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Der Zweite Weltkrieg und die Zerstörung Kölns (1940-1945)

Interview mit Hans Sion

Hans Sion
Hans Sion

von Franz Ludwig Mathar

... In welchen Jahr wurde Ihre Brauerei (unter Taschenmacher) durch Fliegerangriffe zerstört?

"Die ersten Bombardierungen fingen schon 1942 an. Unser Haus wurde bei einem Angriff am 31. Mai restlos zerstört, an Brauen war da nicht mehr zu denken und die Gaststätte war ja auch weg. Viele andere Brauereien sind damals aber stehen geblieben. Ich hatte einen guten Kontakt zum Cornelius Wirtz von der Schreckenskammer, die ja damals noch direkt hinter dem Hauptbahnhof nur 5 Minuten entfernt war. Der hatte sich um die ausgebombte Hausruine gekümmert, die ja frei dastand. Ich hatte zu der Zeit schon, das war eine Neuerung, Hopfen in Büchsen. Die waren noch im Keller gelagert. Da haben Diebe wahrscheinlich gemeint, es wären Konservenbüchsen und haben sie geklaut. Ich hatte meinen Schäferhund hier im zerstörten Haus gelassen, weil er einfach aus den Trümmern nicht wegzubekommen war. Der Werner Comp hat immer dafür gesorgt, daß er etwas zu fressen bekam. Eines Tages lag er dann erschossen auf der Straße."

... Ihre Brauerei wurde ja bereits 1943 von den Bomben zerstört worden,
wie erging es den anderen?

"Eine der Brauereien, die stark durch die Bomben in Mitleidenschaft gezogen wurden war die Brauerei der Gebrüder Reissdorf. Das waren ursprünglich insgesamt drei, von denen heute (1990) ja der Hermann Josef und der Karl-Heinz im Unternehmen tätig sind. Ursprünglich war das auch eine Hausbrauerei. Die hatten neben der Brauerei an der Severinstraße einen Brauereiausschank mit einem riesenlangen Flur, in dem sich die Bierschwemme befand. Wenn sie Malz angeliefert bekamen, ging das nur durch den langen Flur. Dann wurden in der Schwemme die Tische hochgeklappt, damit die Fahrzeuge durchkonnten. Der eine der Brüder ist im Krieg an einem Tag, als die schweren Luftangriffe waren, morgens mit den Einnahmen zur Sparkasse am Waidmarkt gegangen und man hat nie mehr auch nur die geringste Spur von ihm gefunden. Die Brauerei Reissdorf hatte sich schon früh auf moderne Brauverfahren eingestellt. Ich habe meinen Stiefvater nie so richtig davon überzeugen können dies auch zu machen, denn er war noch so ein bißchen von der alten Art, wie viele der anderen Brauer auch. Die saßen lieber donnerstags an ihrem Stammtisch. Er hatte nie Interesse an technischen Veränderungen, wogegen ich schon in sehr frühen Jahren daran interessiert war. Ich habe ihm damals gesagt: "Wir haben doch eine entsprechende Brauerei, warum wird die nicht auch entsprechend genutzt!"

... Wie funktionierten eigentlich im Zweiten Weltkrieg die Rohstoff Zuteilungen
mit Hopfen und Malz?

