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Die Pils-Zeit und erste Erfolge des Kölsch (1950-1960)

Interview mit Hans Sion

Hans Sion
Hans Sion

von Franz Ludwig Mathar

... Sie sagten, im Jahre 1951 ging es mit dem Bierbrauen endlich wieder so richtig los?

"Ja, ich habe 1951 mit dem Wiederaufbau bis zur ersten Etage hier Unter Taschenmacher angefangen, und am 13. April im selben Jahr das "Brauhaus Sion Unter Taschenmacher" wieder eröffnet. Ich galt als politisch verfolgt, denn ich habe in den letzten Kriegsjahren allerhand riskiert. So bekam ich 20. März einen Ausweis, den habe ich heute noch, "der Inhaber ist berechtigt, sich im Umkreise von 10 km von Köln mit dem Fahrrad zu bewegen."

... Wenn Sie sich einmal den Tag der Eröffnung des Brauhauses ins Gedächtnis rufen, wie ging das vonstatten?

"Die Leute waren ja ungefähr 6 Jahre nach Kriegsende nicht anspruchsvoll, es war bereits ein Teil wieder aufgebaut, aber hier in der Straße stand außer dem Nachbarhaus der Konditorei Beckers gar nichts, nichts als Wüste. Die Trümmer-Blumen blühten, es war ja April. Die übrigen heutigen Brauer waren ja auch alle noch klein und waren auch damit zufrieden die Gaststätte zu führen. Es waren auch ziemlich viele prominente Leute zur Eröffnung da und eine Menge Blumen. Aber ich bekam auch anonyme Schreiben in verschiedenen Variationen, der Grundton war der, ich müßte ja wohl nicht "alle Tassen im Schrank haben", daß ich mir einbildete, hier würden jemals wieder Menschen hinkommen und ich würde mich ja jetzt noch an den Blumen berauschen, aber in sechs Wochen wäre hier sowieso "Feierabend". Leider habe ich diese Briefe in einem Wutanfall zerrissen, aber die Zeit hat mir ja Recht gegeben."

... Wo haben Sie denn damals gewohnt?

"Hier Unter Taschenmacher in der ersten Etage, bis dahin wohnten wir nach wie vor in Godesberg. Hier in der Straße war außer meinem Nachbarhaus nichts als Wüste. Die heutigen Brauer waren alle noch Klein-Betriebe und waren damit zufrieden eine Gaststätte zu führen. Es waren auch ziemlich viele prominente Leute zur Eröffnung. Wir waren ja immer froh, wenn wieder ein Brauhaus öffnete. Es waren wenigstens wieder ein paar, die den Mut gefunden hatten wieder neu zu beginnen. Man kann sagen, es gab wieder eine Reihe der alten traditionsreichen Brauhäuser aus der Vorkriegszeit, die das Fundament für unsere heutige Brauhaus-Kultur gelegt haben."

... Gab es den damals schon Konkurrenz oder waren sie froh über Mitstreiter?

"Natürlich, wir waren ja immer froh, wenn ein neues Brauhaus wiedereröffnete. Nehmen wir mal Brauer wie Gatzweiler vom "Birbäumche" an St.Ursula. Das Brauhaus fiel nach dem Krieg dem Bau der Nord-Süd-Fahrt zum Opfer. Er hat sich dann von der Stadt abfinden lassen und ist in die Mittelstraße umgezogen, hat da aber nicht mehr gebraut. Das habe ich nie verstehen können. Am Neumarkt hat Mohr-Bädorf wieder gebraut, die gibt es ja heute auch nicht mehr (1990), der hat auch nach dem Krieg, kann man sagen, wie eine Reihe anderer traditionsreicher Brauhäuser aus der Vorkriegszeit, ich sage es einmal vorsichtig, "schlapp gemacht."

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... Und wann tauchte nach dem Krieg der Name Kölsch wieder auf?

"Ursprünglich hatte man hier nur das obergärige "Wiess" gebraut. Damals gab es den Reim: "E Röggelche met Kies, e Jläsje Wiess, es dem Kölsche Jung sing Paradies". Das dauerte aber nur so lange, bis um 1900 die Hochleistungs-Bierfilter erfunden wurden und man ein Klares, die Brauer sagen "blankes" Bier herstellen konnte. Doch neben dem Kölsch stellten die untergärigen Sorten wie Pilsner, Münchner und die Dortmunder Export-Marken von außerhalb den Löwenanteil am Kölner Biermarkt. Auch die großen Kölner Brauereien brauten meistens nur untergärige Biere."

... Sie haben 1951 in einem Beitrag des Kölner Almanachs einen Beitrag, den ich hier einmal zitieren möchte, da er aus ja der damaligen Situation geschrieben wurde.

