1. zum Inhalt
Sie sind hier: Kölsch-Bibliothek > Geschichte der Traditionsbrauereien > Historie: Privat-Brauerei Heinrich Reissdorf GmbH & Co KG (Reissdorf Kölsch)

Privat-Brauerei Heinrich Reissdorf GmbH & Co KG (Reissdorf Kölsch)

Brauerei Heinrich Reissdorf

Wer die eigene Vergangenheit ignoriert, hat keine Zukunft - so lautet eine alte Lebensweisheit. Wenn also die Brauerei HEINRICH REISSDORF jetzt 100 Jahre alt wird, ist das ein guter Grund, sich der Anfänge zu erinnern und der eigenen Geschichte bewusst zu werden. Besonders, wenn diese Zeit in eine so ereignisreiche Periode wie die letzten 100 Jahre fällt. In diesen Zeitraum fallen die industrielle Revolution zum Ende des letzten Jahrhunderts, die beiden großen Weltkriege, die sozialen Spannungen der 20er und 30er Jahre, die gewaltige Anstrengung des Wiederaufbaus nach 1945 und die Konsolidierung des Erreichten bis zum heutigen Tag. Dann kamen die Einführung der Computer in Produktion und Verwaltung in den letzten zwanzig Jahren. Viele Mitwettbewerber, die vor 100 Jahren zur gleichen Zeit und im gleichen Metier angefangen haben, konnten diesen Weg nicht mitgehen, entweder durch äußere Einflüsse oder eigene Entscheidungen daran gehindert.

Die Brauerei HEINRICH REISSDORF hatte das Glück und die Kraft, allen widrigen Umständen zum Trotz ihren Werdegang bis heute erfolgreich durchzustehen und hofft, das Unternehmen nun auf dem neusten technischen Stand auch ins kommende Jahrtausend führen zu können. Auf so geschichtsträchtigem Boden wie dem urkölschen Severinsviertel soll auch in Zukunft, mit Hilfe modernster Mittel, das Produkt REISSDORF KÖLSCH hergestellt werden, das die für Köln so typische Erfolgsmischung aufweist, nämlich Tradition und Fortschritt.

Es begann in der Severinstraße. In den sogenannten Gründerjahren um die Jahrhundertwende schossen in der Stadt Köln die Brauereien wie Pilze aus dem Boden. Allein in den Jahren zwischen 1890 und 1910 wurden im Kölner Stadtgebiet 33 neue Braubetriebe errichtet. Darunter große, industrielle Aktien-Brauereien ebenso wie kleine handwerkliche Hausbrauereien. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Brauerei HEINRICH REISSDORF im Jahre 1894. Die meisten der damals gegründeten Brauereien sind heute verschwunden, andere haben überlebt. Der Gründer des Unternehmens, Heinrich Reissdorf, entstammte einer ursprünglich alteingesessenen Landwirtsfamilie, die als Halfen (Pächter) die Ländereien des Adels und der Kirche bewirtschafteten. Doch durch die Säkularisation unter Napoleon und eine nicht näher bekannte Unwetterkatastrophe mußten sie die Landwirtschaft aufgeben und andere Berufe ausüben. Die Familie von Heinrich Reissdorf war in Zieverich bei Paffendorf, heute Großgemeinde Bergheim, als Schmiede und Wagenbauer ansässig. Der älteste Sohn übernahm die Schmiede. Er selbst, als zweiter Sohn kam, wie viele andere auch, über seine Militärzeit nach Köln. Er hatte das Schneiderhandwerk erlernt und die Meisterprüfung abgelegt. Er heiratete Gertrud Cremer, Tochter eines bekannten Kölner Herrenschneiders.

nach oben

Nachdem er seine zwölfjährige Militärzeit absolviert hatte, ließ er sich in der Garnison- und Festungsstadt Köln als Uniformschneider nieder. Viele der damals in Köln lebenden preußischen Offiziere zählten zu seiner Kundschaft. In diesem Metier und dank seines ausgezeichneten Rufes brachte er es mit den Jahren zu Ansehen und Wohlstand. Als Fünfzigjähriger gründete er am 4.9.1894 auf dem inzwischen erworbenen Grundstück Severinstraße 51, an St. Magdalenen 28, die OBERGÄRIGE BRAUEREI HEINRICH REISSDORF, Köln. Unter der Bezeichnung HRA 423/1 wurde der Betrieb als Einzelhandelsunternehmen ins Kölner Handelsregister eingetragen. Gemeinsam mit seiner Frau Gertrud Reissdorf geb. Cremer leistete er die Aufbauarbeit der Brauerei HEINRICH REISSDORF. Er starb am 25.2.1901 in Köln. Nach seinem Tode führte Gertrud Reissdorf die Brauerei als Alleininhaberin bis zum Jahre 1908. Sie verstarb am 20.6.1908 in Köln. Der Fortbestand des Unternehmens war jedoch gesichert, denn das Ehepaar Reissdorf hatte fünf Söhne, Johann Hubert (geb.1874), Heinrich (geb. 1876), Hermann (geb. 1878), Friedrich (geb. 1880) und Carl Reissdorf (geb. 1883).

