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Das Bier und die Schiffahrt

Kranschiff

von Prof. Dr. med. Hans Schadewaldt

Einmal nur im Leben wird ein Nicht-Bremer zu der berühmten seit 1545 durchgeführten Schaffer-Mahlzeit geladen, die nach dem Aufbrechen des Eises auf der Weser ein Freundschaftsmahl der Reeder und Kapitäne darstellte, bevor diese sich wieder auf die große Reise begaben.

Ich hatte im vorigen Jahr das Glück, an dieser denkwürdigen Veranstaltung, die 5 1/2 Stunden dauert, teilzunehmen. Meine größte Überraschung aber war, daß nach dem Kredenzen kostbarer deutscher Weiß- und französischer Rotweine mitten in der langen Speisenfolge das sogenannte "Schaffer-Bier" aufgerufen wurde, das in besonderen Krügen nur für diesen Tag gebraut wird und von den Teilnehmern stehend, mit dem jeweiligen Gegenüber auf das Wohl der Seefahrt und der zur See fahrenden Menschen, getrunken wird. Natürlich hatte mich das Rezept dieses Bieres, das einen ungewöhnlichen süßen Geschmack hatte und außerordentlich eingedickt erschien, außerordentlich interessiert, und ich kam bald darauf, daß es sich dabei um ein uraltes Rezept der Seefahrt handelte, das speziell vor dem Auslaufen der Schiffe zur Verhütung des an Bord stets befürchteten Skorbuts eingebraut wurde; so habe ich durch eigenes Erleben dem Thema: "Das Bier und die Schiffahrt" eine besondere Komponente abgewinnen können.

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Nun ist in der Tat die Thematik "Alkohol an Bord" ein uraltes Problem der Seefahrt, und ich hatte mich in einem Vortrag im Jahre 1975 vor der von mir nunmehr geleiteten Deutschen Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte darüber ausführlich ausgelassen. Der Vortrag selbst ist in der Zeitschrift "Schiff und Zeit" jenes Jahres erschienen. Schon seit den Zeiten der Babylonier spielte an Bord der Fluß oder bei den Phöniziern auch der Seeschiffe das Bier - was man auch immer darunter verstand - eine besondere Rolle, denn die Flüssigkeitsversorgung war stets eine Crux der Seefahrt, und der verzweifelte Ruf eines Seemannes in einem heute weitgehend vergessenen englischen Epos von Samuel Taylor Coleridge aus dem Jahre 1798 "Water, Water everywhere, but note a drop to drink" wurde bei den langen Trips der Entdeckungsreisen in der Tat zu einem Verzweiflungsruf vieler Seeleute.

Es war also nicht, wie dies gelegentlich romantische Marinelieder glauben machen wollen, die Sucht der Seeleute nach dem Alkohol, die sich allenfalls während der kurzen Aufenthalte an Land bemerkbar machen konnte, wo die Seeleute nach entbehrungsreichen Wochen und Monaten ihre schwerverdiente Heuer in den nächsten Hafenkneipen auf den Kopf schlugen und auch nicht die gelegentlichen Exzesse an Bord, die als Entlastungsreaktion auf den außerordentlichen starken Druck durch die Überfüllung bei gereizten Besatzungs- und Messemitglieder zustande kamen, sondern die Einführung von Wein, Bier und gelegentlich von konzentrierten Alkoholika war nichts anderes als ein Versuch, die katastrophale Süßwasserversorgung zu verbessern.

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Dazu ein paar Worte zu diesem Thema, denn ein noch schwierigeres Problem als das des Transports der festen Nahrungsmittel, schon allein auf Grund der Kleinheit der damaligen Schiffe, die Flotte des Kolumbus betrug etwa nur pro Galeone 350 Tonnen, war das Hauptproblem der Ernährungsfragen die Wasserversorgung. Griechen und Römer konnten freilich ihren bescheidenen Trinkwasservorrat in Ziegenhäuten und Lederschläuchen an Bord mitführen. Sie hatten fast jeden Abend Gelegenheit, bei ihren Küstenfahrten an Land anzulegen und sich mit Frischwasser zu versorgen. Später bediente man sich großer Holzfässer. Man mußte immer wieder die Erfahrung machen, daß das Wasser faulte, trüb wurde, widerlich schmeckte und zu Epidemien aller Art Anlaß gab. Eigenartigerweise aber klärte dieses ekelhafte Getränk sich etwa nach dreiwöchiger Reise wieder auf und wurde dann relativ wohlschmeckend. Heute weiß man, daß Schwefelsäuren im salzigen Wasser von den organischen Holzbestandteilen zu Schwefelwasserstoff reduziert werden. Dieser, wie auch die Fäulnisbakterien werden von üblich wachsenden Algen verbraucht und dadurch kann das Wasser wieder klar werden. Verschiedene Gegenmaßnahmen wurden dagegen ergriffen, die Schwefelung der Fässer, das Verkohlen der Wandung, die Desodorierung durch Kohle und Kalkpulver und die Filterung.