"Die Kölschen Brauhäuser mit ihren Brauereiausschänken sind ein wesentlicher Bestandteil stadtkölnischen Lebens schon seit dem frühen Mittelalter. Sie lassen sich zurückverfolgen mit ihrer bodenständigen Eigenart bis ins 12. Jahrhundert. In den obergärigen Braustuben konzentrierte sich nicht nur das Zunftleben der größten deutschen Stadt des Mittelalters, sondern in ihnen war auch immer der Ausgangspunkt stadtkölnischer Gemütlichkeit und des sprichwörtlichen "Kölschen Humors". Mag es vielleicht daran liegen, daß das Kölsche Bier in seiner obergärigen Eigenart geradezu bestimmt ist, eine Wurzel dieses Kölschen Humors zu sein. Das heutige obergärige Kölsch ist, vollkommen traditionsgebunden, aus der Zeit des Mittelalters gewachsen. Es ist bewußt Kohlensäurearm gelagert und dank der obergärigen Hefe -hochvergoren - stark im Alkoholgehalt und dank seiner hohen Vergärung äußerst bekömmlich. Gerade diese Bekömmlichkeit ist es, die der Kölner besonders zu schätzen weiß. Im obergärigen Kölsch zeigt sich das traditionelle Leben der Vergangenheit dieser Stadt, genau wie die lebendige Tradition, die so stark in Köln wurzelt. Im Mittelalter war geradezu jeden Steinwurf entfernt eines dieser Kölschen Brauhäuser. Erst die Auflockerung der Stadt und seine Ausdehnung über die mittelalterlichen Wälle hinaus, den heutigen Ringen, ließ ihre Zahl nicht weiter steigen. Die Kölschen Brauhäuser blieben und sind auch heute nur in der Altstadt, also innerhalb der Ringe zu finden. Noch vor dem Ersten Weltkrieg waren es über 70 an der Zahl. Die beiden Kriege, insbesondere aber die Zerstörung der Innenstadt hat fast alle diese Kölschen Brauhäuser getroffen. Einige von diesen konnten nach 1945 wieder errichtet werden. Es sind dies: Die Brauerei "In der Gaffel" am Eigelstein und in deren Nähe die Brauerei "Em Birbäumche" am Ursulaplatz. Weiter die "Brauerei Päffgen" in der Friesenstraße und nicht weit davon entfernt in der Ehrenstraße erstand wieder das "Brauhaus Kolter" in der alten Brauerei "Zum Kaiser". In unmittelbarer Nähe des Domes befinden sich zwei Kölsche Brauhäuser und zwar die "Brauerei Früh" und am Altermarkt das "Brauhaus Sion". Am Heumarkt wurden erste Schritte zum Wiederaufbau der "Malzmühle" unternommen. Es bleibt zu wünschen und zu hoffen, daß diese alten Kölschen Brauhäuser im Wiederaufbau nicht alleine bleiben, sondern, daß ihnen bald die anderen alten Braustätten folgen werden. In den Kölschen Brauhäusern ist der Kölner wie der Fremde jeden Standes zu Hause. Hier haben schon immer aus der frühesten Hansezeit her alle Schichten der Bevölkerung sich bei ihrem Glas Kölsch zur Behaglichkeit und Gemütlichkeit zusammen gefunden. Es sind auch heute die Stätten, an denen viel kölscher Humor seinen Ursprung hat. Gerade auch der Fremde, der Köln in seiner Eigenart kennenlernen will, wird sich in diesen gediegenen Bierhäusern wohl fühlen und auch gerade den echten Kölner am besten kennen lernen. Besonders interessant und reizvoll ist sowohl für den Kölner wie auch für den Fremden, die Eigenart der Bedienung durch den "Köbes", der im blauen Wams und blauer Schürze das Glas Kölsch in großen Bierkränzen serviert. Gerne nimmt der "Köbes" auch die Bestellungen der Kölschen Eigentümlichkeiten der Speisekarte entgegen, wie einen "Halven Hahn" und "Kölschen Kaviar". Wer als Fremder Köln und den Kölner kennenlernen will, für den wird sich ein Besuch der Kölschen Brauhäuser lohnen und eine stimmungsvolle Erinnerung hinterlassen. Na dann: "Köbes ein Glas Kölsch und einen Halven Hahn".

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... Es ist heute besonders interessant, wie früher Marketingentscheidungen gefällt wurden. Die damalige Entscheidung kam ja eigentlich direkt "aus dem Bauch".

"Die Situation 1951 war besonders günstig. Denn aus meiner Sicht waren auch die Kunden in einer Aufbruchsstimmung, man hatte wieder Lust in die Wirtschaft zu gehen und sich zu amüsieren. Der Aufbauoptimismus hatte mit dem Dombaujubiläum 1948 begonnen. Das war kurz nach der Währungsreform und die Leute hatten zum ersten Mal wieder richtiges Geld in der Hand. Ich weiß noch, da fuhr man mit englischen Militärautos die Schreine der Heiligen durch die Stadt und die Schlußkundgebung war im Müngersdorfer Stadion vor über 100.000 Menschen."

... Als im Jahre 1951 die ersten Brauhäuser und Gaststätten wieder aufmachten, wie organisierte man das denn eigentlich und woher kam das Bier?

"Vor und nach der Währung ist ja auch schon Geld verdient worden. Die Leute investierten das wieder, und was in den schlechten Zeiten zusammengeschmiedet worden war, hat sich später wieder ein bißchen auseinanderentwickelt. Dann fing irgendwann wieder das Konkurrenzdenken an. Wenn der Anfang einmal geschafft ist, geht alles wieder in Konkurrenz über. Die meisten eigentlichen Hausbrauereien der Vorkriegszeit, soweit sie nicht zerstört oder die Besitzer nicht willig waren, sind nicht mehr aufgebaut worden. Ich war der einzige, ich habe dann bei Früh gebraut und als sich die Hektoliterzahlen weiter ausdehnte, bei Schwartz in der Malzmühle. Ich habe dort selbständig gebraut, bis die Familie Schwartz aus der Evakuierung wieder zurückgekehrt war. Anschließend braute ich in Bergheim-Thorr bei der Brauerei Roleff. Ich wohnte zwar noch in Godesberg, stand aber schon morgens sehr früh an der Aachener Straße in Weiden und habe auf die Bierfahrzeuge aus Bergheim gewartet. "

... Wie verhielt in dieser Zeit die kommunale Verwaltung, wie förderten die den Aufschwung?

