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Der "Kölsch-Frühling" und die Konsolidierung (1960-1970)

Interview mit Hans Sion

Hans Sion
Hans Sion

von Franz Ludwig Mathar

...Wann begann dann der Trend zu kippen und welche Umstände waren daran maßgeblich beteiligt?

"Dazu muß ich sagen, wenn man die heutige Generation, welche die Brauereien führt, hört, sprechen die vom Kölsch, als hätte es hier nie etwas anderes in Köln gegeben. Doch es ist wirklich das große Verdienst der vorherigen Generation vor allem in der Zeit direkt nach dem Kriege, das Kölsch salonfähig zu machen und ihm den Status zu geben, den es heute auf dem deutschen Biermarkt einnimmt. Von dem Hektoliter-Ausstoß einmal ganz zu schweigen. So kann man auch verstehen, daß die Brauereien der ersten Stunde noch heute im Kern zusammen sind. Daß die Brauer-Familien früher untereinander geheiratet haben ist klar, das wird auch immer so bleiben, man versucht das ja heute noch."

... Wann bahnte sich in etwa die Kölsch-Welle an, wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, Kölsch, das ist die Zukunft?

"Genau kann ich das heute nicht mehr sagen, doch so richtig begann der Kölsch-Boom erst in den 60er Jahren. Als erste hatte die Hubertus-Brauerei es gewagt Kölsch auf Flaschen zu ziehen, was damals sehr schwierig war. Denn das Kölsch war nun so zu brauen, daß es auch in der Flasche haltbar blieb. Die Hubertus-Brauerei hat es seinerzeit gewagt und hat auch einigermaßen Erfolg damit gehabt. Sie müssen bedenken, die Brauerei war damals noch sehr klein, die hatten nur 10.000 Jahres-Hektoliter, später hatten sie über 200.000. Als die Hubertus-Brauerei einen Namen für ihr neues Kölsch suchte, fand man zuerst den Namen "Köbes Kölsch". Das hat zwei Beziehungen, einmal der Kölsche Köbes und zweitens der Vorname Jakob von Jakob Immendorf. Aber der sagte, ich weiß einen anderen Namen. Der hat auch einen Traditionshintergrund. Wir nennen es "Gereons-Kölsch". Es gab nämlich früher eine Gereons-Brauerei, Cölner Bürgerbräu in der Friesenstraße, die wurde später aufgelöst. Das war da wo heute die Satory-Säle sind. Die ganze Kundschaft der Cölner Bürgerbräu wurde von der Deutschen- Brauerei Gesellschaft, die mit der Hubertus- zur Kölner- Unions-Brauerei zusammengewachsen war, übernommen. Es war aus Sicht der Brau- und der Stadtgeschichte schon ein echter Traditionsname. Sie nannten es also Gereons-Kölsch, ließen sich aber den Namen "Köbes Kölsch" auch noch schützen, man kann ja nie wissen, wofür man es gut ist."

...Was mußte denn markentechnisch getan werden um das Kölsch zu einem Markenartikel zu machen?

"Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte das Kölsch viele Namenszusätze wie "Echt Kölsch" und auch "Alt-Kölsch", es gab mal einen Streit mit der Sester-Brauerei, die brachten auch ein Kölsch heraus unter dem Namen "Kölsch-Alt". Das war zu dieser Zeit ein echter "Marken-Wirrwarr" und ich war der Meinung, daß "Kölsch" nur "Kölsch" ist und nichts anderes "Drumherum". Das war besser zu merken und hatte auch vom Marketing her viele Vorteile. Aber die Dinge haben sich dann erst nach und nach entwickelt, mehr aus der Praxis heraus und nicht nach einem festen Plan, außer dem Willen ein echte unverwechselbare Spezialität herzustellen. Das ist denn ja auch gut gelungen."

