toren Kölns aufeinander. Es waren etwa 2250 Ritter und Knappen zu Pferd, der Rest waren Fußtruppen. "Die Schlacht wurde von beiden Seiten mit äußerster Härte geführt, man watete in Blut und Leichen" berichtet später der Brabanter Chronist Jan van Heeln. Am Abend des Tages war der Kampf entschieden, der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg wurde dabei gefangengenommen und seine Truppen vernichtend geschlagen.

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Für die teilnehmenden Kölner Bürger hatten fünf Regimenter mit Reiterei und Fußtruppen mitgekämpft. Die Namen dieser Kölner Patrizier, welche die starke bürgerliche Stadtstreitmacht führten, lauteten: Gerhard von Overstolz, Constantin von Lyskirchen, Heinrich Hardevust, Daniel Jude und Johann vom Spiegel. Bemerkenswert ist die Teilnahme des Regiments des Daniel Jude, bei dem es sich ohne Zweifel - wie der Name und auch der "Judenhut" in seinem Wappen zeigt - um einen jüdischen Mitbürger handelte, dessen Beitrag zum städtischen Freiheitskampf bisher noch kaum gewürdigt wurde. Der gefangene Kölner Erzbischof wurde dem Grafen von Berg übergeben, der ihn nach Monheim in den Kerker brachte. Der Ritter, dem es gelang, Siegfried von Westerburg gefangen zu nehmen, war der Ritter Godevaert (Gottfried) von Brabant, der Bruder des Herzogs. Jan I. selbst wurde in der Schlacht von Worringen schwer verwundet, sodass er sich umgehend in die Stadt Köln begeben mußte, wo er ärztlich versorgt werden konnte. Die dankbaren Kölner übergaben ihm als Geschenk ein Stadtpalais in Domnähe. Es handelt sich um das Haus Nr. 20 am Hof, welches bis ins 18. Jahrhundert auch als "Brabanter Hof" bekannt war.

Wie lange sich der Verwundete in Köln auskurierte, ist nicht überliefert. Es gibt jedoch über sein Leben und seine Teilnahme an der Schlacht von Worringen eine umfangreiche Beschreibung von Jan van Heeln, dem Chronisten des Herzogs. Er schrieb ein Heldenepos, in Reimform mit dem Titel: "Yeeste van den Slag van Wofern" (Geschichte der Schlacht von Worringen). Dieses Werk war bestimmt für die Schwiegertochter des Herzogs, die englische Prinzessin Margarethe, die dadurch die niederländische Sprache erlernen sollte. Sehr wahrscheinlich trug die Bekanntheit dieser berühmten Reim-Chronik dazu bei, den Namen und die Taten des Jan Primus so populär zu machen und zu überhöhen, daß der Schritt zur Sagengestalt, zum Mythos Gambrinus, nicht mehr weit war.

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Nach der siegreich beendeten Schlacht von Worringen lebte der damals erst achtunddreißigjährige Herzog nur noch sechs Jahre lang, hauptsächlich in der Stadt Brüssel, zu der er im Laufe seines Lebens ein besonders inniges Verhältnis entwickelte. Auch die Brüsseler mochten ihn. Durch seine Aufgeschlossenheit und sein Verständnis für die Nöte und Bedürfnisse der Bürger aller Stände erwarb er sich eine außerordentliche Beliebtheit. So verwundert es auch nicht, daß die reiche und geachtete Brauergilde Brüssels ihren trinkfesten und trinkfreudigen Herrscher später nach seinem Tode zu ihrem Schutzpatron ernannte. Der Stadt Brüssel und ihren Bewohnern galt von nun an seine ganze Zuneigung. Er kümmerte sich um die Rechte und Finanzen der damals ca. 30.000 Einwohner zählenden Stadt, räumte den Bürgern zahlreiche Privilegien ein und ließ die Gesetze des Landes in einem Werk zusammenfassen. Zwar war Brüssel nicht die größte Stadt im Lande - das war Brügge mit etwa doppelt so vielen Einwohnern -, doch die Huld des Herzogs ließ sie in der Gunst ihres Gönners erstrahlen.