"Das ist nur schwer zu sagen. Die Aufbauleistung, welche die Brauer nach der totalen Zerstörung leisten mußten, ist klar, und das die Leute mit zunehmendem Wohlstand wieder Bier trinken würden auch. Inwieweit das Anfang der 50er und 60er Jahre schon bei der Stadtverwaltung durch war ist nur zu spekulieren. Sicher ist dagegen, daß es bei der Verwaltung auch Leute gab, die gerne Bier tranken. Inwieweit die Stadt damals schon erkannt hatte, daß Kölsch einmal ein besonderer Wirtschaftsfaktor sein könnte ahnten nur wenige. Der damalige Oberbürgermeister Theo Burauen hat uns immer unterstützt. Da spielten persönlichen Beziehungen eine große Rolle und der "Döres" war ja einer, der auch gerne mal ein Kölsch trank. Wir haben öfters gemeinsam Kneipen im Vrings-Veedel, in der Innenstadt und auf dem Eigelstein besucht, um die "allgemeine Stimmung prüfen". Das war damals Marktforschung auf höchster Ebene und geschmeckt hat es auch. Der Oberbürgermeister Theo Burauen war schon eine imponierende Persönlichkeit. "

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... Was war denn Ihr Marketing-Konzept für die Nachkriegszeit und wann entstand es?

"Im Hinterkopf hatte ich immer die Idee ein von allen akzeptiertes regionales Bier für Köln zu brauen, aber entstanden ist es erst nach und nach. Ein spezielles kölsches Bier im kölschen Rahmen, das war es was wir brauchten. Wir beschlossen, und das kam meinen Vorstellungen sehr entgegen, das war ja schon immer meine Philosophie, kein Bier mehr wie alle anderen zu brauen, sondern unsere eigene Bierssorte, die hatte ja zudem eine ja lange Tradition und einen reichen brauhistorischen Hintergrund. Allein schon unsere jahrhundertealte St. Petrus von Mailand Bruderschaft gab hierfür die Garantie. Wir brauchten nichts Künstliches zu erfinden, wir brauchten nur das Vorhandene nutzen. Aber da waren noch immer viele liebgewordene Vorbehalte zu beseitigen und viel Überzeugungsarbeit zu leisten."

... Wer leistete von den Kölner Brauereien den heftigsten Wiederstand gegen die neue "Kölsch-Strategie"?

"Das war vor allem die Brauerei Winter, die hatten über achtzig eigene Häuser, alles Eckkneipen. Bis daß ich die überzeugt hatte, wieder Kölsch zu brauen, das war ein hartes Stück Arbeit, aber letztendlich erfolgreich. Später hat dann die Brauerei Winter ihre Marke Richmodis-Kölsch an die Königsbacher-Brauerei in Koblenz verkauft. Die wollte immer die Brauerei Sester einkassieren, die hatte zu damals einen Umsatz von 20.000 Hektoliter."

... Wie war den die Situation auf dem Kölner Biermarkt, als der Kölschumsatz langsam zu Wachsen begann?

"In unserem Verband war auch die Brauerei Peters Mitglied, die brauten damals Monheimer Pilsener. Das war das Problem, die hätten eigentlich gar kein Kölsch brauen dürfen. Die brauten außer dem Monheimer Pilsener noch ein Edel-Bräu, Edel-Bock und Monheimer Alt. Die Brauerei heißt ursprünglich Monheimer Brauerei Peters. Wir haben denen empfohlen, sie sollen den Namen Peters Kölsch nehmen, damit das Wort Monheimer daraus kam. Auch die Bergische Löwenbrauerei braute hauptsächlich ihr Höhenhaus Ur-Pilsener. Außer dem Ur-Pils noch Bergisch- Löwen-Spezial, Export, Gilden-Kölsch und Bergisch Weizen. Das Weizen lief damals nur so "nebenbei", das war für einzelne. Wenn hier einer Weizen verkaufte, kam das meistens aus Süddeutschland. Privat, Pils, Export, Malzbier und Kölsch. In den 50er Jahre hatte jede Brauerei das Bestreben nach außen darzustellen, das man eine breite Palette von verschiedenen Biersorten hatte. In einer Beilage des Kölner Stadtanzeigers von 1959 zur ANUGA war noch der größte Teil der Brauerei-Anzeigen mit der Werbung für die Pilssorten vertreten. Es gab noch unheimlich viel Pilsner, Pils, Ur-Pils-Biere, es gibt dort sogar eine Werbung für Alt. Das hat sich ja bis heute Gott sei Dank grundlegend geändert. Es gab die Königshofener-Brauerei Lübkes, die stellten obergäriges und untergäriges Bier her, der Lübkes ist dann mit allem Drum und Dran an die Dortmunder Union verkauft worden. Das Brauhaus Winter stellte 1959 folgende Biere her: Wappen-Pilsner, Winter Privat, Benediktus Bock und das Richmodis Kölsch. Das ist die heutige Richmodis-Brauerei.