1815 wurden eiserne Wassertanks eingeführt, aber nach wie vor blieb die Süßwassermenge sehr gering bemessen. 1/4 bis 1/2 Liter täglich, selbst in den Tropen, war die Regel. Mehr als 1 Liter pro Mann und Tag gab es kaum. Wenn man - wie ich - an Bord eines Tankers, der nach Arabien durch das Rote Meer fuhr, feststellen mußte, daß die Besatzungen der Maschine etwa 4 Liter Schweiß bei 4 Stunden Wache verloren, kann man sich vorstellen, daß diese Menge völlig ungenügend war. Ganz abgesehen davon, daß dann für die Körper- oder Kleiderreinigung keine zusätzlichen Wassermengen zur Verfügung standen. Natürlich versuchte man schon sehr früh, Trinkwasser - auch unterwegs - zu gewinnen. Die primitivste Methode war das Sammeln von Regenwasser in großen Segeln, aber in regenarmen Gegenden ein nur urzureichendes Verfahren.

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Ein anderes Vorgehen, das freilich nur für die arktischen und antarktischen Gegenden in Frage kam, und das 1671 zum ersten Mal angewandt wurde, war die Trinkwassergewinnung aus Eisschmelzwasser. Die größte Bedeutung jedoch kam den Versuchen zu, aus Meerwasser Süßwasser zu gewinnen. Ich will Sie aber mit diesem Verfahren hier nicht länger langweilen, denn unser Thema lautet ja "Das Bier und die Schiffahrt". Soviel sei noch gesagt, daß nach der Einführung von Destillationsverfahren behauptet wurde, das destillierte Wasser sei schädlich, was zum Teil insofern richtig war, als nun keine Mineralien mehr vorhanden waren. Sie werden sogleich feststellen, daß dies ein Vorteil des mitgeführten Bieres war. Weil das Wasser nun so schnell faulte, versuchte man, es entweder mit gewissen Patentrezepten länger haltbar zu machen oder bemühte sich, sogleich anstelle von Trinkwasser das wesentlich länger haltbare Bier an Bord mitzuführen, während die südlichen Marinen verständlicherweise die Weine vorzogen.

Welche Mengen man dabei mitführen mußte, läßt sich durch die Tatsache dokumentieren, daß z.B. auf den Schiffen der großen Weltexpeditionen oft zwischen 260 Mann Besatzung, wie auf der Flotte von Fernando de Magelhaes (1480-1521), sowie auf einem französischen Kriegsschiff 1637 eine Besatzung von 666 Mann mitfuhr. Man kalkulierte nämlich bei der Ausreise in der Regel ein Drittel Verlust durch Tod bei den großen Reisen nach West- und vor allem nach Ostindien ein so ist es kein Wunder, daß die Speiserollen jener Zeit oft doppelt so viel Bier- oder Weinmengen als Süßwasser mit angaben, während andererseits in späterer Zeit sogenannte Ceilolithen", Biersteine, die zur Herstellung eines Dünnbiers an Bord Verwendung fanden, mitgeführt wurden, womit dann das übelschmeckende Wasser in relativ wohlschmeckendes Bier verwandelt werden konnte. Wir werden nachher noch zu berichten haben, daß Bier aber nicht nur als besserer und wohlbekömmlicher Wasserersatz, sondern auch als medizinisches Prophylaktikum und Therapeutikum Verwendung fand.