Im Jahre 1294, am 3. Mai, starb der Held vieler Schlachten - standesgemäß, wie es sich für einen Ritter seines Formats geziemt, bei einem Turnier zu Bar-le-Duc in Lothringen. Jan I. war damals gerade erst einundvierzig Jahre alt. Sein Nachfolger wird sein Sohn, Jan II. Seine letzte Ruhestätte fand er natürlich in seiner geliebten Stadt Brüssel. Auf seinem Grabmal in der Stadtkirche Ste. Goedele (St.Gudula) steht deshalb auch der Spruch des Chronisten Louis van Velten: "Er liebte und verehrte Brüssel mehr als alle anderen Städte, die er kannte". Die einen nannten ihn "Johann den Ersten", die anderen "Jean le premier" oder Jan Primus (Gambrinus). Mit seinem kompletten Adelsnamen jedoch hieß er "Jan I., Herzog von Lothringen, Brabant und Limburg, Marquis von Leuven und Dalhem und Sire (Herr) zu Kerpen". Nun könnte man sagen, hier endet seine Geschichte, doch in Wirklichkeit ging sie nun erst richtig los. Nach seinem Tod begann die Entwicklung eines Mythos, der bis in die heutigen Tage Bestand hat.

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Wie kam es nun zur Legendenbildung um den Bierkönig, den Heiligen, den Herrscher über Hopfen und Malz? Als erster berichtet J. Annius 1498 über Gambrinus, den er aber Gambrivius nennt, nach dem germanischen Volk der Gambrivier, und ihn als einen der 10 Herrscher der germanischen Frühzeit lokalisiert. Aber es handelt sich hier doch mehr um ein Histörchen als um eine Historie. Doch ein Anfang ist gemacht, der Ruhm des Gambrinus beginnt, sich in ganz Mitteleuropa auszubreiten. Bereits 28 Jahre später (1526) finden wir folgenden Reim auf einem Tafelbild des Bierkönigs, das ihn prächtig gekleidet mit Mantel und Ährenkranz, in der Hand den Bierhumpen, zeigt:

Gambrinus je m'appelais de nom vivant
J'etais Roi des Flandres et de Brabant
En prenant de l'orge, du malt j'en ai fait
La bonne bierre par mon savoir etait nee
C'est pourquoi les brasseur
en toute bonnefoi Peuvent dire
que leur grand maitre etait un roi.

Die Übersetzung lautet:

Gambrinus wurde ich genannt,
war König zu Flandern und Brabant.
Aus Gerste hab ich Malz gemacht
und das Bierbrauen erdacht.
Drum können die Brauer mit Wahrheit sagen,
dass sie einen König zum Meister haben.

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Im deutschen Sprachraum erwähnt zum ersten Mal Burkart Waldis aus Nürnberg "Gambrinus" als Schutzherrn der Brauer und des Bieres in einem Gedicht aus dem Jahre dem Jahre 1543 dichtete man:

Er hat aus Gersten Maltz gemacht
und das Bierbrauen erst bedacht.
Wie er solches von Oriside
gelernt hat und von Iside.

Hier tauchen als weitere Gestalten im Gambrinus-Puzzle die ägyptischen Gottheiten Isis und Osiris auf, die das Bierbrauen aus dem alten Ägypten, wo es - historisch nachgewiesen - sehr verbreitet war, im Abendland eingeführt haben sollen. Auch der deutsche "Viel-Reimer" Hans Sachs bedichtete den Gambrinus im Jahre 1553. Sein Gedicht bringt uns wieder zurück zum Herzog von Brabant und zum historischen Kern der ritterlichen Existenz des Bierkönigs. Jedoch auch dem deutschen Verseschmied Hans Sachs laufen die Unterstellungen locker aus der Feder. Anklänge an Herzog Jans Sieg bei Worringen werden als königliche Strafaktionen gegen Unrecht und Räuberei dargestellt, was dem wirklichen Geschehen natürlich nicht gerecht wird. Auch der ewig zechende und raufende Bierfürst entspricht nicht dem Jan Primus der Geschichte. Ähnlichkeiten dürften aber trotzdem nicht zufällig sein.