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... Im Jahre 1963 formulierten Sie in einem Artikel im "Kölner Almanach" die heutige Markenphilosophie, die las sich damals so:

"Schon im 14. Jahrhundert gab es Kölner Bier - Die Tausende von Besuchern unserer Stadt erfahren dies aus einer künstlerischen Großwerbung der Dom-Brauerei im Nordtunnel des Kölner Hauptbahnhofs. Die Hansestadt Köln kann aus den Tagen des Mittelalters bis in die Gegenwart hinein eine gute, bewährte Brauertradition nachweisen. Früher lag allerdings das Schwergewicht hier in Köln im kleinen handwerklichen Betrieb. Der Name "Hausbrauerei" hatte einen guten Klang, umriß aber gleichzeitig den kleinen Kreis der Abnehmer, der zum Hause oder zur Hausnähe gehörte. Aus der zünftigen Hausbrauerei entwickelte sich im Zuge der Zeit der gewerbliche Mittel- und Großbetrieb. Die Kölschen Kneipen sind aber schon seit dem frühen Mittelalter einer der charakteristischen gesellschaftlichen Treffpunkte der Stadt Köln. Köln war immer eine freie Stadt und ist eine Zeitlang Hansestadt gewesen. Seit den Zeiten der Römer und das ganze Mittelalter hindurch war Köln, wie man heute sagen würde, als Drehkreuz des Westens für die Kaufleute und Reisenden von sehr großer Bedeutung. Die Kölschen Kneipen waren der Treffpunkt der Handelsleute und auch der Politiker, die in Köln oder mit Köln Handel oder Politik treiben wollten. Sie waren und sind auch heute noch die Ausschankstätten der obergärigen Bierbrauer dieser Stadt. Hier wird das für die Stadt Köln so berühmte Kölsch ausgeschenkt. Es muß gesagt worden, daß im Mittelalter die Brauerzunft eine der stärksten und einflußreichsten "Gaffeln" unserer Stadt war. Bedeutende Ratsherren und Bürgermeister wurden von der Brauergaffel gestellt Daher ist es auch leicht erklärlich und selbstverständlich, daß sich in diesen Kneipen der damaligen Zeit die bedeutendsten Geschäftsabschlüsse und auch politische Gespräche entwickelten. Wenn die Brauergaffel im Mittelalter eine der größten war, so kann man sich vorstellen, daß zu dieser Zeit noch mehrere hundert dieser Ausschänke, also Kölsche Kneipen bestanden, in denen sich auch das Zunftleben der damals größten deutschen Stadt konzentrierte. Eine solche kölsche Braustube dürfte wohl auch der Ort gewesen sein, wo die demokratisch denkenden Bürger Kölns beschlossen, sich von jeglicher Unterdrückung durch weltliche oder kirchliche Macht zu befreien und als Sinnbild freien Bürgertums das Rathaus zu errichten. Sicherlich sind auch die Pläne für den Bau des Kölner Doms, die den in die Zukunft gerichteten, kosmopolitischen Sinn der damaligen Menschen kundtun, in diesen Kölschen Kneipen entstanden und diskutiert worden. Gesellschaftlicher Mittelpunkt sind die Kölschen Kneipen bis heute in Köln geblieben. Sie haben eine ganz bestimmte Ausstrahlung nicht nur auf die Kölner Bürger, sondern auch auf das internationale Publikum, das in Köln zu Gast ist. Es ist wohl aus der alten, oben geschilderten Tradition zu erklären, daß sie Mittelpunkt demokratischen Gemeinsinns und Gemeinschaftsseins sind. Hier ist der "Grielächer" zu Hause, der in seiner humorvollen Art, die für den Kölner charakteristisch ist, sowohl an der Weltpolitik Kritik übt, wie besonders aber auch an den stadtkölnischen Vorgängen, die man schmunzelnd den "Kölschen Klüngel" nennt. Der "Grielächer" ist die Personifizierung des humorbegabten Kölners, und demokratisch sind diese Kölschen Kneipen deshalb besonders, - und dürften in anderen Städten schwer zu erreichen sein - da aus der alten Tradition unserer Stadt sich gerade hier alle Schichten des Volkes treffen und sich eben nicht als Schichten fühlen, sondern nur als Kölner Bürger, die sich weltoffen gegenüber ihren Mitbürgern und Gästen geben. Es ist nicht nur das "Kölsch vom Fass" mit seinem dazugehörigen "Halven Hahn" und den sonstigen Küchenspezialitäten, auch nicht nur der Köbes in seiner blauen Montur, die bei dem Fremdenpublikum beifällige Verwunderung und Bewunderung hervorrufen, sondern es ist vor allem die besondere Atmosphäre, die auf den Besucher als Anziehungspunkt wirkt. Das ist eine Tatsache, die von den Kölner Bürgern immer wieder mit Freude und Genugtuung als nicht nachzuahmende Besonderheit ihrer Stadt festgestellt wird. Hier fühlt sich der Kölner zu Hause, und sein internationaler Gast lernt hier die Kölner humorbegabte Eigenart in ihrer ausgeprägtesten Form kennen. Durch die Auswirkungen des letzten Krieges hat sich die Zahl der Kölschen Brauhäuser stark vermindert; vor dem Zweiten Weltkrieg gab es noch über davon über dreißig. Von diesen existieren heute noch, zum größten Teil wieder aufgebaut, innerhalb der Altstadt folgende: das Haus Töller und das Brauhaus "Barbarossa", am Barbarossa-Platz, das Brauhaus Gatzweiler, Nähe Hahnentor, Brauhaus "Zur Malzmühle", am Heumarkt, Brauerei Gebrüder Päffgen, Nähe Friesenplatz, Brauhaus Sion, Nähe Alter Markt, Cölner Hofbräu P. Jos. Früh, am Heinzelmännchenbrunnen, das Brauhaus "Em kölsche Boor" und "In der Gaffel", auf dem Eigelstein, "Mohr-Baedorf, am Neumarkt, "Schmitze Lang", Nähe Severinstor, die "Schreckenskammer", Ursulamarkt "Zum Klausner", Hohenzollernring, "Em Hahnenbräu", am Rudolf-Platz. "Gildenhaus-Stube", in der Großen Budengasse, "Zum echten Münsterländer", in der Apostelnstraße, "Im St. Peter", am Heumarkt."