Lassen sie mich die Situation von 1959 so schildern: die beiden Gebrüder Sester waren damals innerlich darauf aus, sich mit einem anderen zu vereinigen, nicht sich aufzukaufen zu lassen, sondern nur zusammenzugehen. Hermann Sester war immer derjenige, der gerne Kölsch gemacht hätte. Das führte aber dazu, daß für den älteren Bruder nicht Kölsch das Aushängeschild war, sondern das untergärige "Sester-Kristall", ein in der Vorkriegszeit sehr populäres Pils. Er bestand immer darauf, wenn Fusionsgespräche geführt wurden, das Pils weiter selbst zu brauen. Ich versuchte den beiden Sester-Brüdern nahe zu bringen, daß sie von der Marktentwicklung her gesehen nichts Besseres tun könnten, als Sester-Kölsch zu verkaufen. Wir hatten ja nun jahrelang hart an der Erkenntnis gearbeitet, das nur Kölsch eine echte Marktchance hatte und nicht das allgemein verbreitete Pils. Aus meiner Jugend ist mir noch bekannt, daß es vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg eine ähnliche Rivalität zwischen Export-Bier und Pils gab. Damals war das Export-Bier für die Konsumenten der Inbegriff von, ich würde einmal sagen, von Qualität, aber auch das Aushängeschild der feinen Lebensart. Das muß man wissen, wenn man die Nachkriegsentwicklung des Kölner Biermarktes betrachtet. Das war zum Beispiel bei der Hubertus-Brauerei der Fall, es gab dort das Hubertus-Pils als Hausmarke. Die brachte zwar nicht sehr viele Hektoliter, aber war 1950 noch immer ein wichtiger Umsatzfaktor. Da war die Umstellung auf Kölsch schon eine wichtige Entscheidung. Für die Kölner Brauereien hatte Anfang der 60er Jahre das Kölsch dann langsam die Pils-Herstellung überrundet, denn alle fingen nun an, nun positiver über die wiederentdeckte Sorte zu denken. Wenn ich positiver denken sage, meine ich, daß sie anfingen kostengerecht zu kalkulieren. Dadurch kamen die Fachleute auf den Gedanken, man muß es doch fertigbringen, daß wir unsere Braukapazität in den Betrieben auslasten können, wenn wir nur eine Sorte herstellen und mit dieser einen Sorte rationell abfüllen können, das war eine Frage der Herstellungsmenge. Nachher, als immer mehr Flaschenbier auf den Markt kam, mußten dafür die entsprechenden Abfüllanlagen angeschafft und nachher sogar noch ausgeweitet werden. Aber es gab ja auch Brauereien, die gar keine solche Anlagen hatten. Das darf man nicht vergessen. Es gab nämlich auch Brauer, die stellten bewußt nicht soviel oder gar kein Flaschenbier her, weil sie auf dem Standpunkt standen, warum sollen wir uns den guten Preis "versauen". Die dachten so, lieber ein paar Hektoliter weniger verkaufen, dafür aber zu einem ordentlichen Preis, wo noch was hängen bleibt. Es gab aber ja auch Brauereien, wie die Gebrüder Päffgen, die waren von Anfang an eine Hausbrauerei und haben natürlich immer nur obergärig gebraut."

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... Welche Rolle spielte die Brauerei Metzmacher in Frechen, und was stellte sie so ins Rampenlicht?

"Die Brauerei Metzmacher in Frechen waren nach dem Krieg die ersten, die von den Amerikanern eine Genehmigung bekamen, wieder richtiges Bier herzustellen. Dieses Bier, es hieß NAAFI-Bier (Navy-Army-Airforce-Institution), war eigentlich nur für den Gebrauch der Besatzungstruppen gedacht, aber das eine oder andere Faß floß auch in private Kanäle. Die Brauerei Metzmacher (heute bei Dom-Kölsch) stellte schon damals Rats-Kölsch - reine Obergärung - her, aber auch noch ein Johannis-Pils. Das aber nur solange, bis man den Preis auf einen Schlag um fünf Mark erhöht hat, da war das Pils auch weg vom Markt. Das war ja auch ein Hauptproblem. Man darf nicht vergessen, als das Kölsch nach der Währungsreform mehr und mehr Marktanteil eroberte, war der Kölsch-Preis auch mindestens um zwei bis fünf Mark niedriger als das Pils. Im allgemeinen um vier Mark. Diese Spanne zwischen dem geringeren Kölschpreis von 78,00 Mark und dem Pils-Preis von 82,00 DM auszugleichen und mehr Erlös für uns Kölsch-Hersteller zu erwirtschaften, haben wir mehrfach versucht und am Ende hatten wir das auch durchgesetzt. Anschließend waren die im Kölner Raum hergestellten Pilsener- und Kölsch-Biere im Preis gleich. Nur beim Export waren es noch zwei Mark Unterschied, was aber zu vernachlässigen war, weil da sowieso nichts mehr lief. Zur Zeit, als wir den Kölschpreis um vier Mark anhoben, hatten wir unsre Jahresversammlung in Bonn in der Beethovenhalle, da habe ich eine Rede gehalten, und in diesem Zusammenhang, habe ich dort gesagt, daß wir diesen schönen Abend auch den vier Mark zu verdanken haben. Das war ein großer Heiterkeitserfolg. Bei dieser Versammlung, da hat sich einer der Kölner Brauer vor mich hingestellt und gesagt: "Herr Vorsitzender, das möchte ich Ihnen klipp und klar sagen, sie werden es niemals erleben, daß wir Kölsch brauen". Da habe ich zu ihm gesagt: "Sehr geehrter Herr, ich werde sogar noch erleben, daß der Hauptanteil ihres Bier-Ausstoßes Kölsch sein wird". Wir haben uns nicht gestritten, aber wenn ich ihn später daran erinnerte, wurde er ganz verlegen."