Alle waren in Köln geboren, doch ihre späteren Schicksale ließen sie ganz verschiedene Wege gehen. Johann Hubert verstarb 1949 in Philadelphia/USA, Hermann wurde 1915 im 1.Weltkrieg in Tahure in Frankreich vermißt und Carl kam beim letzten Bombenangriff auf Köln am 2.3.1945 ums Leben. Heinrich Reissdorf, der lange Jahre in der Brauerei tätig war, starb 1952 auf einer Reise in Heidelberg, wurde aber in Köln beerdigt. Friedrich Reissdorf starb nach einem langen, arbeitsamen Leben 1953 in seiner Vaterstadt Köln. Der älteste Sohn Heinrich Reissdorfs, Johann Hubert schied aus der Firma aus, er emigrierte um 1900 in die USA. Die anderen Söhne Heinrich, Hermann, Friedrich und Carl Reissdorf wandelten 1908 die Firma in eine OHG um.

Als man 1923 die Produktpalette der Brauerei um untergärige Biere, wie Pils, Märzen und Export erweiterte, wurde das Unternehmen in BRAUEREI HEINRICH REISSDORF - OHG umbenannt. Heinrich kümmerte sich um das Kaufmännische, Friedrich und Carl Reissdorf teilten sich den Innen- und Außendienst. Doch auch die "Reissdorf-Frauen" taten ihre Pflicht. im Kriegsjahr 1917, als die Männer im Felde waren, leitete Katharina Reissdorf, Frau von Friedrich Reissdorf die Brauerei. Beide hatten drei Söhne: Heinrich Reissdorf - er verunglückte 1936 tödlich in der Brauerei und die heutigen Gesellschafter Dipl. Brau-Ingenieur Hermann-Josef und Kaufmann Karl-Heinz Reissdorf. Sie führten die Brauerei in die Zeit nach dem 2.Welkrieg. Ihnen zur Seite, als Gesellschafter, steht nun schon die vierte Reissdorf-Generation. Uta Reissdorf, die Tochter von Karl-Heinz Reissdorf, und Michael von Rieff, Stiefsohn von Hermann-Josef Reissdorf. Kontinuität und Sinn für das Notwendige sind die Tugenden, die es möglich machten, daß die BRAUEREI HEINRICH REISSDORF heute ihr 100-jähriges Bestehen feiern kann.

nach oben

Die gute alte Zeit, ein Glas Kölsch für einen Groschen. In der Erinnerung verklärt sich oftmals die Vergangenheit, man spricht von goldenen Zeiten. Doch in Wirklichkeit waren die Zeiten genauso erfüllt mit harter Arbeit und täglichem Kleinkram wie heute. Wie sahen nun die Anfänge der Brauerei HEINRICH REISSDORF aus, wie ging es zu in einer Brauerei um die Jahrhundertwende? Dank einer Fotomontage aus dem Jahre 1902 kann man einige Fakten ersehen, den Rest findet man in alten Bier- und Rohstoffrechnungen. Im Mittelpunkt der Fotografie, sitzt vor fünf großen Fässern die Prinzipalin Gertrud Reissdorf. Um sie herum vier ihrer Söhne (außer Carl Reissdorf), der Prokurist Teller und die rund zwanzig Mitarbeiter. Die brautechnische Hierarchie lautete: Oben in der Rangfolge stand der Braumeister, ihm folgte der Oberbursch, und an dritter Stelle der Biersieder, auf unserem Bild Sepp Neumaier, der bis nach dem 2.Weltkrieg im Hause tätig war. Dahinter erkennt man den mehrstöckigen Bau der Brauerei mit drei Kaminen und links unten die imposante Fassade des REISSDORF-Brauhauses. Das Fuhrpersonal für die drei einspännigen Bierwagen und den Eislieferwagen wartet am unteren Rand des Bildes auf die Abfahrt in die Kundschaft. Eine damals übliche Brauhaus-Postkarte weist ein Schild am Dach der Brauerei auf: Kühlschiff für 8500 Liter. Im Anschluß an das Sudhaus befand sich, in die Brauerei integriert, eine Kegelbahn, davor ein kleiner Biergarten. Vor dem Haus auf der Severinstraße fuhr die Pferdebahn entlang. Ursprünglich gab es im Reissdorf-Brauhaus für das "einfache Volk" eine separate Kölsch-Schänke, "En dr Pooz", wo Obergäriges gezapft wurde. Die "Pooz" (Pforte) war die ehemalige Einfahrt zur Brauerei. Dort mußten die Gäste, die Wandtische hochklappen, um die Fahrzeuge, die nach hinten in die Brauerei wollten, passieren zu lassen. Im Brauhaus nebenan saß das bessere Bürgertum. In der Mitte des Saales stand ein großer Eisenofen, der obenauf ein Wasserbad wärmte, in dem Gäste mit empfindlichem Magen ihr Bier temperieren konnten.

Normalerweise blies der echte Kölschtrinker den damals grobporigen Schaum vom Bier und trank dann mit Genuß. Überwacht wurde der Brauhaus-Betrieb aus dem "Thekenschaaf", der Kasse, meistens von Frau Katharina Reissdorf und dem Frl. Jansen, die mit Argusaugen die Köbesse im Blick hatten. Nach dem 1.Weltkrieg wurde das Brauhaus von einem Pächter betrieben. Erster Gastronom war Fritz Weber, dem Carl Neufeind, der vorher im Außendienst tätig war folgte. 1925 wurde das Brauhaus, der Zeit gemäß umgebaut. Es gab jetzt ein großes Restaurant mit einem Saal für festliche Anlässe. Man trank untergäriges Pils, Märzen und Export, der Pächter war Heinrich Keunecke. Dann folgten bis zur Zerstörung im 2.Weltkrieg die Herren Claes und Josef Greiner mit seiner Frau Creszenzia. Der Bierausstoß betrug in der Vorkriegszeit 15.000 hl, von denen 3-4.000 hl im REISSDORF-Brauhaus und im Brauerei-Auschank in der Hermann-Becker-Straße ausgeschenkt wurden. Pferdefuhrwerke lieferten bis nach Bergheim aus, und mit der Eisenbahn transportierte man Bier bis nach Essen und Krefeld. Die Brautechnik hatte durch die Erfindungen zu Ende des 19.Jahrhunderts ein so hohes industrielles Niveau erreicht, daß die in die Großstädte strömenden Neubürger mit immer gleich gutem Bier versorgt werden konnten. Die Zukunft des Bieres als Massen-Konsumgut hatte begonnen. Das Glas Kölsch für einen Groschen, das konnten sich fast alle leisten. Vielleicht war es diese Tatsache, welche diese Zeit in einem so glorifizierenden Licht erscheinen läßt.