"Es gab ja den "Reichs-Nährstand" der Nazi-Regierung, der war vollkommen zentralistisch organisiert und für die alle Rohstoffe zuständig. Der Vorsitzende war der Brauer Immendorf. Das war ein diplomatisch sehr geschickter Mann und innerlich kein überzeugter Anhänger des Systems. Es hat ihm ja auch kaum etwas geschadet, daß er Präsident der Hauptvereinigung der Deutschen Brauwirtschaft war. Der Sitz des Brauwirtschaftsverbandes Westdeutschland war hier in Köln auf dem Hansaring. Der Leiter war ein Dr. Eckhardt. Er hatte sein Büro am Hansaring und da ging es zu, wie beim "Führer" in der Reichskanzlei. Er hatte seinen Schreibtisch etwas erhöht stehen, so daß jeder, der hereinkam, schon direkt mal zu ihm aufsehen mußte. Aber diese Burschen haben es ja später alle wieder in hohe Positionen geschafft, der Dr. Eckardt nachher bei der Dortmunder-Union. Für die Zuteilung von Rohstoffen mußte man richtig "antichambrieren"' und "schön Wetter machen". Denn ohne die Zuteilung von Hopfen und Malz konnte man ja kein Bier brauen. Die Braugerste war einheimische aus der Zülpicher Gegend. Ich habe die sogenannte Voreifel-Gerste stets gefördert. Wir hatten hierzu auch einen Förderverein, den ich mitgegründet habe. Nach dem Krieg haben wir dann auch den Anbau in der Voreifel im rheinisch-westfälischen Brauerverband, ich wurde direkt in den Vorstand gewählt, weiter gefördert. Diese Gerste ist wegen ihres hohen Eiweißgehaltes als Braugerste hervorragend geeignet, wenn nicht außergewöhnliche Dürrejahre waren. Die beste Sorte war allerdings die Saale-Gerste."

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... Wann begann dann für Sie persönlich die allgemeine Zerstörung spürbar zu werden?

"Im Jahre 1943 passierte etwas Seltsames. Ich kannte einen Hellseher, der sah allerdings hauptsächlich "schwarz" für mich. Jedenfalls wurde er eingezogen und ich bekam von ihm einen Brief. Darin hieß es, in den nächsten Tagen werden Sie von ihrer Straße aus den Dom sehen können, das hieß also mit anderen Worten, ein großer Luftangriff stände bevor. Es war dann wirklich der Angriff vom 29. Juni 1943. ich hatte schon für den nächsten Tag einen Möbelwagen und Packer bestellt, weil ich mich in Sicherheit bringen wollte. Aber in der Nacht erfolgte dann der Bombenangriff und am anderen Morgen war alles weg. Da hatte auch die ganze Hellseherei nichts genützt."

... Welche unmittelbaren Folgen hatte das für Ihr Unternehmen?

"Nach diesem ersten Luftangriff war ja vor allem die Zerstörung in der Innenstadt sehr groß. Es fand fast überhaupt kein gesellschaftliches Leben statt, die Leute gingen in dieser Zeit kaum noch in die Wirtschaft. Wenn Sie mich heute fragen, wie wir das überstanden habe, weiß ich das selbst nicht. Doch das Leben ging weiter. Bei Früh war auch alles ziemlich verwaist. Die Brüder Jakob und Peter Immendorf, die Schwiegerväter der heutigen Eigentümer, führten zu dieser Zeit die Brauerei Früh. Ich habe dann mit dem Braumeister Hofmann, der ein exzellenter Fachmann war, zu den Brüdern Immendorf gesagt, wir könnten doch gemeinsam brauen und ich würde den Hofmann mitbringen. Das haben wir dann auch gemacht, schon damals im Krieg. Ich hatte dadurch kurzzeitig eine Ausweichgaststätte um weiter Bier zu brauen. Diese bestand dann aber nur genau drei Monate, dann war auch sie von den Bomben zerstört."

... Erinnern Sie sich an eine Begebenheit, wo es sozusagen um die nackte Existenz ging?