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Die Legendenbildung nimmt nun unaufhaltsam ihren Lauf. Die Darstellung des Gambrinus, wie wir sie heute meistens antreffen - auf einem Faß thronend mit einem Bierhumpen in der Hand -, geht auf folgende Überlieferung zurück: Nach seinem Sieg bei Worringen feierte Herzog Jan I. in Brüssel auf dem Großen Markt ein rauschendes Fest. Um dort seine vielen Gäste zu begrüßen, stieg er auf eine Pyramide aus Bierfässern, setzte sich darauf nieder, ließ sich einen Krug schäumenden Bieres reichen. Danach erst berichtete seinen Untertanen vom Ergebnis der Schlacht. Dieses signifikante Augenblicksbild, quasi eine Momentaufnahme, ein Schnappschuß, prägte von nun an viele Bilddarstellungen und Beschreibungen des sagenhaften Herrschers über Hopfen und Malz. Ein Markenzeichen war geboren.

Auch über den Tod Jan I. gibt es die vielfältigsten Versionen. So berichtet der Doktor H. J. Wecker aus Colmar im Jahre 1593 im "Kunstbuch des Wohlerfahrenen Herren Alexij Sedemontmar" folgenden Sachverhalt: Beim jährlichen Turnier zu Bar-le-Duc in Lothringen standen sich als Finalisten die beiden stärksten Kämpfer, der Herzog von Brabant, Jan I., und der Ritter "De Valseneuve" gegenüber. Als im Laufe des Kampfes der Herzog die Oberhand zu gewinnen schien, griff "De Valseneuve" zu einer hinterhältigen List. Denn plötzlich rief er: "Wie, Ihr fechtet zu zweit?" Als Jan I. sich erstaunt umdrehte, um hinter sich zu schauen und den imaginären Mitstreiter zu erblicken, da traf ihn sein heimtückischer Gegner tödlich. Zu seiner Rechtfertigung rief dieser aus: "Ich wußte es doch, Euer Helfer war das Bier, welches Ihr vor dem Kampfe getrunken habt. Ihr seht, ich habe Euch beide besiegt."

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Gambrinus, der Märtyrer für das Bier war geboren. Versuche, Jan Primus oder Gambrinus zu einem Bierheiligen umzufunktionieren, scheiterten an der heftigen Gegenwehr der katholischen Amtskirche und der Klosterbrauer, die natürlich die "richtigen" Heiligen für sich reklamierten, wie St. Leonard im Elsaß, St. Arnould in Belgien und Frankreich oder St. Petrus von Mailand in Köln. Doch es gibt auch andere Deutungen, die den Schwerpunkt ihrer These mehr auf den Aspekt des Bierkönigs verlegen. Da bietet sich besonders der französische König Jean sans peur (Johann ohne Furcht), der Sohn Philipps des Kühnen (1371–1419) an. Seine Verdienste um das Bier waren ganz und gar realpolitischer Natur. Um die Brauer seines Landes von der Abhängigkeit des kirchlichen "Gruit" Monopols zu befreien (die Brauer konnten eine zur Herstellung des Bieres notwendige Kräutermischung nur beim kirchlichen Monopolhandel beziehen), führte König "Jean sans peur" die Verwendung des Hopfens ein, der in etwa denselben Zweck wie die "Gruit" erfüllte. Die französischen Brauer nannten ihn deshalb "Roi de la Biere" (König des Bieres). Von Gambrinus also keine Spur - sieht man einmal von der königlichen Herkunft ab. Die Gründung der Hopfenordnung aber bleibt sein historisches Verdienst.

Eine weitere abenteuerliche Version ist vom Herrn Aventinus (mit bürgerlichem Namen Johannes Turmair) in seinen "Annales bajorum", einer Bayerischen Chronik, überliefert: Gambrinus habe 1730 v. Chr. gelebt, sei der Sohn des deutschen (!) Königs Marsus gewesen, der die ägyptische Göttin Isis geheiratet habe, die ihm in der Hochzeitsnacht das Braurezept ihres Bruders Osiris verraten habe. Auch auf den Deckenmalereien im Münchener Ratskeller findet sich in etwa der gleiche Sachverhalt in etwas abgeänderter Form: Die Göttin Isis ist hier aber mit dem Gott Osiris verheiratet.