Ab 1923 gab es eine einschneidende Veränderung in der Bierproduktion, die zwar politischen Ursprungs war, aber die gesamte Technik umkrempelte. Die Besetzung des Ruhrgebietes durch die französischen Siegermächte und die dadurch fehlende Lieferung von Steinkohle, um die Dampfkessel zu befeuern, zwang die Brauer zu einem Wechsel der Energieversorgung. Anstatt der Steinkohle wurde nun Elektrizität als Antriebsenergie verwandt. Doch auch mit diesem Problem wurde man fertig, man stellte auf Elektromotoren um. Es ging eben doch nicht alles so glatt - in der "Guten alten Zeit". Zwischen den Beiden Weltkriegen war Alfons Günther der Oberbrauer, dessen Nachfolger ab 1938 bis zur Ausbombung war Franz Möginger.

nach oben

... und neues Leben blüht aus den Ruinen

Der 1.Weltkrieg und die sozialen Unruhen der Weimarer Republik waren schon schlimm für die Bürger, aber doch nur eine Lappalie gegen das, was den Deutschen und speziell den Kölnern noch alles bevorstehen sollte. Schon der erste große Luftangriff im 2.Weltkrieg, am 30.5.1942, der sogenannte "1000 Bomberangriff" legte die Kölner Innenstadt in Schutt und Asche. Fast 500 Menschen starben, mehr als 45 000 wurden obdachlos. Die Brauerei in der Severinstraße blieb diesmal verschont. Doch der Krieg fordert auch von ihr seinen furchtbaren Tribut. Carl Reissdorf kam noch am letzten Tag des Krieges ums Leben. Er starb wahrscheinlich im Bombenhagel und wurde nie gefunden. Insgesamt wurde die Brauerei siebenmal von Bomben getroffen. Der schlimmste Schlag war der große Angriff am 2.3.1945. Bei Ende des Krieges war sie zu 90% zerstört, das Brauhaus an der Severinstraße dem Erdboden gleichgemacht. Hermann-Josef Reissdorf kehrte, nachdem er im Krieg schwer verwundet worden war am 15.6.1945 aus der Gefangenschaft nach Köln in die Brauerei zurück und begann sofort mit dem Wiederaufbau. Mit Vater Friedrich Reissdorf, Onkel Heinrich Reissdorf, Bruder Karl-Heinz und einigen treuen Helfern, ehemaligen Mitarbeitern, wurde in der Brauerei mit einfachsten Mitteln, aber mit viel Organisationstalent und Phantasie der Braubetrieb wieder in Schwung gebracht. Zuerst setzte man aus den eigenen, intakt gebliebenen Brunnen die allgemeine Wasserversorgung für das gesamte Viertel in Betrieb. Elektrizität besorgte man mit amerikanischer "Kabelhilfe" vom Umspannwerk in der benachbarten Ohmstraße am Bonner Wall. Der Gärkeller hatte den Krieg überlebt und Kessel und Pfanne wurden, trotz 21 MG-Durchschüssen, mit einfachsten, primitiven Mitteln wieder funktionsfähig gemacht. Hopfen und Malz stammten aus Restbeständen unter den Trümmern und aus normaler Backhefe wurde Brauhefe. Die lange unbenutzten Bierfässer wurden von Hand mit kaltem Wasser und Rheinsand sauber gescheuert. Am 15.7.1945 wurde bei REISSDORF der erste Sud Bier nach dem Kriege in Köln gebraut. Es war zwar keine "Premium" Qualität, doch ein Schankbier mit 6% Stammwürze machte den Überlebenden wieder neuen Mut und half ihnen den harten Alltag zu vergessen. In gesamten Kölner Stadtgebiet gab es zu dieser Zeit lediglich 50 Kneipen. Die Brauerei HEINRICH REISSDORF belieferte noch fünf. Der normale Arbeitstag dauerte für alle in der Brauerei viele Stunden und Hermann-Josef Reissdorf rührte eigenhändig die Würze im Sudhaus. Während dieser Aufbauzeit schlief er in einem der wenigen unzerstörten Räume in der Brauerei auf alten Hopfensäcken. Doch dieser Einsatz lohnte die Mühe, wenn auch einige Rückschläge, wie Verhaftung und Hausarrest durch die englischen Besatzer die Entwicklung zu behindern drohten. Mit Glück und Geschicklichkeit wurden diese Probleme überwunden. Ab August 1945 wurde dunkel-süßes und helles Einfachbier gebraut und ab Mai 1946 sogar schon in Flaschen abgefüllt. Die Vorwährungszeit bescherte den Kölnern allerdings ab Oktober 1946 auch einige Bierkuriositäten. Bedingt durch den allgemeinen Rohstoffmangel und die Zwangsbewirtschaftung der Siegermächte entstanden "Ersatzbiere" auf Molke- und Gerstenbasis. Diese hießen "Hopfenblümchen" oder "Gerstenstroh", bei der Brauerei HEINRICH REISSDORF hieß diese "Biermarke" ironisch "Colonia-Quell". Mit Hilfe der ganzen Familie und guten Freunden gelang es so nach und nach, den Braubetrieb mit brauchbarem Gerät wieder langsam in Gang zu setzen. Die englische Besatzung erlaubte auf Grund fehlender Hopfen- und Malzkapazitäten im Gegensatz zu den Amerikanern und Franzosen keine Herstellung von Vollbier (6-8%) in ihrer Besatzungszone. Diese Situation nutzten die Hersteller aus den anderen Zonen, um über die Bierverleger ihre Produkte in unser Gebiet einsickern zu lassen. Den wenigen Kölner Brauern blieb da nur der schäbige Rest. Die eingeführte Währungsreform am 18.6.1948 beendete dieses finstere Kapitel deutscher Wirtschafts-Vergangenheit. Eine neue, starke D-Mark war der Grundstein und Motor für eine weitere positive Entwicklung der Brauerei Heinrcih Reissdorf, Köln - wieder in der Severinstraße 51.