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... Wie entwickelte sich den das Verbandswesen im Braugewerbe weiter und welche Funktionen hatten Sie dabei?

"Die Brauer-Innung verschwand immer mehr und ich habe versucht den Status dadurch zu stützen, daß ich in dem Bundesverband der mittelständischen Brauer beitrat, der sich mittlerweile gegründet hatte. Dort wurde ich auch nachher zum Vizepräsidenten gewählt und als solcher nach Brüssel delegiert. Nach dreizehnjähriger Tätigkeit hat man mich zum Präsidenten der mittelständischen Brauer gewählt hat. In dieser Zeit habe ich mir immer Gedanken gemacht, ob nicht doch noch ein paar Nachzügler aus dem Kölner Raum hinzukämen. Doch viele der ehemaligen Brauer wanderten in die Gastronomie und den Getränkehandel ab. Die große Versuchung bestand darin, daß hier schneller Geld zu verdienen war. Aber auch am Verdienen hat es zunächst einmal nicht gelegen, sondern eher um finanzieren. Ich kann die genaue Zahl nicht sagen, wie groß die ERP- bzw. die Marshall-Plan-Mittel waren, aber das war verschwindend wenig gegenüber dem, was heute (1990) in die neuen Länder hineingebuttert wird. Es war also nur die Hilfe zur Selbsthilfe. Wer sich da nicht auf die Hinterbeine stellte, hatte keinen Erfolg. Wer sich keine private Finanzquelle auftut oder andere Möglichkeiten der Finanzierung gefunden hatte, war arm dran. Für viele war das die Hürde, die den Wiedereinstieg ins Braugeschäft verhindert hat."

... Bei Insidern taucht ein ominöser "Roter Vertrag" auf, was hatte es damit auf sich?

