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Die klassenlose Brauhausgesellschaft

Köbes
Köbes

Manche Brauhausgäste meinen, die Köbesse wären für sie da, das ist nur bedingt und im Einzelfall richtig, im Normalfall ist es eher umgekehrt - könnte man manchmal meinen. Sie sehen, das Thema beginnt schon sehr kontrovers und genau wie jeder auf seine eigene Kölschmarke schwört, hat auch jeder über 'seinen' Köbes seine eigene Meinung. Doch beginnen wir bei der Historie - und da ist auch schon Schluß, denn der Köbes hat keine. Er taucht irgendwo im Brauhausnebel des 19. Jahrhunderts auf, ohne daß man seine Herkunft genau festlegen kann. Sozusagen wie Lohengrin, nur nicht mit dem Schwan, sondern mit einem Kranz Kölsch.

So einigermaßen sicher ist, das er ursprünglich der "Brauer-Pooscht" (Brauerbursche) war der tagsüber in der Brauerei arbeitete und abends im Brauhaus bediente. Er wohnte bei frei Kost und Logis im Brauhaus und gehörte quasi zur Familie. Doch diese erste Generation der Köbesse ist schon lange verschwunden. Heute gilt ein Köbes, der zehn Jahre im selben Brauhaus arbeitet schon als Rarität. Über seinen Namen gibt es die tollsten Deutungen. Fest steht, daß Köbes die Kölsche Übersetzung für Jakob ist. Vielleicht war es so, daß in grauer Vorzeit besonders viele Brauersburschen Jakob hießen und so dieser Einzelname zum Gattungsbegriff wurde, - wer weiß das schon?

Eine andere abenteuerliche Version lautet, daß die Köbesse diejenigen Pilger waren, die von ihrer Reise über den Jakobsweg nach Santiago de Compostella in Spanien ans Grab des Hl. Jakob gepilgert waren und den Kölnern in den Brauhäusern von ihrer langen Reise erzählten, wobei sie gleichzeitig die Gäste bedienten. Vielleicht erklärt das warum die meisten Köbesse so gerne "Verzäll" halten und auch oft sehr lange unterwegs sind. Köbes ist kein direkter Lehrberuf, zum Köbes muß man geboren sein. Denn mit dem blauen Strickwams übernimmt er auch eine komplette Lebensphilosophie, die der bekannte Kölner Kabarettist Jürgen Becker in seinem Buch Biotop für Bekloppte so beschreibt: "Der realexistierende Köbismus, in dem der selbstbewußte Werktätige dem Kunden keineswegs in den Arsch kriechen muß, sondern einen Plan davon hat, was auf den Tisch kommt".

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Weiter: "Man kann also sagen, der Köbes benimmt sich wie im Osten, bedient aber wie im Westen. Und damit beseitigt er den größten Gegensatz des Abendlandes, eine Symbiose aus Marx und Markt in der Weetschaff op d'r Eck". Also im Klartext, der Köbes bedient wie er will und wann er will. Doch spätestens hier kommen wir doch schon wieder ins Gedränge, wer ist denn "der Köbes"'? Ist es der schlagfertige Kölsche Jung aus dem Vringsveedel, ist es der Köbes "de Lüx" mit dem Streifenhemd, ist es der Köbes "espagnol" von d'r Schääl Sick, ist es der Köbes "ordinär", also einer, der sich am Wochenende was zum Studium verdient? Köbes ist .... lassen wir das und nehmen wir unseren Köbes so wie er ist, mal so und mal so. Manchmal, wenn der Köbes einen guten Tag hat läuft er zur Hochform auf, dann purzeln die Bonmots nur so aus ihm heraus:

"Kakao? Mir sin doch he kein Müttergenesungswerk"!
"Dunkel Bier? Pitter mach ens et Leech us, he will einer Dunkel Bier han"!
"Tee? da gehste am beste glich gägenüvver, do es en Appetek"!

Und so weiter und so weiter. Manche sehen den Köbes natürlich auch ganz positiv, fast euphorisch, wie der Autor Rudolf Spiegel, der über die Köbesse schreibt: "Sie sind fix und aufmerksam, Köbesse sind - Unikum oder Unikat"? - größtenteils geborene Entertainer. Wer bei ihnen nichts zu lachen hat, ist selber schuld".

Ein weiter Aspekt des Köbes sind seine sozialen Aufgaben: Sie sind die besten Freunde ihrer Gäste, voller Anteilnahme und guter Ratschläge. Köbesse kennen die Welt allein schon deswegen, weil dieselbe stets in ihrem Revier zu Gast ist - und die Welt ist eben klein.

Köbesse sind Nachrichtenbüros Bänker ("sullich dä Deckel bes morje hehalde"?)
und Philosophen ("de Welt es schlääch"),
Beichtväter und Internisten ("Wat, noch ene Schabau, bei dingem ruude Kopp"?)