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Es sei jedoch nicht verschwiegen, daß natürlich bei dem völligen Fehlen einer Heizung an Bord und bei den Reisen in unwirtlichen, kalten und nassen Gegenden oft Alkoholika als Anregungsmittel in Form von Bier, Branntwein, Rum oder Wein eine entscheidende Rolle spielten, und der heute noch in der Seefahrt bekannte Ruf "Besanschot an", der die ganze Besatzung an den Besaumast rief, wo der Kapitän mit einer Rumbuddel je nach dem Dienstrang einen Schnaps als Belohnung für das Reffen von Segeln in rauhen Winden ausschenkte, ist wohlbekannt. Um aber die da und dort auftauchende Trunksucht, die dadurch zustande kam, daß auch dem jüngsten Schiffsjungen eine entsprechende Menge Alkohol zustand, die dieser aber meistens gegen Lebensmittel an einen älteren Matrosen verkaufte, zu verhüten, hat 1740 der englische Admiral Edward Verkon die offizielle Rumration, die sogenannte "King's Allowance", die es bis vor kurzem bei der britischen Marine offiziell gab, mit der dreifachen Mengen Wasser vermischen lassen und diesem Getränk Zucker zugesetzt. Da der Admiral, der wegen dieser Maßnahme wenig beliebt war, ständig einen groben Rock, den sogenannten "grogram" trug, wurde das Getränk nach seinem Spitznamen Grog genannt. Es erfreut sich ja bis heute größerer Beliebtheit als zur Zeit seines Erfinders.

Auch ein zweites, in modernen Bars allerdings in anderer Zusammensetzung bekanntes Mischgetränk geht: auf die Marine zurück, der sogenannte "Flip", eine Mischung von Rum in Dünnbier. Der Name rührt davon her, daß man nach dem Genuß mehrerer Gläser glaubte, über den Hauptmast fliegen zu können. Es sei übrigens vermerkt, daß von diesem Dünnbier in günstigen Versorgungszeiten der Besatzung täglich 4-5 Liter zur Verfügung standen. Die Franzosen tranken dafür lieber 1/2 - 1 Liter Wein pro Tag, und um nur die Relation von Alkohol und Wasser an einem Beispiel zu erläutern, sei hier angeführt, daß die spanische Armada bei ihrer Expedition gegen Großbritannien 57.000 Liter Wasser, dagegen 82.000 Liter Wein mit sich führte. Man sollte auch nicht vergessen, daß es in jener Zeit ja noch keinen Kaffee zum Frühstück gab, sondern man sich mit Hafer- oder Gerstenschleim begnügen mußte.

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Ich hatte freilich nur am Rande die geistigen, konzentrierten Getränke gestreift. Ich möchte aber nicht verhehlen, daß ihre Verwendung an Bord natürlich auch schon beim Abusus zu Zwischenfällen geführt hatte j die das Bordleben erheblich belasteten. So hatte ein französischer Marinearzt und späterer Professor an der Marinemedizinschule in Brest Jean Baptiste Fonnssagrives 1854 kategorisch behauptet: "Die Trunksucht ist die Lepra der Matrosen. Sie ist der schmutzige Sumpf, in welchem sie ihre Gesundheit ersäufen und ihre intellektuelle und körperliche Kraft vernichten."

Dies trifft aber sicherlich nicht für die späteren Epochen zu; er hatte in der großen Zeit der Segelschiffe gelebt. Bei meinen eigenen Reisen konnte ich beobachten, daß die Seeleute am Tag an Bord 2-4 Flaschen Wein und gelegentlich einmal einen Schnaps zu sich nahmen. Bei der reduzierten Besatzung moderner Schiffe, welche die volle Aufmerksamkeit der Bedienung der zahlreichen komplizierten Apparaturen erfordern, wäre eine andere Haltung zum Alkohol nicht möglich, und immer wieder werden ja Stimmen laut, die eine Promillegrenze für Schiffsoffiziere und Ingenieure verlangen, wie sie im Autoverkehr schon längst üblich ist. Dabei aber wird eines vergessen, worauf die deutsche Seeberufsgenossenschaft meiner Ansicht nach vollständig zu Recht, hingewiesen hatte. Das Schiff ist jedoch für die Besatzung nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch ihr zu Hause. An Land würde niemand auf die Idee kommen, dem Bürger vorzuschreiben, was und wieviel er an alkoholischen Getränken nach Feierabend zu sich nehmen darf. Dennoch kann man beides nicht ganz miteinander vergleichen. Aus diesem Grunde setzt der § 13 der Unfallverhütungsvorschriften dem Alkoholgenuß an Bord vernünftige Grenzen. Danach kann die Alkoholausgabe an Bord individuell geregelt werden.

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Während auf den Flotten der südlichen Marinen das Weindeputat, das auch an Land selbstverständlich zu den Nahrungsmitteln gehörte, auch an Bord ohne weiteres zugestanden wurde, gab es bei den nördlichen Völkern Diskussionen über die Frage der Nützlichkeit oder Schädlichkeit alkoholischer Getränke, vielleicht auch deshalb, weil die nordischen Menschen weniger gut gelernt haben, mit Alkohol umzugehen. Es war jedoch bald bekannt, das nicht nur das stinkende, unansehnliche Trinkwasser erst durch alkoholische Getränke oder seine Verwandlung in Schiffbier trinkbar gemacht werden konnte.