"Vorab war das eine absolute Notwendigkeit, eine Schutzmaßnahme gegenüber dem auswärtigen Einfluß. Wenn man heute (1990) mit manchen Führungskräften in den Brauereien über den "Roten Vertrag" spricht, ist darüber meistens nur eine vage Kenntnis vorhanden, weil sie diese Dinge nicht selbst miterlebt haben. Der "Rote Vertrag sollte die einheimischen Brauer schützen. Unsere Situation in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war ungeheuer schwierig. Im Anfang sind wir oft von den auswärtigen Konkurrenten finanziell und mit neuen Ideen überrascht worden, ein ungeheures Handikap. Aber dann haben auch die Kölner Brauer das Spiel zu spielen verstanden, in dem wir uns gegenseitig gestützt und unterstützt haben. Man darf nicht vergessen, zu dieser Zeit saßen die großen, marktbestimmenden Brauereibetriebe in München und in Dortmund. Damals tobte der Kampf zwischen Dortmund und München, wer ist die größte Bierstadt in Deutschland ist. Heute ist Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit den größten Brauereien. Aber früher waren das immer die Münchner, die hatten ganz andere Wettbewerbsbestimmungen als wir, auch untereinander, innerhalb der damaligen deutschen Provinzen, es gab ja keine Bundesländer, sondern nur Provinzen. Auch anfangs nach dem Zweiten Weltkrieg galten diese Strukturen noch. Dagegen wollten wir uns zur Wehr setzen. Die Wettbewerbsverhältnisse nach 1945 waren so, daß alle gedanklich noch nach in den vor 1945 bestehenden Richtlinien handelten. Diese Bedingungen des Wettbewerbs waren aber nicht mehr umzusetzen, weil sich nämlich durch die Zerstörung der meisten Gaststätten nicht mehr einhalten ließen, z.B. daß für die Vergabe einer Konzession 600 oder 800 Bewohner da sein mußten. Dazu kam, daß mancher Gastwirt, dessen Eigentum zerstört war, anderweitig ein Haus erhalten hatte und dort eine Konzession hatte, das war ja ein Statussymbol, daß diese auf den Gedanken kamen, dann verlege ich einfach mein Haus, zwei bis drei Häuser weiter. "Nach dem Krieg waren praktisch alle gleich geschädigt. Der eine hatte keine Brauerei mehr und mußte irgendwo anders brauen lassen. Man fand einen Kollegen der noch eine intakte Brauerei besaß und der half dann aus. Das führte dazu, daß man sich zusammensetzte und dann im Wettbewerb zu einer Vereinbarung kam, daß erstens eine Brauerei der anderen Brauerei keinen alten Kunden, der wieder aufgebaut hatte, wegnahm. Das war aktiver Kundenschutz. Nachher wurden diese freiwilligen Verhaltensmaßnahmen im sogenannten "Roten Vertrag" zusammengefaßt. Man muß das wissen um zu verstehen, wie diese Entwicklung entstanden ist. Heute ist die Situation so, daß sich manche Leute Gedanken machen, wie man einem Wirt, der ein normales Geschäft hat, 100.000 oder 200.000 DM leihen könnte. Solche Wünsche sind heute keine Seltenheit. Die sprechen auch nicht mehr von Darlehen, sondern sie sagen, die Brauerei verdient so viel, die kann mir den Rabatt, den sie mir einräumt im Voraus bereits honorieren. Wir waren damals froh, daß über diesen "Roten Vertrag" eine gewisse Ordnung in den Markt kam. Der Vertrag sah auch gewisse Strafen vor. Zum Beispiel in dem Fall, daß eine Brauerei, die einen Vorkriegskunden, ob mit Bierliefervertrag