... Ab wann waren Sie denn politisch tätig und waren Sie damals schon FDP-Ratsherr?

"Nein, Ratsherr wurde ich erst später. Politisch tätig war ich aber schon ab 1950, solange bin ich nämlich Mitglied der FDP. Das Mandat im Stadtrat, das war eine Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Rat und den Brauern, denn wir Brauer hatten immer einen guten Kontakt zu allen Parteien gehabt, wie auch später zum SPD-Oberbürgermeister Theo Burauen. Wir sprechen zwar kaum noch darüber, aber bevor ich gewählt wurde, saßen wir öfters im Rathaus zusammen. So stand denn auch bei meiner Wahl ein Faß Bier bereit, egal wie die Wahl ausgefallen wäre, ob ich gewählt wurde oder nicht. Das war damals so eine euphorische Welle, egal um was es ging. Immer hieß es, wir Brauer, wir machen das. Es ging ja auch alles relativ schnell wieder aufwärts. "

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... Wie hoch waren die Bierpreise in den 50er Jahren, was kostete ein Glas Kölsch?

"Damals kostete das Kölsch noch 30 Pfennig (1955). Aber das waren auch noch die 0,25 l Gläser. Wir gingen oft, wenn ich Kölsch trinken wollte, zum "Onkel Hermann", der betrieb nach dem Krieg eine gutgehende Gaststätte, den "Bierhimmel" an den Dominikanern. Dort hatte er Hermann angefangen und ist später ins "Alte Präsidium" in die Schildergasse umgezogen. In dem Lokal hatte er über der Eingangstüre fünf große Vasen stehen, davon erzählte er immer, daß jede Vase 100.000 DM bedeutete, die ihn jede seiner geschiedenen Frauen gekostet hatten. Er konnte es aber nicht lassen und merkwürdigerweise, obwohl er ein sehr "kompakter Typ" war, haben alle Frauen von ihm geschwärmt. Sehr wahrscheinlich hat er andere Qualitäten. Mit einer von ihnen ist er Heiligabend im Aufzug steckengeblieben. Sie haben die Zeit bis zum Zweiten Weihnachtstag im Aufzug verbracht und kamen anschließend ganz glücklich wieder raus. Er hat sich später umgebracht, der arme Kerl."

... Wer waren denn die engsten Mitstreiter bei der Umstellung von der untergärigen auf die obergärige Brauweise?

"Es waren anfangs nur einige, die nur Kölsch brauten. Dazu zählte auch die Gaffel-Brauerei auf dem Eigelstein. Der damalige Leiter der Brauerei Wilhelm Ockenfels hat in dieser schweren Zeit getan was er konnte. Eigentümer der Gaffel war Heinrich Becker mit dem Spitznamen "Pannen-Hein". Er wurde so genannt, weil er außerdem noch eine Ziegelei besaß. Er war ein sehr zurückhaltender Charakter, der Wilhelm Ockenfels die Brauerei nach seinen Vorstellungen betreiben ließ. Ockenfels war ein äußerst loyaler, kooperativer Mann. Jeden Donnerstag traf er sich mit den Abteilungsleitern in der Brauerei und da wurde dann alles durchgesprochen. Das war ein sehr kameradschaftliches Vorgesetzten-Verhältnis. Das war für mich damals sehr wichtig, weil ich mit ihm einen Partner in der "Kölsch-Fraktion" hatte.  Als ich ihm das erstemal sagte: "Hör mal Willi, du mußt nur Kölsch brauen und das müssen wir auch durchhalten", sagte er: "Da verlieren wir aber 10.000 Hektoliter". Damals habe ich gesagt, in 10 Jahren hast Du das 10-fache, das garantiere ich dir, wie das ausgegangen ist, wissen wir ja heute alle. Es war mein Glück, daß wir beide so befreundet waren, und da hat er letztendlich auch mitgemacht. Das war schon sehr wichtig. Ich will damit sagen, daß es schwer war, damals Bundesgenossen zu finden."

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... Wie entwickeln sich denn die anderen ehemaligen Brauereien in dieser Zeit?