nach oben

Nach dem Wirtschaftswunder, Kölsch liegt im Trend

Ab jetzt ging es aufwärts in der Stadt Köln, der Schutt war größtenteils geräumt, Platz war da für das Neue. Ford baute wieder Autos und der 1.FC Köln gewann sein erstes Spiel. Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wurde erster deutscher Bundeskanzler und im Jahre 1950 feierte Köln sein 1900-jähriges Stadtjubiläum, immer noch auf einer Menge von Trümmern. 1951 fand die erste Allgemeine Nahrungs- und Genußmittel-Ausstellung ANUGA statt, wieder richtig gut Essen und Trinken war das Motto jener Tage. Auch die Kölner Brauer faßten so langsam wieder Fuß. Zuerst brauten sie untergäriges Bier wie Pils und Export. Das Kölsch spielte nur bei den kleinen Hausbrauern seine alte Rolle. Doch mehr und mehr wandelte sich die Marktlage, das helle, leicht bekömmliche Kölsch-Bier wurde jetzt Nationalgetränk der Kölner, Kölsch lag im Trend.

Auch bei der Brauerei HEINRICH REISSDORF erkannte man diese Marktchance. Zwar wurde vorerst noch hauptsächlich untergäriges Bier gebraut, doch der steigende Wunsch der Kölner Konsumenten nach Kölsch war dann später doch zwingend dafür, die Erweiterung der Braukapazität für obergäriges Bier durchzuführen. Außerdem ließen viele andere Kölner Brauereien, die dem Kölsch-Boom noch nicht so richtig trauten oder die Kosten der Umstellung auf Obergäriges noch nicht tragen konnten, ihr Kölsch bei der Brauerei HEINRICH REISSDORF im Lohnbrau-Verfahren herstellen. Ende 1947 wurde in der Brauerei REISSDORF eine neue Braupfanne mit Kohlefeuerung installiert. Diese war noch unter äußerst schwierigen Umständen in der Vorwährungszeit in Auftrag gegeben worden. Ihr Einbau war ein gewaltiger Schritt zu einer neuen leistungsfähigen Braustätte.

Die Brauerei HEINRICH REISSDORF war jetzt für die kommenden Boomjahre gerüstet. Nun ging es rapide aufwärts. Ab 28.6.1948 produzierte die Brauerei REISSDORF ein Einfachbier von 2-4%, in Flaschen abgefüllt, ab 1.4.1949 ein Lagerbier von 8% und ab 12.8.1949 wieder ein Vollbier von 12% als Pils, Export und Kölsch, dazu dunkles Schankbier. Ab 1950 wurde auch wieder Handelsware verkauft: EKU, DAB, Tucher und Würzburger Hofbräu. Erster Braumeister nach dem Kriege war Harald Richter, dem der Braumeister Manns folgte, erster Oberbrauer war Fritz Sengespeik, ihm folgte Albrecht Droth. Produktleiter war Herr Werner. Auch der Außendienst kam wieder in Schwung, dem ersten Reisenden Franz Schiffer folgten Rudolf Hoffmann und Gerd Krallmann.

nach oben

Am 1.4.1962 trat Rolf von Schütz als Prokurist und Verkaufsleiter in die Firma Heinrich Reissdorf ein. Er leitet auch heute noch nach mehr als 34 Jahren diesen wichtigen Teil des Unternehmens mit viel Erfolg und Umsicht. Er war maßgeblich daran beteiligt, daß die Brauerei HEINRICH REISSDORF ihre Zahl von Verkaufsstellen von fünf im Jahre 1945 auf ein vielfaches vergrößerte. Den Umfang des Verkaufsgebietes kann man heute am besten mit dem Begriff: "100 km rund um den Schornstein" bezeichnen. Der Bierumsatz vergrößerte sich seit der Vorkriegszeit um das zwanzigfache. Das Verhältnis der Abfüllung von Flaschen- und Faßbier beträgt im Moment 50:50. Auch die Zahl der Mitarbeiter stieg ständig. Waren es im Jahre 1960 noch 60, so waren im Jahre 1970 bereits 80 Mitarbeiter tätig. Im Jahre 1980 wurde der brauereieigene Fuhrpark, der 1948 mit einem alten Gutbrod und einem gebrauchten Magirus angefangen hatte, abgeschafft, zugunsten von unabhängigen Fuhrunternehmen und der Bierverleger. Logischerweise sank jetzt die Zahl der Beschäftigten auf 70, um heute im Jubiläumsjahre 1994 wieder die alte Marke von 80 erreicht zu haben. Dank des kontinuierlichen technischen Ausbaus der Braustätte produziert die Brauerei HEINRICH REISSDORF heute mit einer sehr großen Effektivität bei gleichzeitiger höchster Produktivität des Personals, was im Endeffekt für alle Beteiligten eine optimale Form von sozialer Sicherheit garantiert. Nachdem nun fast fünfzig Jahre seit dem ersten Sud nach dem Kriege vergangen sind, werden heute 6-8 Sude am Tag gebraut. Es hat sich also gelohnt, nach Krieg und Zerstörung die Ärmel hochzukrempeln und neu zu beginnen, auch wenn die Opfer für diese Anstrengungen sehr hoch waren. Doch das Wissen und die Genugtuung, etwas für sich und die Allgemeinheit geschaffen zu haben, entschädigt dann wieder für viele Stunden harter Arbeit. Heute hat die Privat-Brauerei Reissdorf ihr neues Domizil in Rodenkirchen. Im großzügig angelegten Firmengelände produziert die Brauerei mit modernster Technik.