"Ja, da gab es eine Situation, da hat das Bier uns das Leben gerettet. Ich war während eines Angriffs zufällig am Perlenpfuhl in einen Luftschutzkeller geflüchtet, wo sich nebenan ein Textillager befand. Bei diesem Brandbombenangriff ist aus der ganzen Straße keiner lebend rausgekommen, außer denen, die mit uns unten im Keller waren. Der Keller gehörte zur Richmodis-Bräu und hier war das gesamte Ammoniak ausgeströmt so daß alle elend zugrunde gegangen sind. Wir anderen saßen im Tiefkeller der Richmodis. Durch die Explosion kam dann plötzlich an den Türen ein gewaltiger Feuerschlag heraus. Und alles brannte lichterloh. Unser einziger Gedanke war, wie kommen wir hier lebend heraus. Dann haben wir, es waren fast Frauen und Kinder, Textilien aus dem Lager gerissen und haben uns diese übergeworfen. Ich habe die Bierfässer angeschlagen und wir haben uns alle mit Bier übergossen. Dadurch geschützt sind wir dann durch das Feuer bis zur Schildergasse gekommen. In der Schildergasse habe ich den Leuten gesagt, sie sollen sich hinsetzen und auf mich warten. Durch die Flammen gab hier aber kaum Luft zum Atmen. Ich bin denn in Richtung Rheinufer gerannt und habe versucht, dort wieder an frische Luft zu kommen, wo man atmen konnte. Ich bin also vorgelaufen und habe auch einen sicheren Weg gefunden. Als ich wieder zurückkam saßen die Leute noch da und warteten auf mich. Als ich genauer hinschaute, sah ich, daß sie auf einem Blindgänger gesessen hatten. Das war wirklich eine tolle Geschichte, das Bier als Lebensretter! In dieser Zeit haben viele wieder beten gelernt und der mutige Kardinal Frings war mit seiner kompromißlosen Haltung gegen die Nazis auch für alle eine große Stütze."

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... Kannten Sie den Kardinal Frings persönlich?

"Nein, leider nur von weitem. Aber er war ja ein sehr volkstümlicher Mann, um den viele Geschichten und Anekdoten aus dieser Zeit ranken. Die schönste für mich ist eine aus dem dritten Reich: Der Kardinal hatte während der Nazizeit in seiner Sonntagspredigt wieder einmal gegen Göbbels Stellung bezogen, was ja in der Zeit lebensgefährlich war. Er hatte in Anspielung auf Göbbels Gehfehler gesagt: "Die Lüge hinkt durch das Land". Am nächsten Tag kam ein Mann von der Gestapo in sein Haus und fragte ihn, ob er damit den Reichspropagandaminister gemeint hätte. Da sagte Kardinal Frings listig zu ihm: "Wie, lügt der denn auch."

... Wohin sind hatten Sie Ihre Familie in Sicherheit gebracht?

"Wir sind nach der Ausbombung zuerst noch nach Erpel auf die rechte Rheinseite verschlagen worden. Dort haben wir das letzte Bier, das hier Unter Taschenmacher noch im Keller war "vermaggelt". Doch auch Meine Familie wurde dann sicherheitshalber nach Tirol zu einem Brauer-Kollegen evakuiert. Ich wurde Ende 1944 noch einmal gemustert. Man hatte mich "AV-Feld" gestellt, das hieß arbeitsverwendungsfähig an der Front. Ich wurde gemeinsam mit einem gemustert, der war schon einem schwer verwundet worden. Er wurde auch wieder AV-Feld geschrieben. Der war so eine richtige Kölsche Type und sagte zum Arzt: "Sagen se mal, Herr Oberstabsarzt, was heißt dat eigentlich, muß ich jetzt noch ens eruß oder muß ich nit eruß!" Kaum hatte er das gesagt gab es Groß-Alarm. Also, wir ab in den Keller, als wir nach dem Angriff wieder herauf kamen, war die Musterungsstelle leider bestehen geblieben und wir bekamen unser Soldbuch ausgehändigt, wir waren also wieder Soldaten. Meine Eltern wohnten damals in der Engelbertstraße und ich wollte zu Ihnen. Da sagte er, ich habe ein Motorrad, das steht um die Ecke. Das muß aber angeschoben werden. Wir müssen aber um die Ecke gehen, damit die nicht sehen, daß wir zwei so gut laufen können. Ich habe mir gedacht, Menschenskind, nun ist alles verloren. Im Kriegsjahr 1944 war meine Mutter auch zu Tode gekommen."

(FM)

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