Bald nach Beginn der Entdeckungsreisen wurde überdies bekannt, daß Trinkwasser ein gefährliches Reservoir für verschiedene Infektionskrankheiten sein konnte, und so griff man sehr gern auf alkoholische Getränke, nicht zuletzt auch auf das Bier, zurück, die nicht zu derartigen Veränderungen neigten und offensichtlich sehr viel seltener zu Magen- und Darminfektionen Anlaß gaben. Diese Besonderheit des Bieres ist mit Recht noch einmal während der Choleraepidemien im 19. Jahrhundert herausgestellt worden, wo ja nicht nur von Bierbrauern, sondern auch von der Ärzteschaft vor dem Genuß von Wasser gewarnt und statt dessen die Verwendung von Bier oder Wein empfohlen worden war.

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Offensichtlich hat die Herstellung des Bieres aus gemälztem Getreide in Verbindung mit dem durch die Hefe erzeugten Gärungsvorgang und einer allfälligen Entpasteurisation diesen gefährlichen Erregern den Garaus gemacht. Aber im Gegensatz zu den immer wiederholten Klagen der Trunksucht an Bord, die schließlich sogar dazu führten, daß bis zum heutigen Tage bei der amerikanischen Kriegsmarine der Ausschank von Alkohol an Bord verboten ist und nur der Schiffsarzt einen bescheidenen Bestand an Whisky und Gin verfügen darf, war das Bier sehr wohl auf den Schiffen angesehen. Dort wo kein Wein zur Verfügung stand, stellte sich bald heraus, daß gegorene Getränke sehr viel besser als das Süßwasser haltbar waren, und nach Bier kam es kaum zu den beschriebenen Epidemien.

Im Allgemeinen wurde es von allen Besatzungsangehörigen bedauert, wenn die Bierration im Laufe einer langen Reise gekürzt werden oder dann sogar durch das schlechte Süßwasser ersetzt werden mußte. In der ältesten mir vorliegenden Speiserolle der Royal Navy von 1691 wird z.B. pro Besatzungsmitglied jeden Tag eine Gallone Bier, das wären nach dem damaligen Maß 3,7 Liter, vorgesehen. Freilich handelte es sich hierbei um das schon erwähnte, sehr leichte Dünnbier, das nicht mehr als 1-1,5 % Alkohol enthalten haben dürfte. Daß aber diese erstaunlich große Menge kein Privileg der englischen Marine war, dafür spricht auch die Speiserolle des sogleich nach der Indienststellung 1630 gesunkenen schwedischen Kriegsschiffes "Wasa", wo pro Mann der Besatzung im Monat 96 Liter Bier, das wären je Tag 3,2 Liter, vorgesehen waren. Schon vorher hatte der Herzog Philipp von Kleve, der von 1485 bis 1502 als Admiral eine Flotte befehligte, in seinem "Kriegsbuch" für jeden Mann der Besatzung der Flotte im occidentalischen Meer 1 1/2 Maß Bier, das sind etwa 3,27 Liter, ausgegeben. Die Vorräte an Bier waren übrigens auch hier sehr viel größer als die an Frischwasser. 750 Ohm Bier standen 125 Wasserfässer gegenüber. Ein Ohm dürfte 135 Liter, ein Wasserfaß etwa 100 Liter enthalten haben.

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Das von europäischen Ausgangshäfen in der Regel in Fässern mitgeführte Bier hielt allerdings nicht allzu lange und wurde deshalb sogleich nach dem Auslaufen ausgegeben, und die eben erwähnten, relativ hohen Biermengen konnten also nur auf einem Teil der Reise verabfolgt werden. Man rechnete in der Regel damit, daß das Bier bei günstigen Wind- und Strömungsverhältnissen auf der Ausreise nach Ostindien bis zum Wendekreis des Steinbockes reichte, und die Seeleute teilten ihre Reisen oft in bierhaltige und bierfreie Passagen ein. Andererseits gingen die Vorräte natürlich bei einer starken Belegung der Schiffe mit Söldnern schon früher aus. Wir erfahren z.B. von einer Ausreise mit Soldaten nach Nordamerika, die am 27. März 1777 begann; am 30. Mai wurde das letzte Bier ausgegeben, am 3. Juni langte man nach einer Seereise von 69 Tagen in den USA an. Der Biervorrat hatte also 65 Tage gereicht.