oder frei, wenn der Kunde sein Haus wieder aufgebaut hatte und dort wieder eine Wirtschaft aufmachte, für die Brauerei die vor dem Krieg geliefert hatte, ein sogenanntes Vorlieferrecht bestand. Dann kam aber etwas, womit keiner gerechnet hatte. Es gibt ja immer klügere Leute als die, die Verträge machen. Wir hatten nicht hier im Verband, sondern im Krefelder Raum eine Brauerei, diese hatte einen kaufmännischen Leiter, ein Jurist, der sagte, in dem Vertrag steht ja nicht, daß wir nicht ein leeres Erdgeschoß mieten. Die fingen an und mieteten, sie pachteten nicht. Pachten ist ja eine eingerichtete Gaststätte und mieten ist der leere Raum. Vom Mieten stand im "Roten Vertrag" nichts. Es hatte ja keiner daran gedacht, weil ja auch keiner mieten wollte, denn jeder Brauer hatte ja mit sich selbst genügend zu tun, sein eigenes Haus und seine eigene Brauerei wieder in Gang zu bringen. Überall waren die Gebäude zerstört und auch die Maschinen nicht mehr funktionsfähig. Außerhalb Kölns, wo nicht so viel zerstört war, da war man etwas besser dran. Doch hier gab es eine branchenfremde Familie, die hatte sich einen sich einen besonderen Trick ausgedacht: Die begannen überall anzumieten und dann weiterzuvermieten. Die haben uns dann damit viel Kummer gemacht. Und sobald sie erfolgreich waren, gab es sofort andere, die das nachmachten. Das führte dann aber dazu, daß die Brauereien wieder entweder in die eigene Tasche greifen mußten, wo noch viele Löcher drin waren, oder mit fremden Bürgschaften bei Banken oder Freunde in Anspruch nehmen mußten. Ab und zu mischten ebenfalls Automatenaufsteller, die sowieso damals schon viel verdienten, das darf man auch nicht vergessen. Ich möchte gerne einmal ein Beispiel geben, das man nachvollziehen kann. Gegenüber dem Gürzenich ist eine Gaststätte die wurde vor dem Krieg von der Essener Aktienbrauerei beliefert. Die hatte ein Architekt gemeinsam mit einer Brauerei gekauft. Mit dieser hatte die andere Brauerei aber noch einen langjährigen Bierlieferungsvertrag. Das Grundstück wurde aufgrund des vorhandenen Bierlieferungsvertrag entsprechend preiswerter verkauft. Vor zwei oder drei Jahren komme ich da mal vorbei und sehe da ist eine andere Kölner Brauerei drin. Ich sagte darauf zu dem Besitzer der Brauerei, sag mal, das ist aber nicht richtig, das ist gegen den Roten Vertrag, der ist doch noch immer gültig schon über 30 Jahre. Der Kaufpreis war offiziell wegen des "Roten Vertrages" gemindert worden. Den Prozeß hat die erste Brauerei dann auch gewonnen. Das ist so ein Fall wo der "Rote Vertrag" zur Anwendung kam. Er war für uns alle aber auch sehr zwiespältig. Einerseits behinderte er uns, insbesondere mit dem Einstieg des Kölsch in die Gastronomie, aber andererseits haben die Mitbewerber ja nie daran geglaubt, daß Kölsch einmal so einen Siegeszug antreten würde, weshalb sie uns einen gewissen Freiraum gelassen haben. Ich war als Vorsitzender des Verbandes in dem Dilemma. Ich trug immer zwei Seelen in der Brust. Bist du noch für den Roten Vertrag, vor allen Dingen bei der Vertretung des Verbandes mußte man es ja sein, die Zeit rückte aber weiter. "Roter Vertrag" hieß der Vertrag einfach deshalb, weil er rot eingebunden war.