Doch der Geist des Unternehmens ist nach wie vor dem verbunden, wodurch es einmal groß wurde: Beste Qualität, Verbundenheit mit der Stadt und den Menschen und der Erinnerung an das Viertel, aus dem es die Privat-Brauerei Heinrich Reissdorf einmal hervorging.

nach oben

Vom Kupferkessel zum Edelstahltank

1. Das Sudhaus

1a. Malzsilo und Schrotmühle
1913
- Eine 6-Walzen-Schrotmühle (MIAG-Seek) wird angeschafft, bis 1990 in Betrieb.
1973 - Bis zu diesem Termin wurde das Malz in 75-80 Kilo-Säcken angeliefert.
1973/74 - Ein neues Silo-Gebäude (Vollautomatische Silo-Anlage) mit 20 Silo-Zellen von 450 t wurde installiert.
1980 - Malz-Konditionierungseinrichtung wird eingebaut.

1b. Sudwerk u. Würzekühlung
1884
- 1. Zweigeschirr-Sudwerk der (Schmidding, Köln)
1908 - Einbau des neuen, zweiten Sudwerks (Israel, Köln).
1945 - Anstatt des durch Kriegseinwirkung defekten Sudwerks wird ein neues Sudwerk (Huppmann) konzipiert.
1947 - Inbetriebnahme der neuen Würzpfanne (Huppmann)
1948 - Durch einen Ausschlagbottich mit Berieselungs-Würzekühler (Kock) ergänzt.
1956 - Es kommt ein Plattenkühlapparat (Hollstein & Kappert) zum Einsatz.
1967 - Infolge des vergrößerten Ausstoßes wird das 2-Geschirr-Sudwerk durch ein 5- Geräte-Sudwerk (Huppmann) mit Kupfer-Maischbottich, Würzetank, Läuterbottich und Würzpfanne aus V2A mit 2000kg-Schüttung, ausgewechselt.
1970 - Der Ausschlagbottich wird durch einen Whirl-Pool (Huppmann) ersetzt.
1979 - Ein weiterer Läuterbottich und ein Pfannen-Dunstkondensator werden im Sudhaus installiert. Im gleichen Jahr kommt ein Plattenkühler (Schmidt, Bretten) hinzu.
1990 - Ein kompl. neues Sudhaus mit 5-Geschirren und 5 t Schüttung (Huppmann) wird eingebaut. Die moderne Anlage wird vorher auf der INTERBRAU '89 in München ausgestellt.

2. Der Gärkeller

1923 - Die Brauerei HEINRICH REISSDORF ist im Umbruch. sie verfügt über 4 Stahl-Gärbottiche.
1939 - Zusätzlich werden zwei Aluminium-Gärbottiche installiert.
1952 - Die zwei Aluminium-Bottiche werden ausgekellert, 5 neue mit je 50 hl Kapazität neu installiert.
1958 - Zwei weitere (mit V2A-Stahl) ausgekleidete Gärbottiche (Fa. Munk & Schmitz) kommen neu hinzu. Dieses Verfahren wird bei der Brauerei HEINRICH REISSDORF erstmals angewandt. Es wird später weltweit patentiert.
1964 - Die Endkapazität von 18 Gärbottichen ist erreicht.
1979 - Hefekeller mit 5 Hefetanks (Fa. Steinecker) wird eingerichtet. Sie verfügen über elektronische Meß- und Dosiereinrichtung und eine Reinigungsstation.
1989 - Einbau der ZKG-Anlage (Fa. Laudon).

3. Der Lagerkeller

1952/54 - Zu den 26 alten Stahl-Lagertanks kommen 44 neue hinzu. Insgesamt stehen 70 Lagertanks im Keller.
1961 - 8 weitere Tanks mit je 150 hl (Munk & Schmitz) werden angeschafft. Die Brauerei verfügt jetzt über 78 Tanks.
1975 - Noch einmal wird die Kapazität durch 5 weitere 200 hl Lagertanks (Munk & Schmitz) vergrößert. Der Lagerkeller faßt jetzt 83 Tanks.
1988 - Nochmals 8 große Lagertanks (Fa. Munk & Schmitz)
1990 - Die neue Technik hält Einzug. ZGK-Lagertanks werden eingeführt.