"Das Brauhaus Gatzweiler mit dem "Birbäumchen" war ja vor dem Zweiten Weltkrieg an St. Ursula. Das Brauhaus war einigermaßen unzerstört stehengeblieben. Nach dem Krieg hat sich im "Birbäumche" immer die CDU unter dem Bundestagsabgeordneten Bernhard Günther versammelt. Dort hätte Gatzweiler auch die Brauerei wieder aufbauen können. Doch beim Bau der Nord-Süd-Fahrt brauchte man aber Platz und so wurde ihm das Haus in der Mittelstraße angeboten. Er hat das auch angenommen. Die Mittelstraße war ja eine gute Laufstraße, ich habe ihm aber davon abgeraten und habe gesagt, ich würde wieder Bier brauen, aber sein Enkel, der sich ja früher nie um die Brauerei gekümmert hatte, entschied sich dann für eine Gaststätte und sie sind in die Mittelstraße umgezogen. Bier wurde natürlich nicht mehr gebraut und der Betrieb ging auch langsam bergab. "Die Gürzenich-Brauerei Heinrich Hilgers war ja auch intakt geblieben. Das Haus gehörte einer Familie Schweizer und die haben aus dem Sudhaus Fremdenzimmer gemacht. Da bin ich hingegangen und habe gesagt, hier steht doch eine Brauerei und die kann ja wieder in Betrieb genommen werden. Für Fremdenzimmer ist das doch zu kostbar. Der Heinrich Hilgers war Diplom-Braumeister oder so etwas, der hat dann gesagt, darüber könnte man reden. Den Vertrag hatten wir besprochen und wollten morgen weiterreden. Da ließen die Eigentümer Hilgers kommen und einer sagte zu ihm, hast du schon die Schuhe geputzt, du alte Sau?  Mein Gott, dachte ich, wo ist der arme Hilgers denn hier hineingeraten. Die haben mich um 16.000 DM geprellt. Sie sagten, wir hätten an dem Abend einen Vertrag gemacht und zwar einen Urkunden-Vertrag. Das heißt folgendes: Wir hätten mündlich verhandelt und sie hätten eine Urkunde, die drei (Schweizer, der Schwager und der Hilgers) angefertigt und darin wäre der Verkauf oder die Anzahlung festgelegt worden. Den Prozeß habe ich dann verloren. Der Gürzenichbräu war die größte obergärige Brauerei unter den Hausbrauereien. Das Karree mit Brauerei und Gaststätte hieß im Volksmund die "Bierinsel", denn sie beherrschten ja diesen ganzen Block. Nach dem Krieg gab es auf der Rückseite noch einen Saal mit Terrasse, wo später so ein Kabarett drin war". "Die Aktienbrauerei Dormagen, das war eine gute Firma und ist auch heute noch eine. Sie brauten Dormagener Pilsner und Malzbier. Die Brauerei gehörte zur damaligen Zeit der Dortmunder Aktien-Brauerei. Vorher wurde sie von der Familie Becker, heute Gaffel-Kölsch, betrieben. Die Familie Sester war da auch mal drin? Das war ein Familienbetrieb, die hießen ja daher Dormagener Aktien-Brauerei. Bei denen war auch die Frage Kölsch, statt wie früher Pils, zu brauen, sehr umstritten. Da war ein Vorstandsmitglied, der wußte grundsätzlich alles besser. Der kam aus Dortmund oder aus dem Siegerland, ging aber dann zum Glück bald weg. Wir haben immer geglaubt, daß das eine Brauerei war, die nicht nur finanziell, sondern auch mengenmäßig stark war. Doch dann stellte sich heraus, das dem gar nicht so war, die haben höchstens 9.000 Hektoliter Bier hergestellt, den Rest von 18.000 Hektoliter hatten sie von der Dortmunder Aktien als Handelsware bezogen. Es gab da irgendeine Vereinbarung vor oder direkt nach dem Krieg, in der die Dortmunder Aktienbrauerei dem Mathias Harzheim ein Vorkaufsrecht für die Dormagener Aktien- Brauerei einräumte. Der hatte ja wohl immer vor, selbst einmal eine Brauerei aufzumachen. Nicht die zwei Söhne, die noch leben, sondern der alte Mathias Harzheim. Er hat das aber nie erreicht, erst die beiden Söhne haben das gemacht. Als es dann darauf ankam, haben die beiden dann auch tatsächlich das Vorkaufsrecht in Anspruch genommen. Die Brauerei belieferte Dormagen und das weitere Umfeld. Doch in Köln selbst haben die nur ein oder zwei Gaststätten gehabt. Kölsch hatten sie erst viel später. Die Beckers haben vorher die beiden Betriebe ganz getrennt geführt. Aber nachdem die Dortmunder Aktien-Brauerei eingestiegen war, hatte das Kölsch keine Chance mehr, da konnten wir reden wir wollten. "Dann gab es die Brauerei und Brennerei Gebr. Sünner, eine der ältesten Brauereien in Köln. Die haben in Deutz am Rheinufer angefangen und sind dann nach Kalk übergesiedelt. Die haben ja dort noch ihre wunderschönen Brauereigebäude. Die hießen ursprünglich "Zechenbrauerei", denn hier befand in früherer Zeit tatsächlich eine Grube. Das kann man sich in Köln gar nicht vorstellen. Ich spreche jetzt aus der Erinnerung meiner Kindheit. Meine Großeltern hatten auf der Kalker Hauptstraße eine Kneipe, die sie noch vor dem ersten Weltkrieg von der Brauerei Sünner gekauft haben. Ich bin da sehr oft gewesen, wo die Zeche, parallel zur Kalker Hauptstraße lag. Hinter der Post war eine Fabrik und die ganze Straße waren Werkswohnungen. Die haben dort früher Eisen gefördert und da wurde auch Stahl gekocht, daher kam der Name Zechenbrauerei. Die Sünners waren hauptsächlich rechtsrheinisch. Das ging bis nach Gummersbach, ins Bergische hinein. Da hatten die umsatzmäßig ihr bestes Gebiet. Irgendwie waren die kleinen Ortschaften im Bergischen für die linksrheinischen Verkäufer zu abseits gelegen. Wenn man den Biervertretern sagte, in das Gebiet müßt ihr auch reisen, fragten die, wie kommt man denn dahin. So blieben die von den anderen Brauereien unbehelligt. Das kam aber auch durch ihr Spirituosenangebot. Die haben in den letzten Jahren aber viel Kummer mit Geschäftsführern gehabt, die taten sich da schwer. Das hängt damit zusammen, daß es in Familienbetrieben, wenn einer hinkommt, der ein modernes Führungselement hineinbringen will, schnell wieder geht. Aber der letzte Geschäftsführer von Sünner, der Herr Nordmann, kam mit der Kundschaft gut zurecht und war auch ein sehr guter Verkäufer."