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... Also war die Gaststätten-Konzession nicht an das Haus, sondern an den Mann gebunden?

"Teils, teils. Die Konzession war schon an das Haus gebunden. Man muß das so sehen wie es damals war. Man versuchte sich gegenseitig zu helfen. Bis zum Währungstag waren wir eigentlich noch alle bewirtschaftet, das wurde auch nach 1945 noch weitergeführt. Trotzdem kamen viele mit viel Charme oder mit viel Geld an neue Grundstücke und an Möglichkeiten, im Erdgeschoß eine neue Kneipe aufzumachen. Nach der Währungsreform, ich denke dabei an den heute soviel zitierten Begriff Freie Marktwirtschaft, kam es vor, daß Wirte, die eine Konzession besaßen, mit jemanden der in der Nähe neu eröffnete, prozessierten. Das führte dazu, daß sich die Brauer über ihre Verbände Gedanken machten, wie man das in Griff bekommen könnte, um nicht der Spielball der Gastronomieverbände oder der kapitalkräftigen Wirte zu werden. Wir haben uns dann auch zusammengesetzt."

... Wie wurde die neue "Kölsch-Philosophie" von den Gästen angenommen?

"Es gab Wirte, die mit den Brauereien noch 100 % Verträge für Pils oder Export hatten, aber nicht für Kölsch. Aber diesen jungen Leute zu dieser Zeit, ich war 1960 immerhin doch schon fast 50 Jahre, wollten etwas anderes trinken, statt Pils und Export und Kölsch war da eben etwas anderes, etwas "altes" neues. In Erpel am Rhein, das war immerhin kurkölnisches Gebiet, hatten wir verschiedene Kunden, die waren vom neuen Kölsch so begeistert, daß sie sogar einen "Verein der Kölschtrinker" gegründet haben."

...Wie reagierten den die Brauereien außerhalb Kölns auf den Kölsch-Boom?

"Bei der Wicküler hatte man die Marktchance sofort erfaßt. Zuerst wollten die ja ihr Kölsch anderswo machen. Dagegen haben wir einen Prozeß geführt, den sie auch verloren haben. Zuerst hat Wicküler bei Früh im Lohnbräu brauen lassen. Aber die haben geglaubt, daß sie Kölsch auch in Wuppertal brauen könnten. Wie ich schon in ihrer Festschrift zu lesen war, hatten die schon 1893 eine Niederlassung am Holzmarkt, von wo aus sie schon damals Wicküler-Flaschenbier vertrieben. Das ging vor allem auf die Rheinschiffe der Köln-Düsseldorfer. Die Schiffe hatten fast ausschließlich Königsbräu und Wicküler."

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... Was geschah in den 60er Jahren, können sie sich erklären, wieso die Leute so plötzlich das Kölsch wiederentdeckt haben?

"Vielleicht ist das so zu erklären, als die Währungsreform kam, hat jeder erst einmal von seinen 40 D-Mark wieder ordentlich gegessen und getrunken. Meine Frau sagte zum Beispiel, ab jetzt esse ich keine Margarine mehr, nur noch "gute Butter" und trinke richtigen Bohnenkaffee. Das war die eine Seite und das führte dazu, daß die Leute mächtig zunahmen. Das hörte man damals bei allen, wo man hinkam. Als wir dann mit unserem spritzigen leichten Kölsch auf den Markt kamen und das überall propagiert haben kam der Umschwung. Und als dann das Kölsch auch noch von Ärzten gelobt wurde, die unsere Biersorte sehr positiv beurteilt haben, setzte sich der Gedanke fest, daß man nur noch diese eine Sorte getrunken hat und kein "schweres" Bier, wie Pils und Export. Die anderen Biere und das Kölsch hatten zwar immer denselben Alkoholspiegel und dieselbe Stammwürze, trotzdem wurde das Kölsch als "leichter" empfunden, weil es frischer schmeckte und sich leichter trinken ließ. Sogar die Ärzte gewannen wir als Bundesgenossen, die Kölsch als leicht und bekömmlich einstuften. Das war ein sehr wichtiges Argument auf der einen Seite, auf der anderen Seite entstand für meine Begriffe, durch den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder eine gewisse positive Atmosphäre für unser Bier."

... Es gibt einen Zeitpunkt, wo das Kölsch einen gewaltigen Schritt vorwärts machte,
wann war das?