4. Die Abfüll-Anlagen

4a. Filter
1928 - Erste Filter-Anlage ist ein Bronze-Schalenfilter (Vulkan) mit 25 hl Leistung.
1934 - Die Anlage wird mit einer Filterkuchenpresse (Vulkan) komplettiert.
1951 - Ein Bier-Klärseparator (Bergedorfer Eisenwerke) wurde eingebaut, der bis 1966 in Betrieb war. Dieses Gerät steht heute im Brauerei-Museum, München
1966 - wurde er durch einen Bier-Separator (Alva-Laval) ersetzt.
1957 - Eine neue Filteranlage (Tomanek & Co) wird installiert.
1960 - Ein Kieselgur-Ausschwemm-Schichtenfilter (Schenk) wird eingebaut. Sie verfügt über 60 Trubrahmen. Diese wird später mit einem 60 Trub-Bierschichtenfilter inkl. Kieselgur-Dosier-Anlage (Schenk) komplettiert.
1980 - Beide Filter werden durch V2A-Kombifilter ersetzt. Bierseparotor (Alfa-Laval) wird gegen Westfalia-Separator ausgetauscht.

4b. Abfüllanlagen
1914 - Faßreinigungs-Faßwasch-Anlage (Botner, Leipzig) für innen und außen wird installiert.
1928
- Zusätzlich ein Faßfüller mit 2 Füllorganen (Enzinger Union).
1939
- Anlage zur Innenauskleidung mit Pechharz für Holzfässer (Jung) kombiniert mit einem 2-Düsen Be- und Entpischgerät wird angeschafft.
1951
- Faß-Reinigungs-Rundläufer (Wagner) wird installiert. Diese wurde 1976 ersetzt durch einen Vollautomat (Leifeld & Lemke)
1957
- Inbetriebnahme einer Kombi-Anlage (Tomanek & Co) für Segment- Flascheneinweichung, Rundbürstmaschine, Flaschenausspritzer (48 Spritzstellen) und einem halbautomat. Rundfüller mit 12 Füllstellen.
1964
- Einrichtung eines komplett neuen Flaschenkellers (Hollstein & Klappert).
1971-80
- Erweiterung der kessellosen 8 Organ-Flaschen-abfüllung (Esau & Hueber)
1981-87
Ständige Modernisierung.
1987-91
komplette Erneuerung des Flaschenkellers (Krones).
1993
- Einführung der KEG-Technologie (m+f, KEG-Technik)

5. Dampf, Kälte, Druckluft & Wasser

5a. Dampfkraftanlagen
1959 - Ein neuer Flammrohr-Rauchrohrkessel wird aufgestellt.
1965 u.1976 Diese Anlage wird in zwei Schritten mit einem Schnell-Dampferzeuger (Thyssen-Henschel) aufgestockt.
1979 - Ein 3-Zug Flammrohr-Rauchrohrkessel m. Speisewasservorrat (Standard) wird eingebaut.
1990 - Kompl. neues Kesselhaus: Zwei 3-Zug Flammrohr-Kessel (Standard) m. Speisewasser-Vorrat, - komb. Öl/Gas-Feuerung.

5b. Eis- und Kühlanlagen
1894 - Es wird Blockeis von der Eisfabrik Linde geliefert.
1924 - Eine liegende Eis u. Kühlmaschine (50.000 kg/kal.) wird eingebaut (EUMUCO)
1952 - Eine vollautomatische Eis- und Kühlmaschine (Rheinkälte) kommt hinzu.
1961/63/65 - Die Anlage wird m. 3 zusätzl. Frigen-Kompressoren (je 17.000 kg/kal.) erweitert.
1976/78/83 - Ein Kühlturm für 24-Stundenbetrieb erhöht die Leistung wesentlich (2/3 Wassereinsparung)

5c. Druckluft
1952/69 - In dieser Zeit wurden 5 Luftkompressoren (Neumann & Esser) installiert.
1979 - 1 weiterer Luftkompressor (Neumann & Esser) zusätzlich.
1982
- 2 große Luft- Kompressoren (Neumann & Esser) komplettieren die Anlage.

5d. Wasser
Die Brauerei verfügt über zwei eigene Brunnenanlagen.

6. Light & Alkoholfrei

1992 - Eine Entalkoholisierungs-Anlage zur Herstellung von Light und Alkoholfrei wird installiert.

7. Labor

1950 - Erstes kleines Labor. Enge Zusammenarbeit mit der Außenstelle der VLB an der Bottmühle, Institut der Universität Köln.
1974/77 - Erweiterung des Labors in drei eigenen Räumen.
1898 - Neues Labor, das ständig in drei Schichten besetzt ist.

Notstrom

1954 - Wegen der Androhung eines bevorstehendes Streiks, und weil das E-Werk die Stromversorgung nicht garantieren konnte, wurde sechs Kölner Brauern, die nicht über eigene Stromgeneratoren verfügten Notsrom- Aggregate (100 Kilowatt) von KHD aus einem Reparations-Kontingent zur Verfügung gestellt. Auch die Brauerei HEINRICH REISSDORF erwarb auch einen.

Kölsch-Pression

1926 - Die Brauerei HEINRICH REISSDORF führt als erste eine Zapfanlage für obergäriges Bier mit Pression ein. Durch ein Schaufaß ging die Bierleitung zum Faß in den Bierkeller. Da nicht alle Fässer Kölsch am gleichen Tag geleert wurden, konnte so frisches Kölsch über mehrere Tage hinweg gezapft werden. Der optische Eindruck des urigen Kölsch-Faß auf dem Bock wurde gewahrt, und das Bier blieb trotzdem frisch und gekühlt.