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Im 19. Jahrhundert gelang Gambrinus als Kultfigur der große Durchbruch. Er wurde das Symbol für Biergenuß und Heldentum schlechthin. Nun erscheint der Name Gambrinus in allen möglichen bierologischen Ausdrucksformen: Biere, Brauereien, Gaststätten. Gambrinaden und Gambrinalen finden statt. Der Bierkönig als Statue oder Theken-Leuchter, im Bleiglasfenster oder auf dem Etikett, auf dem Werbeplakat und auf dem Bierdeckel. Besonders im preußischen Kaiserreich feierte der bier- und leutselige Monarch des Hopfen und Malz fröhliche Urständ. Doch auch heute noch hat Gambrinus in ganz Europa seine vielen Fans. Im Ort Niedermendig in der Eifel findet alle zwei Jahre ein Gambrinusfest mit Bierbrunnen und großem Umzug statt. Gambrinus reitet auf der Nostalgie-Welle wieder durch Kneipen, Bistros und Bierbars. Doch auch die Wissenschaft beschäftigt sich wieder mit ihm, wenn auch auf unterhaltsam ironische Weise.

Heute weiß man, daß es sich dem sagenhaften Gambrinus um Jan Primus, den Herzog von Brabant handelte, und daß dessen Beitrag weniger im Bereich des Bierbrauens, als im reichlichen Verzehr desselben bestand. So soll der sagenhafte Bierfürst in einem Wirtshaus an einem Tage 388 Humpen Bier getrunken haben. Wenn dies stimmen sollte, verwundern auch die 92 Minnelieder, die er gedichtet und komponiert haben soll, ebensowenig wie die gleiche Zahl an unehelichen Königskindern, die ihm angedichtet werden. Wenn also all das stimmt, könnten allein seine Nachkommen für die weite Verbreitung seines Nachruhms gesorgt haben. Alles in allem ist Gambrinus eine Figur der Superlative, ein Mythos, der sich nun schon über Jahrhunderte hält und dessen Faszination auch heute noch gebildete Menschen veranlaßt, sich mit ihm zu beschäftigen. Wie ist denn nun der momentane Stand in Sachen Gambrinus? Ist der Sagenhafte etwa heute vergessen oder für immer untergetaucht? Mitnichten. Er ist im Gespräch wie eh und je, und manche Gambrinus-Jünger behaupten, er sei nun aus seiner langen historischen Anonymität endlich in unsere heutige Wirklichkeit zurückgekommen.

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Das Neueste von Gambrinus

Jan I. wurde nach seinem Tod im Jahre 1294 in Bar-le-Duc in Lothringen zuerst in der Kathedrale von Reims beigesetzt. Wahrscheinlich verblieb das Herz des Toten, wie das zu dieser Zeit blich war, im Dom zu Reims. Der Herzog selbst - oder besser gesagt, der "herzlose" Leichnam - wurde im Chor der Kirche Eglise des recollets im Herzen Brüssels beigesetzt. Neben ihm lag seine zweite Frau, die bereits 1285 gestorben war. Die Grabeskirche, später eine Klosterkirche der "Minderen Brüder", eines Bettelordens, zeugte von der Demut und Bescheidenheit des Herzogs. Er wollte wohl auch da ruhen, wo das einfache Volk lebte und arbeitete, im Viertel um den Marche aux Poulets (Hühner-markt). Im 16. Jahrhundert, das Grabmal war eingestürzt, wurde es auf Anordnung des Erzherzog Albert neu errichtet. Nochmals zerstört wurde das Kloster der frommen Minderbrüder bei einem Brand im Jahre 1695. Dann war es für fast zwei Jahrhunderte still um den Herzog von Brabant, den siegreichen Jan Primus. 1868 wurden dann auch die verbliebenen Reste des Minoritenklosters zerstört, als der Brüsseler Bürgermeister Jules Anspach die Stadt nach Pariser Vorbild umgestalten und sanieren ließ. Das Kloster fiel dem Bau des großen Diagonal-Boulevards zum Opfer, der heute den Namen seines Erfinders trägt, dem "Boulevard Anspach". Wo früher Mönche ihre Litaneien beteten, entstand eine Kathedrale der neuen Zeit, die Börse, erbaut vom Architekten Leo Sluys. Die Reste des Querschiffes und Chors blieben unter der im Niveau höheren Straßenführung der Rue de la Bourse erhalten. Hier, wo sich Brüssels berühmte Bistros Becasse, Falstaff und Le grand Cafe befinden, hätte sich auch der lebenslustige Jan Primus wohlgefühlt. Hier schlägt heute das fröhliche Herz Brüssels, der belgisch-europäischen Metropole, hier ißt und trinkt man viel und gut.