Der deutsche Beamte Wurfbain berichtete während seiner Überfahrt mit einem Schiff der OstIndischen Compagnie nach Ostasien im Jahre 1632, daß in den ersten drei Monaten täglich 3/4 Maß Bier, aber kein Trinkwasser ausgegeben wurde und daß nach dieser Zeit die Bierration auf 315 Maß gekürzt wurde. Vom vierten Monat ab gab es gar kein Bier, sondern nur noch Trinkwasser von sehr geringer Qualität. Verständlich, daß Wurfbain, bevor er 1646 wieder nach Europa zurückreiste, sich mit seinen Gästen in Batavia mit einem großen Branntweinvorrat eingedeckt hatte.

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Während an Land bekanntlich seit 1516 das erste Reinheitsdekret des Bierbrauens j das auch heute noch immer wieder zitiert wird, beachtet wurde: "Ganz besonders wollen wir, daß forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gerste, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen", wurde natürlich an Bord nicht nur für die Herstellung des Dünnbieres, sondern auch um bestimmte gesundheitsfördernde oder die Gesundheit wieder herstellende Biersorten zur Verfügung zu haben, davon abgesehen. Dennoch sahen die Flottenbefehlshaber oft sehr genau darauf, daß nur einwandfreies Bier an Bord mitgeführt wurde. Als Beweis gelten die Anordnungen des Prinzen von Oranien für seine Schiffsflotte aus dem Jahre 1673, wo es unter dem § 6 hieß: "Solle man sorgfältig sein, damit das Bier guten Hopfen habe, wohl gekochet und mit einem Monat Martii oder Aprilis, auch wohl im September oder Oktober, weil es besser dauern kann und so leicht nicht stinket, gebrauet werden".

Eine bedeutsamere Rolle neben dem Ersatz des Trinkwassers spielte das Bier aber zur Prophylaxe von typischen Schiffskrankheiten. Hier sei an erster Stelle der Skorbut genannt, die zweite Geißel der Seefahrt, zu dessen Vermeidung eine Fülle von ärztlichen Ratschlägen ausgearbeitet worden war. Zu ihnen gehörte das sogenannte "Sprossenbier". Es ging nämlich auf Beobachtungen zurück, die der Entdecker des Labradorstromes, der französische Seefahrer Jacques Cartier machen konnte. Als Cartier im Jahre 1545 auf der Reise nach Neufundland mit seinem Schiff im Sankt-Lorenz-Strom überwintern mußte, stellte sich eine bisher bei den Seefahrern unbekannte Erkrankung ein, denn von 110 Mann der Besatzung wurden nur 3 nicht krank, 25 starben. Man war an Bord allgemein vom Ausbruch einer Pest überzeugt, wohl durch die auffälligen Hautblutungen irregeleitet. Auffällig war auch das Lockerwerden und Ausfallen der Zähne. Nachdem ohne Erfolg alle möglichen Heilmittel ausprobiert worden waren, nahmen die Kranken auf Anraten von Indianern Nadelspitzen des Thujabaumes zu sich, und viele genasen. Seither wird er der Lebensbaum genannt, und so gehörten noch Jahrhunderte später Tannennadelspitzen zum Repertoire der Skorbutbehandlung und wurden ganz besonders gern als Sprucebier dem Wein beigemischt, dem man dadurch eine antiskorbutische Wirkung verschaffen wollte.

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Nun galt der Wein, wie wir gleich noch zeigen werden, sowieso schon als ein wirksames, bei bestimmten Krankheiten erfolgreiches Hilfsmittel. Als aber dann der Einfluß frischer Kräuter - erstmals um 1560 hatte der Greifswalder Arzt Franz Joel I. die Brunnenkresse als Antiskorbutikum bekannt gemacht, auch das sogenannte Scharbockskraut lateinisch Cocearia, oft auch Löffelkraut genannt, sowie Meerrettich und Senfkraut wurden gern verwendet - so hat man auch diese Vorbeugungs- und Heilpflanzen in das sogenannte "Tannenbier" getan. Als aber dann, nicht zuletzt durch berühmte Auslaßversuche des englischen Schiffsarztes James Lind im Jahre 1747 deutlich wurde, daß gegen den Skorbut nur Zitronensaft und in geringerem Masse Apfelwein wirksam waren, begann man diese Substanzen dem Schiffsbier zuzusetzen, das man übrigens schon vorher durch Zuckerzusatz und Kochen auf ein kleineres Volumen eingedickt hatte, wodurch das Bier den von mir erwähnten, heute noch bei der Schaffermahlzeit festzustellenden stark süßen Geschmack erhielt. So ist also jahrhundertelang, zumindest bei nordischen Marinen, wie der britischen und der holländischen, das Schiffsbier ein fester Bestandteil des Bordproviants gewesen.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß bereits im alten Babylon, wie schon erwähnt, das Bierbrauen eine hohe Perfektion erlebt hatte. Etwa 20 verschiedene Biere waren bekannt, 8 aus reinem Emmer, einer mittelalterlichen Weizenart, 8 aus reiner Gerste, die übrigen waren Mischbiere, die man etwa als Dünnbier, feines Weißbier, gutes Schwarzbier, rohes Bier, Luxusbier, ja sogar schon als Lagerbier deklarieren kann, weil es bis nach Ägypten exportiert wurde.