Der Schwerpunkt der Aktivitäten des Unternehmens liegt selbstverständlich auf der Herstellung von obergärigem Kölsch-Bier. Doch wer auf diesem Gebiet erfolgreich sein will, muß auch Einblicke in die Gastronomie und ihrer Bedürfnisse haben. Das praktizieren wir nun seit 100 Jahren. Unsere Brauereiausschank-Gaststätten sollen den Gästen die Atmosphäre und Leistung bieten, wie wir sie uns als Brauerei HEINRICH REISSDORF vorstellen. Wir hoffen, daß Sie mit unseren Leistungen auch in Zukunft zufrieden sind - wie schon seit 100 Jahren.

nach oben

Beilage: Brauen im Süden Kölns

Die alten Brauhäuser im "Vrings-Veedel"

Ein Ereignis, wie das 100-jährige Bestehen der Brauerei HEINRICH REISSDORF, ist die Überlegung wert, in welchem geographischen und sozialen Umfeld eine solche unternehmerische Leistung, wie die Integration einer Brauerei in ein Wohnviertel möglich war. Das Severinsviertel, von seinen Bewohnern liebevoll "Vrings-Veedel" oder auch nur "Et Veedel" genannt, ist ältester Kölner Kulturboden. Archäologische Funde aus römischer nd fränkischer Zeit sind hier an der Tagesordnung. Denn die Severinstraße ist der südliche Teil der alten römischen Stadtdurchfahrt, die seit 2000 Jahren Köln von Süden nach Norden durchquert. Sie war und ist eine der wichtigsten Straßen der Stadt, wo seit Jahrhunderten von morgens bis abends lebendiges Leben pulsiert und ein buntes Menschengemisch das Bild bestimmt. Hell und Dunkel, "Rot" und "Schwarz", Kölsche und "Imis", Arm und Reich, alle leben hier friedlich miteinander. Zwischen dem Waidmarkt und der "Pooz" wurde Geschichte und Geschichten gemacht. Der Kampf zwischen dem Erzbischof Engelbert II. und Kölner Bürgern um den Bayenthurm (1262) und der berühmte Überfall desselben an der Ulrepforte (1268) gegen die Overstolzen, waren im Laufe der Kölner Stadtgeschichte Zeugen kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Severinstraße war im Mittelalter auch die Straße der Kirchen, Klöster und Kapellen, wo die Muttergottes und die vielen Heiligen besonders inbrünstig verehrt wurden. Ein wenig von dieser speziellen Frömmigkeit lebt heute noch hier im Viertel. Mit Kerzen reich bestückte Gnadenbilder im Dämmerlicht der Kirchen St. Severin, St. Georg und Zint Jan ziehen auch heute noch immer Betende und Bittende an. Zahlreiche Danktafeln an den Gnadenbildern weisen auf diese Tatsache hin. Die Kirche St. Severin, nach Kölns drittem Bischof St. Severin (346-399) benannt, gehörte zu einem Kloster, und der Standort gilt als die Stelle, an der die älteste christliche Kirche Kölns historisch nachgewiesen werden kann. Die jetzige romanische Kirche mit ihrem gewaltigen Westturm wurde in den Jahren zwischen 1393-1411 erbaut. Die "Basilika minor" St. Severin, Nummer drei in der Rangfolge der Kölner Kirchen (nach dem Dom und St. Gereon), lag inmitten eines römischen Gräberfeldes und bestand als Stift bis zum Jahre 1802. Dann wurde es von Napoleon aufgelöst. Die Stiftskirche wurde von nun an als Pfarrkirche genutzt und löste die Kirche St. Magdalenen, die früher gegenüber lag, als Pfarrkirche ab. In den verschiedenen Kölner Stadtvierteln liegt immer ein gewisser Geruch von Bier und Brauen in der Luft, einer der für Köln besonders typischen Düfte. Auch im Severinsviertel gehört dieses "Kölsch-Parfümm" zum guten Duft. Zwar wurde auf den großen, offenen landwirtschaftlich genutzten Freiflächen an der Bottmühle und Ulrepforte auch Wein angebaut, die Karnevalsgesellschaft "Winzer und Winzerinnen vun dr Bottmüll" geben hiervon heute noch Zeugnis, doch war das Bier über die Jahrhunderte hinweg das favorisierte Getränk des Viertels. Heute verfügt die Kölner Südstadt im weiteren Sinne nur noch über die Brauerei HEINRICH REISSDORF. Doch im Laufe der letzten 100 Jahre gab es allein auf der Severinstraße siebzehn verschiedene Brauhäuser. Das waren so viele, wie sonst nirgendwo in Köln und es unterstreicht den Stellenwert dieser Straße. Definiert man das Viertel im Viereck zwischen Bayenturm, Ulrepforte, Waidmarkt und Maria Lyskirchen, so bestanden hier in den letzten 150 Jahren etwa 30 verschiedene Brauereien oder Brauhäuser. Als erster Brauer im Severinsviertel wird in den Biersteuerbüchern aus dem Jahre 1476 ein "Klais (Nikolaus) op dr Vringstraß" genannt. Auch das Stift St. Severin verfügte über eine eigene Klosterbrauerei, wie uns aus einem Prozeß der frommen Stiftsbrauer mit der Kölner Brauerzunft überliefert ist. Diese war erbost darüber, daß die Mönche, die bekanntlich keine Steuern zahlten, ihr "Kloster-Kölsch" weit unter Preis verkauften. 