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1988 wurden bei Änderungs- und Erneuerungsarbeiten rund um die Börse die Fundamente und Reste des alten Minoritenklosters wiederentdeckt. Im Chor desselben fand man die Überreste der Gebeine von Jan I., des legendären Herzogs von Brabant, und seiner Gemahlin. Die Universität von Brüssel, die sogenannte ULB, unter der Federführung von Prof. Bon Enfant und Madame Le Bon, übernahm die Erforschung und Sicherung der Fundstellen. Man spricht mit Recht von wirklich spektakulären Ergebnissen. Das ist eine Sensation, die so richtig nach dem Herzen des Brabanter Herzogs gewesen wäre. Fast 700 Jahre nach dem Tod des sagenhaften Bierfürsten ist er also wieder aufgetaucht und macht wieder Schlagzeilen. Die Stadt Brüssel hat die Fundstelle mit einer Betondecke überdacht und dort mitten in der Fahrbahn ein kleines Museum eingerichtet. Hier soll ein Platz geschaffen werden, welcher der großen historischen Bedeutung des Brabanter Herzogs gerecht wird. So geben die Brüsseler Bürger etwas von der Achtung und Liebe zurück, die der Herzog für seine Stadt immer empfunden hat, getreu dem Spruch auf seinem Denkmal in der Kathedrale St.Goedule: Er ehrte Brüssel mehr als alle Städte, die er kannte. (FM)

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Gambrinus und die Kölner Brauer

Gambrinus - König des Bieres

von Dr. Hans Günter Schultze-Berndt

 

Gambrinus und die Kölner Brauer habe ich mein heutiges "Wort zum Sonntag" genannt, mit dem ich in der zweiteinzigen (oder soll ich sagen letzten?) Kölner Obergärigen Hausbrauerei der Gebr. Päffgen den Deutschen Braumeistertag offiziell abschließen will. Natürlich gäbe das Thema genug Stoff für eine ganze Vorlesungsreihe stadtgeschichtlichen und brauhistorischen Inhalts mit brauwirtschaftlichen wie technologischen Bezügen - ich will es in dieser fröhlichen Morgenstunde oder -runde aber kurz machen und nur ein paar Glanzlichter aufsetzen.

Das erste wird auf den hier vor uns stehenden Gambrinus gerichtet. Wir wissen, daß er nicht der Erfinder des Bieres ist, weil Bier gar nicht erfunden, sondern vor mehr als sechstausend Jahren gefunden wurde. Wer aber war Gambrinus? 1854 schrieb ein P. Müller in einem in Braunschweig erschienenen Handbuch über praktische Bierbrauerei, Gambrinus, König von Flandern und Brabant, habe 1.200 Jahre vor Christus gelebt und soll später seiner Bierverdienste wegen von den Päpsten unter die Heiligen aufgenommen worden sein. Das ist ebenso blühender Unsinn wie das ihm angedichtete Königreich der Tuisker, das er gar schon im 2. Jahrtausend vor Christi Geburt als Sohn des Deutschen Königs Marsus und Gemahl der Isis regiert haben soll. Der heutige Schutzpatron der Brauer dürfte ebenso wenig ein Paladin Karls des Großen wie ein dem Germanenvolk der Gambrivii zugeordneter König Gambrivius gewesen sein, aus dem durch einen Abschreibefehler Gambrinus wurde. Auch Sprachforscher haben sich schon die Zähne ausgebissen, als sie aus dem keltischen Wort camba = Braupfanne, und cambarios = Brauer den Gambrinus ableiteten oder das altgermanische Wort gambra = Reim oder das lateinische ganeae birrinus = der in der Schenke Bier Trinkende für Gambrinus in Anspruch nahmen.