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... Welche Rolle spielte die Kreditwürdigkeit in der Zeit, wo so viel Kapital gebraucht wurde?

"Es war damals schon so wie heute, es kommt nur zum Geschäft wenn man die "Nüsele in dr Täsch hätt" (Geld in der Tasche hat) oder wenn man gute Freunde in der Bank oder sonst wo hatte, die sagten, dem muß geholfen werden, ob das damals der Ivan Herstatt war oder die Sparkasse. Wir kannten da die leitenden Leute und haben nicht immer für alles bürgen müssen, das war auch sehr praktisch. Nur die alleinigen Eigentümer brauchten keinen zu fragen, denn ihnen gehörte ja die Brauerei. Die Konzernmanager mußten ihren Aufsichtsrat fragen, sonst ging gar nichts, denn die mußten sich in Dortmund selbst regenerieren nach dem Krieg. Wir waren aber gegenüber den Leuten, die so groß auftraten, wenn es ums Geld ging, immer im Nachteil. Wir konnten damals noch nicht so operieren, wie es heute möglich ist, daß wir zu einem Kunden gehen und sagen, weil du der Größte bist und mir soviel Bier abnimmst, bekommst du von mir auch einen großen Nachlaß. Das habe ich dieser Tage im Express gelesen, welche Großhändlerrabatte heute gewährt werden.Wir haben mit dem Großhandel ja immer geteilt. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt stimmt das auch, da war das unsere Stärke, und die einzige Möglichkeit, daß wir überhaupt ins Geschäft kamen. Wir kleinen Kölsch-Brauer hatten nicht das Geld, um die Geschäfte so zu finanzieren wie die Dortmunder oder die Süddeutschen. Um ein Beispiel zu sagen: Nach 1948 bekamen die Dormagener von der Dortmunder Siechen-Brauerei 1 Million Mark. Das weiß ich nicht nur vom hören, sondern das weiß ich vom alten Mathias Harzheim in eigener Person. Die haben damals das Geld bekommen, um hier Geschäfte zu machen. Das ging nur auf privatem Wege, die hätten um einen solchen Betrag zu bekommen, sich bei einem Bankinstitut so verschulden müssen, daß sie praktisch von sich hätten sagen müssen, daß sie ärmer wären als vorher. Heute stehen ja ganz andere Beträge im Raum. Damals war ein Betrag von 10.000 oder 20.000 DM für ein Darlehen schon sehr hoch. Augenblicklich spricht man über 200.000- 300.000 DM. Es gibt heute in Köln sogar Objekte, die für 1 Million DM gewechselt haben. "Im Jahre 1953 braute die Brauerei Sester 18.000 Hektoliter Bier. Die Hitdorfer-Brauerei hatte zu dieser Zeit schon 40.000 Hektoliter und die Dom-Brauerei hatte später sogar 200.000 Hektoliter. Da haben mich die Leute immer gefragt: "Wie kommst Du eigentlich zu den Zahlen". Da habe ich gesagt, wenn etwas früher 20 Mark gekostet kostet das heute 200 oder 2.000 Mark, von der Sache her ist das dasselbe. Lediglich die Größenverhältnisse verschieben sich. Man muß nur aufpassen, daß man nicht größenwahnsinnig wird und zu teuer einkommt, das heißt mehr einkauft, als man verkraften kann. Das war das Problem."

... Von wo kam denn der meiste Widerstand gegen das Kölsch, Wer waren die Wortführer der "Untergärigen"?

"Großer Widerstand gegen das Kölsch kam aus Dormagen und von einem Gebrüder Sester, der war sogar ein ausgesprochener Feind des Projekts. Ich habe bei ihm damals einmal angeklopft, um dort brauen zu lassen, als wir so ungefähr vor dem Abschluß waren, sagte er, ja aber bei uns brauen wir nur untergärig. Diese Leute hatten wir zu überzeugen auf der einen Seite und auf der anderen Seite, die neuen die zu uns kamen, als Freunde zu gewinnen. Die kamen ja manchmal mit einer vorgefaßten Meinung von ihren Aufsichtsräten an und bekamen von dort die Richtlinien. Die hatten zwar das Geld, kannten aber eigentlich die Verhältnisse hier nicht. Es gab hier in Köln damals schon auch Betriebe, die waren auf der Immobilienseite sehr stark, bei denen war das Brauen fast nur ein Nebengeschäft. Das waren mehr oder weniger Grundstückshändler, weil die in der Innenstadt durch Konkurs von Wirten Grundstücke übernommen haben."