nach oben

Das schönste und berühmteste Brauhaus im Viertel war wohl das Haus "Zum goldenen Bären", Severinstraße Nr.15, das Brauer Heinrich Deutz im Jahre 1676 erbaute. Im Jahre 1339 wurde das Grundstück dem mit den Kölner Brauern eng verbundenen Dominikaner-Orden vermacht, der es dann später vielleicht einem befreundeten Kölner Brauer weiterverkauft haben könnte. Das Brauhaus "Zum goldenen Bären", ein architektonisches Schmuckstück mit Kranbalken und kunstvollem Türerker war ein Glanzlicht des Viertels. Die ehemals vergoldeten Maueranker formen den Spruch: "Soli Deo Gloria" (allein Gott zum Ruhme). Nach seinen letzten Betreibern, der Brauerei Balchem, heißt das Brauhaus heute allgemein "Em Balge". Im Hinterhaus wurde bis zum Jahre 1890 noch gebraut, dann wurde das alte Brauhaus abgerissen und durch eine neue, moderne Großbrauerei am Karthäuser Wall 18 ersetzt. Diese Karthäuser-Brauerei, heute noch im Kern erhalten, braute bis zum Jahre 1921. Der schöne Giebel des Hauses auf der Severinstraße Nr.15 wurde im 2.Weltkrieg stark zerstört, ist aber inzwischen wieder in alter Form restauriert. Das mittlerweile der Stadt Köln gehörende Haus wurde in eine öffentliche Bibliothek umgewandelt, Kölsch lesen statt Kölsch trinken - warum eigentlich nicht beides gleichzeitig? Die Lage der Brauhäuser des (erweiterten) Severinsviertels ist grob in drei Hauptgebiete einzuteilen: 1.das Gebiet zwischen der Torburg und der Kirche St. Severin, 2. das Gebiet mit Zentrum St. Johann Baptist - Elendskirche und 3. die Gegend um den Holzmarkt und Maria Lyskirchen. Man kann also sagen, daß Kölsch und Kirche seit jeher eng miteinander verbunden waren. Um die Vielfalt dieser Braukultur zu dokumentieren, seien nur einmal die Braustätten im Gebiet um St. Severin zu nennen. Hier befanden sich die Brauereien Heinr. Bardenheuer (Severinstr. 7/9), Balchem (Severinstr.15 /Karthäuser Wall 18), Jakob Bungarten (Severinstr.20), Wilh. Brück (Severinstr.35) und die obergärige Brauerei HEINRICH REISSDORF (Seveinstr.51). Dazu kamen später noch die beiden Brauereien am Chlodwigplatz: Sebastian Urhan und die wenig bekannte Brauerei "Zu den drei Kaisern". In der kleinen Spitzengasse, wo sich heute das Hotel Mercure befindet, stand das Brauhaus "Zum Lämmchen" (Nr.205) Hier wurde bis 1866 gebraut.

Jedes der vielen Brauhäuser des Severinsviertels einzeln zu dokumentieren, wäre hier zu umfangreich, und so wollen wir uns auf die wichtigsten Brauereien beschränken. Die ehemalige Brauerei Wilhelm Brück, der heutige REISSDORF Brauerei- Ausschank an der Ecke Severinstraße und "An St. Magdalenen", ist heute ein beliebter Treffpunkt im Viertel. In der oberen Hälfte der Straße, An St. Katharinen, wo vor dem Bau der Kölner Severinsbrücke die beliebte und belebte Spulmannsgasse zum Rhein hinab führte, befand sich das Brauhaus "Zum Catharinen Örtchen" (Nr.183) und in der Straße An St. Katharinen war auch bis 1938 die Verwaltung der renommierten "Hitdorfer-(Pils) Brauerei", die vielen älteren Mitbürgern noch gut bekannt sein wird. Unten am Rhein, in der Bayenstraße Nr.87 lag das Brauhaus "Zum Marienbildchen", das noch bis 1942 bestanden hat. An Lyskirchen 3/5 stand das Obergärige Brauhaus Peters, ehemals Bröhl, das 1943 zerstört wurde. Das Brauhaus "Zum Anker" am Holzmarkt Nr.61 lebte nach dem Krieg an anderer Stelle nur noch in seinem Namen fort. Vieles der alten Kölner Brauhaus-Herrlichkeit ist verschwunden, doch auch heute gibt es noch echte Brauhaus-Atmoshäre "Op dr Vrings-Stroß". Außer natürlich im REISSDORF-Brauerei-Ausschank am Severinskirchplatz fließt das Kölsch im Viertel zünftig und reichlich. Junge und auch traditionelle Bierkultur gehen hier Hand in Hand. Hier kann jeder nach seiner "Fassong" glücklich werden. Gehören heute auch die meisten der siebzehn ehemaligen Brauereien der Severinstraße und im restlichen Viertel der Vergangenheit an, so herrscht hier trotzdem noch immer die Kölsch-Bier-Vielfalt. Die zahlreichen Kneipen zwischen Waidmarkt und Chlodwigplatz bieten dem Kölschfreund die meisten der vielen Kölschmarken an. Konkurrenz belebt das Geschäft. Zwar schwören die echten Kölschkenner auf ihre Leib- und Magenmarke, doch ein bißchen fremdgehen ist ja auch mal schön. Hier im "Veedel" ist man tolerant und wir wünschen, daß uns diese Tugenden noch möglichst lange erhalten bleiben. "Jeder Jeck es eben anders" und dazu gehört auch immer ein passendes Kölsch. Unser obergäriges REISSDORF KÖLSCH ist eins von diesen. Wenn Sie demnächst wieder einmal durchs "Vrings-Veedel" kommen, nehmen Sie sich die Zeit und die Muße, setzten Sie sich in eine der vielen gemütlichen Kneipen rund um den mächtigen Turm von St. Severin und genießen Sie das ein oder andere Glas Kölsch. (FM)

 

nach oben