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Die größte Wahrscheinlichkeit spricht dafür, Johann I., Sohn Heinrichs III. von Brabant, als Urbild des Gambrinus anzusehen, zumindest als dessen Namensgeber über Jan I. = Jan primus zu Gambrinus. Dieser Herzog war als Ritter wie als Minnesänger gleich bedeutend, Helfer der Bürger und Ehrenmitglied der Brüsseler Brauergilde. Er hat 92 Minnelieder gedichtet und ebenso viele Kinder der Liebe gezeugt, vor allem aber den heute noch geltenden Rekord aufgestellt, bei einer Kneipe 388 Humpen Bier zu trinken - Humpen, keine Kölsch-Stangen! Nach 70 siegreich bestandenen Turnieren wurde er 1294 im Alter von 43 von Pierre Beauffremont im Turnier zu Bar-le-Duc tödlich verwundet.

Weswegen aber machte die Stadt Köln diesen volkstümlichen Fürsten zu ihrem Ehrenbürger, weshalb schenkte sie ihm das schöne Haus "am Hof", später "Brabanter Hof" genannt? Eines der wichtigsten Daten in der Geschichte Kölns ist der 5. Juni 1288, fast auf den Tag 701 Jahre her. An diesem Tag erkämpften die Bürger Kölns in der Schlacht bei Worringen ihre Freiheit vom erzbischöflichen Stadtherrn und wurden de facto "Freie Reichsstadt" (offiziell erst 1475). Im Grunde war es weniger ein Unabhängigkeitskampf als ein Erbfolgestreit um territoriale Fragen im Herzogtum Limburg, bei dem sich der vom Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg unterstützte Graf Reinald von Geldern und der Graf Adolf von Berg mit Herzog Johann I. von Brabant als mächtigstem Bundesgenossen gegenüberstanden. Rund 12.000 Kämpfer fochten diese blutige Schlacht aus, die vom Erzbischof verloren wurde, den man gefangensetzte und später aus der Stadt Köln verdrängte. Um 1500 wählten die Kölner Erzbischöfe dann Bonn zu ihrer ständigen Residenz.

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Lassen Sie mich in dieser historischen Betrachtung über Jan primus zwei nachdenkliche Bemerkungen anschließen. Die mit seiner tatkräftigen Hilfe erzwungene Reichsfreiheit der Stadt Köln war im größeren geschichtlichen Zusammenhang gesehen teuer erkauft. Nach der Schlacht von Worringen hatte Herzog Johann I. von Brabant eine derartige zentrale Machtposition gewonnen, daß sich Brabant und Limburg zusammenschlossen und damit der erste Schritt zur Loslösung der Niederlande vom Deutschen Reich getan war. Zum anderen wissen wir nun, daß Gambrinus, der übrigens bis zur französischen Invasion 1794 den Kölner Brauern völlig unbekannt war, keinen Anspruch darauf hat, als tüchtiger Krieger und wackerer Zecher auch noch als ein Heiliger verehrt zu werden - und ein Gott ist er schon gar nicht! Bacchus oder griechisch Dionysos, mit dem Wein in kultische Verbindung gebracht, kann hingegen als Gott oder doch wenigstens als Halbgott angesehen werden. Dies hindert ihn nicht daran, meist volltrunken und immer nackt aufzutreten. Der beim Bier deutlich erkennbare kulturelle Fortschritt läßt sich auch an Gambrinus belegen. Selbst wenn dieser kein König, aber doch wohl von Adel war, ist er immer gut angezogen und auf keiner Abbildung oder Plastik im Rauschzustand zu sehen. Wir haben das Recht, auf unseren Schutzpatron stolz zu sein.

Wie schrieb doch der Kölner Nobelpreisträger Heinrich Böll: "Die meisten Kölner sind Biertrinker. Bier reimt sich aber nicht so gut auf Rhein..."

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