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Eines der ältesten Rezepte gegen Zahnschmerzen mußte im Übrigen mit Bier bereitet werden.
Es lautete:

Nachdem Anu den Himmel geschaffen hatte,
Schuf der Himmel die Erde,
Die Erde schuf die Flüsse,
Die Flüsse schufen die (Bewässerungs-)Kanäle,
Die Kanäle schufen die Moraste,
Die Moraste schufen den Wurm.
Da kam der Wurm weinend zu Schamasch (dem Sonnengott)
Vor Ea (ursprünglich der Gott der Wassertiefe) kamen seine Tränen:
Was willst Du mir zur Nahrung geben,
Was willst Du mir geben, um es zu zerstören ?
Reife Feigen will ich Dir geben
Und das Fleisch von großen Feigen.
Was sollen mir reife Feigen,
Und das Fleisch von großen Feigen
Erhöhe mich und zwischen die Zähne
Und das Zahnfleisch setze mich
Daß ich verschlucke das Zahnblut
Und vom Zahnfleisch den Knorpel nage -
Mache den Bolzen fest, binde den Fuß (des Opfers)
Da du das gesagt hast, Wurm,
Möge Er dich mit der Kraft ihrer Faust schlagen.

Dies ist das Zauberritual:
Mische Bier, die Sakilbir Pflanze und Öl zusammen
Wiederhole darauf den Zauberspruch dreimal
Und lege es auf den Zahn.

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Selbstverständlich haben auch die Kelten und Germanen eifrig Biere gebraut. In den nordischen Göttersagen spielt ja bekanntlich dieser Met eine wichtige Rolle, und einen bedeutenden Anteil an der Entwicklung der Braukunst hatten in späteren Jahren in der christlichen Epoche die Klöster, bis schließlich das Brauen eines reinen Bieres, wie schon erwähnt, 1516 von Herzog Wilhelm IV. von Bayern 1516 in Ingolstadt als Gebot für das gesamte bayerische Land verkündet wurde, ein Reinheitsgebot, das übrigens 1906 gesetzlich für das gesamte damalige Deutsche Reich übernommen wurde und bis heute gilt, obwohl verschiedene Versuche unternommen wurden, im Zuge der EG-Angleichung dieses Gebot zu durchlöchern.

Überall da, wo man sich mit der prophylaktischen und heilsamen Wirkung des Bieres, vor allem in Medizinerkreisen beschäftigte, wurde schon längst bevor es die Berechnung der Nahrungsmittel in Kalorien gab behauptet, daß Bier ein wertvolles Nahrungsmittel sei, und tatsächlich entspricht der Kalorienwert zwischen 450 und 700 pro Liter durchaus diesen Vorstellungen. Daß darüber hinaus noch zusätzliche Wirkstoffe, insbesondere Vitamine und Mineralien, ohne die medizinisch zugesetzten Substanzen eine Rolle spielten, ist sicherlich auch schon früh erkannt worden, zumal tatsächlich 1938 Untersuchungen von Pionka ergeben hatten, daß in Tierversuchen beim Vergleich von ungegorenem Malzextrakt, der Würze, und dem gegorenen Endprodukt, dem Bier, sich bei Ratten zeigte, daß die nichtgegorenen Versuchsmengen keine besondere Gewichtszunahme der Ratten ergaben, hingegen die mit Bierzulagen gefütterten Tiere eine außerordentliche derartige Zunahme zeigten, obwohl beide Versuchsdiäten im Kaloriengehalt gleichwertig waren und sich nur durch das Fehlen bzw. Vorhandensein des Gärungseffektes unterschieden. Auch der geringe Alkoholgehalt reichte zur Erklärung dieses Unterschiedes nicht aus. Man nahm vielmehr damals an, daß bei bestimmten enzymatischen Prozessen Extraktstoffe besser aufgeschlossen würden und daher die Assimilation der kalorienhaltigen Bestandteile wesentlich verbessert worden waren.