"Das war Mitte der 60er Jahre und dabei spielte die Marke Küppers der Wicküler-Brauerei aus Wuppertal eine sehr wichtige Rolle. Die Wicküler-Küppers kam als erste groß mit Kölsch als Flaschenbier auf den Markt. Damit haben die zunächst einmal das Rennen gemacht und über ein Million Hektoliter Kölsch verkauft. Diese für unsere Verhältnisse gigantische Menge verhalf dem Kölsch endgültig zum Durchbruch, wir wurden von den anderen Brauern ernstgenommen. Nachdem 1969 auch der Name der Brauerei von Wicküler-Küpper Brauerei-AG in Küppers-Kölsch AG geändert wurde, hatte sich das Kölsch endgültig etabliert. Und die Sorte Kölsch wuchs beständig weiter.

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... Wie entwickelte sich denn die Rohstoffsituation in den 60er Jahren?

"Das war genau dasselbe wie in den 50er Jahren, als der Hopfen als Konzentrat verarbeitet wurde. Das kam ja von Amerika rüber. Die kauften ihren Hopfen hier in Deutschland und nahmen ihn mit rüber. Das lief über Holland ging dann nach Amerika. Der "amerikanische" Hopfenhändler Barth hatte das eingeführt. Die Hopfenhandelsfirma aus Nürnberg, sind zwar keine Amerikaner, aber einer der Teilhaber wohnt heute in New York. Diese Familie Barth, die kam ursprünglich aus Sachsen, aus Dresden. Sie haben schon ewig hier viele Kölner Brauereien mit Hopfen beliefert. Als dann das Hopfenkonzentrat aufkam, haben sich die Braumeister davor gefürchtet. Das war ja preislich gesehen ein Segen. Leider ist meine Diplomarbeit über den Hopfenhandel aus dem Mittelalter im Krieg abhanden gekommen, denn dafür habe ich mich immer sehr interessiert. Schade, daß der alte Schmitz-Otto nicht mehr da ist. Der wußte alles über den Hopfen, das sagten selbst die Hopfenbauern in der Hallertau. Ich kenne die zur genüge, ich habe da selbst eingekauft, da mußte man bis morgens 5.00 Uhr warten, ehe es zum Abschluß kam. Der Hopfeneinkauf ist eine äußerst diffizile Angelegenheit, da gab es riesige Preisunterschiede von Jahr zu Jahr, wenn ich nach heutigen Preisen rechnen würde. Der Zentner Hopfen kostete in einem Jahr ca. 4.000 DM und im nächsten Jahr nur 200 DM. Man stelle sich das einmal vor. Das war für die Brauereien natürlich eine üble Sache. Deshalb kam man darauf, Vorverträge abzuschließen". "Die bayrischen Hopfenbauern hatten einen Landrat, der hat es fertiggebracht, die Hopfenbauern unter einen Hut zu bringen und uns dann auch unter diesen Hut gestülpt. Das ging sogar über den Deutschen Brauer-Bund und auch die Regierung hat mitgezogen. Die Brauereien haben mit den Hopfenbauern langfristige Jahresverträge auf feste Beträge abschlossen, gleich ob der Hopfen in dem Jahr so ergiebig war und damit an sich wirtschaftliche Vorteile gebracht hätte oder ob er in einem Jahr nur gerade ausreichte, wo man dann noch in Tschechien hätte zukaufen müssen. Die Pilsbrauer haben für ihr Bier immer in Tschechien gewisse Hopfensorten zusätzlich gekauft. Aber das, worum es ging, davon haben heute die Hopfenbauern in Bayern noch ihre Vorteile. Das hängt damit zusammen weil es in Frankfurt eine Stelle gibt, die wenn man die Bilanz macht, angibt, wie der augenblickliche Durchschnittspreis des Hopfens ist. Danach wird der Bestand im Hopfen bewertet. Das ist gesetzlich geregelt. Wenn man zuviel bezahlt hat, kann man dann Abschläge einsetzen, um die Steuer etwas zu verkürzen. Dieser Landrat war scheinbar selbst ein Hopfenbauer. Die Hopfenhändler hatten die Brauereien so in die Hand, sie kauften den alten Hopfen auf und bekamen dann wieder neuen und so waren die immer abhängig. Ob der gelieferte Hopfen immer neuer war, war auch die Frage. Davon hing aber beim Kölsch der Charakter noch mehr ab als heute, das war noch eine sehr wichtige Sache. Daher auch die starken Geschmacksunterschiede in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg."