 

... Und auf der Seite der Gastronomie?

Das Kölsch war zu der Zeit bei vielen Wirten ein zweitrangiger Nebenhandel, das Hauptgeschäft waren die untergärigen Marken. Da muß man wieder dazu sagen, das stimmt ja eigentlich, wenn man sich hier in Köln die Brauerei Winter noch einmal geistig zurückverfolgt, die viele eigene Objekte, besaß. Alles Eckkneipen und die als Eigentum. Die Brauerei hatte einen leitenden Mann, ein Jurist, der war nach dem Krieg bei der Dortmunder Union im Vorstand gewesen. Wenn Zwangsversteigerungen stattfanden, haben die immer mitgesteigert. Sie hatten zu dieser Zeit sogar eigene Handwerker. Der letzte Eigentümer von Winter, war einer der ersten, der es hier in Köln fertig brachte mit den Eigentumsverhältnissen zurecht zu kommen. Der hat die Häuser wieder aufbauen lassen und hat nur eine Wohnung und das Erdgeschoß mit dem Keller als Eigentum behalten. Eine Finanzierung bekam man in den 50er Jahren sonst noch gar nicht unter Dach und Fach." 

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... Und die auswärtigen Marken, die hier große Umsätze machten, wie verhielten die sich gegenüber dem Kölsch?

"Der kaufmännische Leiter der Dortmunder Union erzählte mir einmal Einzelheiten darüber, wie das so in Köln gelaufen ist. Man darf nicht vergessen, die Dortmunder Union hat vor dem Zweiten Weltkrieg hier in Köln über einen Großhändler 100.000 Hektoliter Bier verkauft. In Köln gab es zu der Zeit überhaupt keine private Brauerei, die 100.000 Hektoliter Bier verkaufte. Wenn man sich einmal vor Augen hält, welche Marktstellung die auswärtigen Biere hier hatten, waren wir Kölsch-Brauer doch eigentlich unter "ferner liefen". So haben die uns ja anfangs auch behandelt. Man muß sich heute fragen, warum war das so. Da muß sich die Zeit noch einmal vergegenwärtigen, erstens, wer führte die privaten Braubetriebe, also die Art und Ausbildung der Besitzer, zweitens, wer waren die Manager, die im Auftrage ihrer Kapitalseigner handelten und drittens, was war damals der allgemeine Trend. Hier im Groß-Kölner-Raum war das Pils die Exklusivmarke, nach außen hin, die Repräsentationsmarke. Man muß dankbar dafür sein, daß die Manager und Kapitalseigner von außen, die vorerst kontra waren, später überzeugt werden konnten."

... Wie war denn im Nordrhein-Westfälischen Brauerei-Verband die Stellung der Kölner Brauer?

"Wir waren als Verband immer nur der Juniorpartner der anderen westdeutschen Brauereien, die aus dem Ruhrgebiet, die vom Niederrhein und dem Sauerland.. Wir waren eine Bezirksgruppe, obwohl an Zahl die größten, aber an Bedeutung die kleinsten. Ich habe das schon einmal erwähnt, wir hatten damals Separationsbestrebungen, uns mehr nach Süden zu orientieren, weil wir gegen die übermächtigen Dortmunder immer Schwierigkeiten hatten. Das war eine Abwehr- oder Trotzreaktion, wenn man so will. Wir haben das dann geändert, ob nun der Hermann Sester, der zuerst den Vorsitz hatte, oder später ich. Hermann Sester ist immer Delegierter geblieben. Es hat zwar eine Zeit gedauert, bis er gefressen hatte, das die Zukunft im Kölsch lag, aber dann stand er dahinter. Sein Bruder war weiter gegen das Kölsch. Ich weiß genau, als ich mit der Frage für einen Lohnbräu zu ihm kam, sagte er, ja können wir machen, aber das machen wir untergärig. Nein, sagte ich, daß ist nicht der Sinn der Sache. Kölsch war ihm nicht fein genug. Es waren zum großen Teil die zugereisten Führungskräfte, die sahen, daß wir hier in Köln in einer "Bier-Enklave" lebten und daß wir unser ganz eigenes Bier haben wollten. Und es hat sich ja als richtig erwiesen, Dortmund ist heute bedeutungslos gegenüber den Sauerland/Siegerland-Brauereien. Es bedurfte einer gewissen Überredungskunst, alle unter einen Hut zu bekommen."

... Wie war denn das Verhältnis zu den Pils-Brauern?

"Der Direktor der Hitdorfer-Brauerei, der hat sich nach seiner aktiven Zeit am Genfer See niedergelassen, kam eines Tages zu mir mit seiner auf Pils spezialisierten Brauerei und sagte: "Kann ich mich nicht bei ihnen mit dem Kölsch beteiligen". Da habe ich mir gedacht, du bist mir der richtige, zuerst dagegen und dann auf den fahrenden Zug springen. Man hat doch noch relativ lange bei Hubertus-Brauerei Pils gemacht. Das war eine spezielle Kundschaft. Normalerweise sind die anderen ja nach einer gewissen Anlaufzeit alle komplett auf Kölsch umgeschwenkt. Hubertus-Pils wurde immer noch, auch heute, als Flaschenbier gekauft. Der ganze Pils-Absatz ging an die großen Supermärkte außerhalb Kölns. Heute gibt es hier fast keinen Pils-Umsatz mehr."

(FM)

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