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Ich will aber hier nicht weiter über derartige experimentelle Untersuchungen berichten, sondern noch einmal auf die einfache Tatsache hinweisen, daß in Ärztekreisen das nach althergebrachten Rezepten gebraute Altbier, wie es in Düsseldorf heißt, oder das Kölsch offensichtlich von vielen Patienten besser vertragen wurde und sogar das dunkle Bier bei bestimmten Steinerkrankungen der Niere und der Harnwege lange Zeit von Ärzten als Prophylaktikum empfohlen worden war. Selbst in einer Schrift des berühmten Christoph Wilhelm Hufeland, dessen Werk "Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" bis in unsere Zeit immer wieder neu aufgelegt wurde und das auch heute von außerordentlicher Aktualität ist, hat in einer Broschüre gegen den Mißbrauch des Alkohols aus dem Jahre 1804 empfohlen, den in der Medizin häufig verwandten Branntwein doch besser in Weinländern durch den Wein, in anderen durch ein gutes Bier zu ersetzen, das weit heilsamer und zweckmäßiger wäre als der Branntwein, und die Regierung würde demnach weit besser tun, für guten und wohlfeilen Wein und Bier zu sorgen, als die Branntweinbrennereien und Boutiquen zu vervielfältigen. Und schon 1672 hatte der Arzt Johann von Bererwyck in seinem "Schatz der Gesundheit" unmißverständlich behauptet: "Wohlgesotten Bier, und das ist klar, doch nicht zu jung und nicht zu alt, ist allen Menschen dienlich zu trinken".

Ich habe natürlich heute bei dieser Gelegenheit vor allem die positiven Stimmen, die Mediziner über den Biergenuß, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Verwendung bei der Schiffahrt, erhoben haben, zitiert. Selbstverständlich könnte ich, und darüber habe ich auch eine größere Arbeit verfaßt, die Warnungen vor den Gefahren des Alkoholismus im allgemeinen, hier ausführlich erörtern, aber ich darf betonen, daß der Begriff der "Trunksucht", der analog der älteren Bezeichnung "Opiumsucht" 1819 von einem deutsch-russischen Arzt C. Von Brühl-Cramer aufgestellt wurde und dessen Werk kein Geringerer als der schon im positiven Sinne zitierte Hufeland ein Vorwort voranstellte, nun als eigenständiges Krankheitsbild der älteren lateinischen Bezeichnung "Ebrietas" = Trunkenheit, gegenübergestellt wurde, das aber erst im Jahre 1852 die heute in diesem Zusammenhang diskutierten Begriffe "Alkoholismus" und "Alkoholkrankheit" durch einen schwedischen Autor Huss aufgestellt worden sind.

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In der Tat hat sich erst mit der Ausbreitung des Branntweintrinkens, insbesondere bei dem neuen Stand der Arbeiter, in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Änderung in der Auffassung von der Wertigkeit des Alkohols in der Medizin ergeben, denn noch 150 Jahre früher gehörte das Bier in vielen Krankenhäusern sozusagen zur selbstverständlichen zusätzlichen Diätetik, insbesondere dann, wenn es sich um fieberhafte Infektionskrankheiten handelte. Den Privatpatienten konnte man Champagner verschreiben, der normale Mann von der Straße hingegen konnte erfolgreich mit Bier bezüglich seiner Kreislaufsituation stabilisiert werden, und noch ein weltberühmter Internist Sir William Osler hatte noch in seinem in vielen Auflagen überall vertriebenen Hauptwerk sich abfällig über die hohe Typhussterblichkeit in den Anstalten geäußert, in denen man auf die Verwendung von Bier bzw. Champagner aus religiösen oder auch wohl schon ideologischen Gründen verzichtete.

Man kann davon ausgehen, daß um 1873 etwa 95 % der Kranken in den meisten Krankenanstalten zusätzlich diätetisch Bier erhielten. Welche Bedeutung das Bier als zusätzliches Stärkungsmittel besaß, geht auch noch daraus hervor, daß in dem ab 1860 zum Modebad gewordenen Tuberkulosehöhenkurort Davos zwar die in jener Zeit sehr beliebte Milch- oder Molkekur, von der man sich einen wesentlichen Einfluß auf das Krankheitsbild der chronischen Tuberkulose versprach, neben den Liegekuren eingeführt wurde, aber der mäßige Genus s reinen unverfälschten Weines und gut gegorenen Bieres empfohlen wurde, denn es träte dabei häufig ein großartiger Appetit auf, und bei Patienten, die eine Aversion gegen Milch entwickelten, könnte ihr Ersatz durch Bier mit Erfolg verwendet werden. Auch eine Kombination beider Flüssigkeiten, eine uns heute weniger sinnvoll erscheinende Zusammenstellung, wurde empfohlen.