"Ich wollte noch auf etwas hinweisen. Wir haben eben von dem Hopfen-Konzentrat gesprochen. Ich kann mich noch auf die Zeit besinnen, als der Gebrauch der Hopfenkonzentrate in den Brauereien, noch von den Inhabern, die das Geld geben mußten, bestimmt wurde, und nicht von den Braumeistern. Die sollen ja immer gedacht haben, daß man damit wirtschaftlich besser auskommen kann, weil sich vor allen Dingen die Qualität über das ganze Jahr kontinuierlich hielt. Man darf nicht vergessen, wir hatten ja früher in der alten Zeit, wenn wir Hopfen im Sack gekauft haben, mitunter monatelang im Tiefkeller die Säcke stehen. Damals hat man die Keller noch nicht so gekühlt wie heute. Der Linde war zwar schon da, aber der hat nur Blockeis hergestellt. Dieses Hopfenkonzentrat wurde, nachdem die sich die Braumeister mit der Zugabe der Menge vertraut gemacht hatten, immer mehr genutzt. Es mußte ja erst alles ausprobiert werden, und das gleichmäßig über längere Brauprozesse, bis es immer besser wurde. Und die Braufachleute stellten dann fest, daß es viel ergiebiger war als man gedacht hatte."

"Ich kann mich noch erinnern, als ich noch ein Junge war, daß der Hopfen nicht feucht werden durfte. Im Sommer roch der Hopfen dann wie Katzendreck, die ätherischen Öle hatten sich dann umgesetzt. Da gab es beim Brauprozeß für die Braumeister immer wieder Pannen und eine Menge Erklärungen, wenn das Bier trüb war. Man darf nicht vergessen, wenn man heute in eine Brauerei kommt, was da für Filteranlagen und anderes technisches Gerät stehen. Früher hatte man Filter, da wurden die Tücher noch herausgenommen und gewaschen. Die Filter heute sind so dimensioniert, daß sie alles festhalten und sie werden natürlich regelmäßig erneuert."

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...Sie waren ja mit dem damaligen Oberbürgermeister Theo Burauen gut befreundet,
was war das für ein Mensch?

"Theo Burauen war ein sehr volksverbundener Mensch ohne sich anzubiedern. Er war Kölner durch und durch, was die Menschen ihm anmerkten, das brauchte nicht zu dokumentieren. Vom Bundesverband hatten wir einmal eine Tagung in Köln, da hat sich der Oberbürgermeister Burauen als Köbes angezogen und für die Anwesenden Bier gezapft. Hinzu kam, daß es seit Jahren im Rathaus bei den Empfängen immer nur Kölsch gab. Ich finde es zudem sehr traurig, daß es hier nicht gelungen ist, einen Ratskeller zu schaffen, wo unser Nationalgetränk Kölsch entsprechend zur Geltung kommt. Wenn ich da an Bremen denke, da zwar mit Wein, aber immerhin, kommt die Frage auf, ob das nicht hier auch möglich wäre. Ich weiß nicht, was es da für Verträge gibt, ich weiß nur, daß die momentane Situation (1990) die Stadt Köln sehr viel Geld kostet und wenig Repräsentation bringt. Die haben uns damals, als der alte Pächter Pleite ging, gesagt, eure Bedingungen so ein Lokal so zu führen sind so schlecht, daß ihr nie diese Miete hereinbekommt und dann haben sie dem neuen Pächter jahrelang einen erheblichen Nachlaß geben müssen."

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