Doch im allgemeinen ist der Kölsche Köbes freundlich - na ja so einigermaßen - man will ja nicht meckern, sonst wird man womöglich von der nächsten Bierzuteilung ausgeschlossen, und das tut ja denn auch weh. Und im übrigen gilt ja auch nach wie vor der Spruch: "Hier ist der Köbes König", oder so ähnlich...

Noch einen guten Rat an alle auswärtigen Gäste:
Sollten Sie in nächster Zeit einmal in ein Brauhaus kommen und sich an einen der blank gescheuerten weißen Tische niederlassen, beherzigen Sie bitte folgende Verhaltensregeln: Rufen Sie nie "Herr Ober", das mag der Köbes überhaupt nicht, warten Sie bis daß Sie angesprochen werden, Versuchen Sie nie Witze zu machen oder zu erzählen, und geben Sie ohne zu murren reichlich Trinkgeld, dann haben Sie einen Freund fürs Leben gefunden, Ihren Lieblings-Köbes.

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Die Hauptrolle spielt im Brauhaus das Kölsch. Die einmal gewählte Marke ist Religion und Weltanschauung, hier gehen Risse durch Familien und Generationen. Das Kölsch ist "Treibstoff" für Lebensfreude und Unterhaltung, Schmiermittel für funktionierende, gelebte Demokratie - hier kann jeder sagen, was er will, wenn er nicht zu laut wird. Nur hier treffen Eltern noch ihre Kinder, nur hier sitzt der Bauarbeiter neben dem Bänker und der Fräser neben dem Finanzhai, der Künstler neben dem Küster und der Direktor neben dem Dentisten, der Steuerberater neben dem Studenten und der Politiker neben der Politesse. Die vielen hundert Kneipen und die traditionellen Kölschen Brauhäuser sind gesellschaftliche Brennpunkte, wo im Zeitalter ständiger audiovisueller Reiz-Überflutung der Medien noch echte menschliche Kommunikation möglich ist. Hier endlich kommt der sozio-kulturelle Beitrag des Kölsch-Bieres zum Tragen, hier manifestiert sich die "klassenlose Brauhaus-Gesellschaft". Die Kölner sind mit Recht stolz auf diese Brauhaus-Gesellschaft, nicht zu verwechseln mit "society". Hier setzt sich jeder zu jedem, wo gerade Platz ist. Zwar gilt auch hier der bekannte Gorbatschow-Spruch: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", doch es gilt hier auch: Eng ist gemütlich. Reservierungen gibt es im Brauhaus nur für Stammtische, die nachweislich bereits seit über zwanzig Jahren und - regelmäßig hier erscheinen.

Diese typische Kölner Brauhaus-Kultur ist ein wichtiger sozio-kultureller Teil des heutigen gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Bürgersinn und Handwerkskunst fanden sich in einer fruchtbaren Symbiose zusammen und gebaren einen Sprößling, an dem heute alle Kölner und ihre Gäste ihre Freude haben. Die klassenlose Brauhaus-Gesellschaft trägt viel zum positiven Erscheinungsbild einer toleranten Metropole bei. Kölsch führt zusammen und die sprichwörtliche rheinische Frohnatur zeigt sich hier von ihrer besten Seite.

Zeremonienmeister im Brauhaus ist der Köbes, auch wenn mancher mit dieser Rolle etwas überfordert ist. Der gute Köbes hat seine Gäste normalerweise fest im Griff, er gibt den Zeittakt der Kölsch-Rationen vor und bestimmt so - ähnlich wie die Mediziner - seinen Umsatz selbst. Der Köbes ist schlagfertig und seine Witze sind (manchmal) gepreßte Lebensweisheit. Kölsch, Sprache und Getränk, beides sind Identifikations-Faktoren rheinischer Lebensart und dem "Wir-Gefühl" der Bewohner dieser Stadt.

Denn zu den typischen Merkmalen einer kölschen Wirtschaft gehören: das Kölsch als solches, die kölsche Foderkaat, die Einrichtung und der Köbes. Der wiederum gehört zur Einrichtung. Köbesse gehören zum kölschen Brauchtum, wie "et Salz en de Zupp". Niemand weiß so recht, wann sie genau die Szene der Bierkneipen und Brauhäuser betreten haben. Aber seit sicherlich 200 Jahren sind sie auf der Szene. Brauknechte waren sie früher, die Fässer rollten anschlugen und zapften. Ihre unverwechselbare Kleidung war das blaugestrickte Wams, blauleinene Schürze, die lederne Geldtasche umgeschnallt. Das traditionelle Strickwams ist seltener geworden, oft tragen sie heute weiße oder blaue kurzärmelige Hemden. Aber sie heißen nach wie vor noch alle Köbes (Jakob). Also ist das kein Rufname, sondern eine Berufsbezeichnung - und die Mehrzahl von Ihnen macht dem Beruf auch alle Ehre. "Hä eß fründlich, maneerlich, vor allem grundehrlich un immerfidel - Ne prächtige Kääl!" So reimte der Kölner Mundartdichter Peter Berchem auf die einmalige Mischung von Autorität und antiautoritärem Service. Da Köbes kein Lehrberuf ist, sondern irgend etwas zwischen Dasein und So-Sein, zwischen einer Tätigkeit und einer Weltanschauung, mangelt es dann auch am klaren Berufsbild - weshalb sich der Beobachter naturgemäß eher dem Erscheinungsbild zuwendet.