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Aber kehren wir noch einmal zur Schiffahrt zurück, denn, wie erwähnt, war dort das Sprucebier nicht nur mit Zusatz von Tannennadeln, sondern durchaus auch mit anderen Ingredienzien zur Würzung-, zur Aromatisierung oder zur Verstärkung der Bitterstoffe, sehr geschätzt. Man nannte derartige mittelelterliche Biere in Deutschland "Boddelbier" und glaubte, diese pflanzlichen Aromatika zur Haltbarmachung ebenso beisteuern zu können, wie den eigentlich erst im Spätmittelalter verwendeten Hopfen. Eine besondere Gruppe war das "Skrutbier" in Norddeutschland, zu dessen Herstellung zwei Pflanzen herangezogen wurden, der Gagelstrauch, Myrica galee, wegen seines aromatischen Geruchs in den Torfmooren, aber auch in den Niederlanden zu finden, und der Porst, Letum balustrae, der aber auch oft durch Myrte, wilden Rosmarin ersetzt wurde, aber offensichtlich gefährlicher war, weil er gewisse toxische Inhaltsstoffe hat und damit die berauschende Wirkung des Bieres erhöhte. Weitere Kräuter waren Absinth, Rosenblüten, Salbei, Isop, Beifuß, Lavendel und Kardobenediktenkraut, die ausführlich von den Ärzten jener Zeiten in ihren Monographien bezüglich der Vorteile von Gewürzbieren diskutiert wurden. Auch Wermut, Bitter- und Fieberklee, die Melisse, Hirschzunge, Ochsenzunge, Polei angelicaj Enzian, Wacholderbeeren, Johanniskraut oder ein allerdings sehr gefährlicher Zusatz von Taumelloch vor dem freilich fast immer gewarnt wurde, waren weitere Ingredienzien, und es war nicht selten, daß die Apotheken sozusagen nebenher als Bierausschank verwendet wurden, ja es gibt Verordnungen aus dem 16. Jahrhundert, die in den Apothekenstübchen ein Vorbeugemittel gegen das Laster der Vollsauferei gesehen haben.

Mir ist vor einiger Zeit eine originelle Verteidigungsschrift des Biergebrauchs für medizinische Zwecke vor Augen gekommen. Es war von dem Apotheker Christoph Trew in Lauf bei Nürnberg 1680 in den Druck gegeben worden mit dem Titel "Entschuldigung der unschuldig beschuldigten Ceres zu Lauff vermittels eines kurzen, jedoch wahrhaften Berichts von des Lauffer Bieres Bereitung unschädliche Eigenschaft, guter Kraft und Wirkung und der Gesundheit wohl gedeihlichen Brauch, einfältig, doch getreulich und aufrichtig erklärt und ans Licht getragen". Hierin wurden nun alle Argumente, die ich zum Großteil schon erörtert hatte, noch einmal in barocker Sprache aufgeführt, von dem Wasser, das zu dem Bier kommt, von der Bedeutung der Brunnen, des Malzes und auch des um Lauff wachsenden Hopfens, der Auswahl und der Kunst des Hefezusatzes, des Sottens und Brühens in den sogenannten Mastkuffen, der Bereitung der Bierwürze sowie der Konservierung in entsprechenden Holzfässern, und es folgt dann eine hier allerdings nicht mehr zu behandelnde Erläuterung der Wirkung dieses Bieres auf den Patienten aus physiologischen und pathologischen Ursachen.

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Neben den verstockthitzigen Fiebern, der verstopften Milz, die übrigens eine Ursache des Skorbuts sein sollte, und dem Hand- und Fußzipperlein spielte neben der Gicht auch noch als Diuretikum eine große Rolle und hatte, so wie dies heute noch gelegentlich angenommen wird, einen positiven Einfluß auf die Gries- und Steinentwicklung der Niere und Blase. Schließlich sollte hier bei Weibspersonen die etwa von zurückgebliebenen Menstruis überfallen worden waren das medizinische Bier von Nutzen sein. Und er endet zuletzt mit einem Rat: "Der Trinkende aber hat gleichwohl seine Natur zu beobachten und das zu tun, was ihr anständig ist".

(Vortrag von Univ.-Prof. Dr. med. Hans Schadewaldt, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf vor der Jahresversammlung der NRW-Brauer im September 1990 im Küppers-Brauhaus)

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