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Für die Gattung allgemein gültige Merkmale wären demzufolge unter anderem folgende gängige Klischees inklusive: Köbesse scheinen ein zweites Gesicht für Gesichter zu haben. "Un do? E Kölsch" - "Wie immer?" lautet die Frage an den Gast. Nur ganz schwer Magenkranke sollen mal mit "Nein" geantwortet haben. Für alle anderen erledigt sich die Bestellung ebenso von selbst wie das Problem der Anredeform. Bekannte und Unbekannte, Nahe und Ferne Eingeborene und "Imis" sind glückliche Mitglieder der Köbes’schen Duz-Familie. Typisch ist auch die Anekdote, wo ein Gast nach mehr als fünfzehn Jahren nach Köln zurückkehrt und seine alte Stammkneipe besucht. Der Köbes schaut ihn an und sagt: "Un söns – alles klar"?

Köbesse servieren links wie rechts; Besteck und Serviette hinzulegen käme ihnen nicht in den Sinn, man ist schließlich kein Serviermeister! Und klappt etwas nicht auf die Minute, dann folgt der fälligen Reklamation die beste aller Erklärungen auf dem Fuße: Man, habe schließlich auch nur zwei Hände oder man sei Köbes und nicht "Auf der Flucht". Köbesse haben es schwer, denn sie haben schwer zu schleppen und müssen lange Wege laufen, allerdings nicht mehr ganz so hektisch wie die Kollegen von einst. Vor der Jahrhundertwende, so wird aus der "Zweipann" des "Schebens Tünn" berichtet, hätte man an einem heißen Sonntag 33 Hektoliter oder gleich 12 000 Glas Bier mit zwei Köbessen und einem Stift an den Gast gebracht!- Doch das fällt sehr wahrscheinlich in die Rubrik: "Köbes-Latein".

Heute hingegen liegt die Erschwernis des Köbes-Daseins auch darin, daß der dienstbare Freund bei Wind und Wetter das kalte Kölsch trinken muß, welches ihm die Gäste gern spendieren, weil ihnen ständig der Song "Drink doch eine met" im Kopf herumgeht. Da uns nun nicht im geringsten daran liegt, die Gattung und/oder den Menschen Köbes zu veräppeln, sollte auch von guten Eigenschaften die Rede sein: Sie sind oft fix und aufmerksam, sie sind Unikum oder Unikat und - manchmal auch geborene Entertainer. Das nennen sie selbst "für den Gast das Äffchen machen". Aber was tut man nicht alles fürs Trinkgeld. Wer bei ihnen nichts zu lachen hat, ist wirklich selber schuld. Köbesse sind gute Freunde, voller mitfühlender Anteilnahme und guter Ratschläge. Köbesse kennen die Welt allein schon deswegen, weil dieselbe stets in ihrem Revier zu Gast ist - und die Welt ist eben klein. Köbesse sind Nachrichtenbüros, Geheimagenten, Philosophen, Beichtväter und Internisten.

Ohne sie wäre die kölsche Kneipe so farblos wie der Dom ohne Schweizer. Der Reporter eines überregionalen, in Hamburg erscheinenden Publikumsmagazins hat einmal die Kühnheit besessen, bei Früh statt Kölsch einen Tee zu bestellen. "Biste krank?", fragte der Köbes zurück. "Ich jläuv ich bin op der Intensivstation!" Dass ein Köbes im Dienst jedoch mal einen amtierenden Bundeskanzler geduzt haben soll, diese Nachricht hat das besagte Magazin bislang exklusiv ebenso wie das (mögliche) Dementi. Aber ob Bundeskanzler oder Straßenarbeiter, im Brauhaus fühlen sich in Köln alle wie zu Hause. Als beim letzten "Gipfel", dem Treffen der Großen dieser Welt besuchte der damalige Präsident Clinton mit seiner Familie die "Malzmühle" um dort ein paar Kölsch zu trinken und etwas zu essen. Im gesamten deutschen Blätterwald löste dies Schlagzeilen und "Erste Seite Fotos" aus - auch in Köln. Doch war man außerdem auch etwas stolz, dass der mächtigste Mann der Welt die rheinische Lebensart seiner Gastgeber zur Kenntnis nahm. Wie man später hörte, war er vom Mühlen-Kölsch sehr angetan. (FM)

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